Gesamtschule: Steirer-ÖVP erzürnt über Denkverbot

9. Jänner 2014, 17:46
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Landesrätin Edlinger-Ploder: "Das ist nicht meine Partei" - Spindelegger: "Bin offen für jede Debatte" - Auch Wiener ÖVP für Modellregion

Graz/Wien - Auch der schnippische Hinweis an seine Parteifreunde, er sei ja nicht das Christkind, nützte wenig: ÖVP-Chef Michael Spindelegger wird das Thema Gesamtschule so schnell nicht wieder los. Im Gegenteil: Jetzt regt sich erst recht Kritik.

"Ich ärgere mich wirklich, wenn nun in den eigenen Reihen ein Denkverbot ausgesprochen wird. Das ist nicht meine Partei, wie ich sie kenne. Der Starrsinn bei einigen Funktionsträgern in der Bundespartei ist unerträglich", sagte die steirische ÖVP-Landesrätin Kristina Edlinger-Ploder am Donnerstag im STANDARD-Gespräch. Edlinger-Ploder plädiert seit Jahren für die Einführung einer Gesamtschule.

Sture Haltung

Die sture Haltung der Bundes-ÖVP sei für sie "überhaupt nicht nachvollziehbar", nachdem maßgebliche Länder und auch das Ministerium bei den Modellregionen an einem Stang ziehen würden.

Es sei "selbstverständlich sinnvoll" in den Bundesländern derartige Modellregionen starten zu lassen, um genau prüfen zu können, wie pädagogisch und finanziell sinnvoll gemeinsame Schulen funktionieren. "Lasst es uns ausprobieren", appellierte Edlinger-Ploder an ihre Bundespartei. Zuletzt hatten sich die Vorarlberger, Tiroler und Salzburger ÖVP für Modellregionen ausgesprochen.

Versöhnlicher Parteichef

Parteichef Michael Spindelegger deponierte am Donnerstagabend in der ZiB2 neuerlich sein Nein zu einer Modellregion in einem ganzen Bundesland. „Wenn ich das flächendeckend in einem ganzen Bundesland mache, habe ich die andere Organisation abgeschafft“, erklärte er. Er glaube auch nicht, dass Eltern und Schüler das Gymnasium in der Unterstufe abschaffen wollen. Versöhnlicher Zusatz: „Ich bin offen für jede Debatte. Aber nicht in Richtung: Es muss das eine oder andere Modell sein.“

Zuvor hatte auch der Obmann der steirischen ÖVP-Abgeordneten im Parlament, Werner Amon, klargemacht, dass auch die steirischen ÖVP-Abgeordneten im Nationalrat ein "Diskussionsverbot" in Sachen Gesamtschule nicht akzeptieren und den Aufbau von Modellregionen unterstützen würden.

Auch wenn es in Sachen Gesamtschule ein Koalitionsübereinkommen gebe, sei dieses "nicht die Bibel", sagte Amon im Kurier. Es gebe ebenso bei anderen Themen Vorschläge, die über das Abkommen hinausgehen. Auch Amon forderte im Namen der steirischen Abgeordneten Parteichef Spindelegger auf, Modellversuche zur Gesamtschule zuzulassen. Mit der "Blockade muss Schluss sein", kritisierte der ehemalige Bildungssprecher Amon.

Auch Wiener VP kann sich Modellregionen vorstellen

Auch die Wiener VP kann sich Modellregionen zur Gesamtschule vorstellen. "Jeder hat das Recht, gescheiter zu werden", meint Landesparteiobmann Manfred Juraczka in den "Vorarlberger Nachrichten" (Freitag-Ausgabe). "Man kann verschiedene Dinge ausprobieren." Ein entsprechender Schulversuch solle aber nicht in einem ganzen Bundesland stattfinden.

"Was vorstellbar ist, ist, dass man in einem Bezirk einmal testet, ob man mit einer Gemeinsamen Schule etwas weiterbrächte. Alles andere hielte ich für eine Gefährdung des Schulsystems im ganzen Land", so Juraczka. Er selbst müsste von einer gemeinsamen Schule auch erst überzeugt werden: "Umfragen zeigen, dass die Menschen eine Weiterführung der Langform des Gymnasiums wollen. Ich habe größtes Verständnis dafür."

Die Kärntner ÖVP spricht sich gegen Modellregionen zur Gesamtschule aus. Parteichef Gabriel Obernosterer erklärte am Freitag auf APA-Anfrage, es habe sich gezeigt, dass "die Modellregionen nichts bringen" und verwies auf die Kritik des Rechnungshofes (RH) an der Neuen Mittelschule (NMS). Er sprach sich stattdessen für die Wiedereinführung der Aufnahmsprüfungen für das Gymnasium aus.(Walter Müller/APA, DER STANDARD, 10.1.2014)

  • Edlinger- Ploder plädiert für die Gesamtschule.
    foto: apa/scheriau

    Edlinger- Ploder plädiert für die Gesamtschule.

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