Bestseller und Leichenfund

9. Jänner 2014, 17:27
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In Frankreich landete der junge Schweizer Schriftsteller Joël Dicker mit "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" einen Riesenerfolg

Wien - Das Lesepublikum ist immer für Überraschungen gut. Was in Manuskripten steckt, lässt sich oft erkennen - oder zumindest vermuten; wie sie aufgenommen werden, kann jedoch auch im Zeitalter großer Marketing-Feldzüge noch ganz schön unerwartete Blüten treiben.

Im Herbst 2012 führte in Frankreich lange ein Buch die Bestsellerliste an, mit dem kaum jemand gerechnet hatte. La Vérité sur l'Affaire Harry Quebert war von einem kleinen, feinen Verlag herausgebracht worden; der Autor, der 27-jährige Genfer Joël Dicker, war nur wenigen Kennern der Literaturszene ein vager Begriff. Zudem kam es dem zum heimischen Autor neigenden französischen Publikum nicht gerade entgegen, dass der über 700 Seiten starke Roman eines Schweizers in den USA spielt. Trotzdem ging er öfter über den Ladentisch als Bücher der amerikanischen Markterfolgswalze. Da in Frankreich auch hohe literarische Qualität im Verkauf zu reüssieren vermag, befand sich Dicker auf der Bestsellerliste in guter Gesellschaft mit Gewinnern renommierter Preise; und er selbst erhielt den Grand Prix der Académie Française zugesprochen.

Binnen weniger Monate hat es der Piper-Verlag geschafft, Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert auf Deutsch zu publizieren. Zwar ist der Übersetzung in Passagen die Eile anzumerken, von seinem Sog hat der Roman aber nichts eingebüßt. Es ist tatsächlich ein Buch, das den Leser hineinzieht und nicht mehr loslässt.

Aurora, eine kleine Stadt an der verträumten Küste New Hampshires: "Es ist ein Stück Amerika, dessen Bewohner ihre Haustüren nicht abschließen." Bis man im Juni 2008 im Garten des renommierten Schriftstellers und Professors Harry Quebert zufällig eine Leiche findet und daneben, in einer Ledertasche, das Manuskript des Romans, der ihn berühmt gemacht hat . Es sind die Überreste der 15-jährigen Nola, die 1975, also vor mehr als 30 Jahren, spurlos verschwand und - wie sich nun herausstellt - erschlagen wurde. Die Indizien belasten den Schriftsteller, der daraufhin sein Liebesverhältnis mit der Minderjährigen eingesteht. Er wird inhaftiert.

Queberts große literarische Reputation ist dahin; er hatte sie im Jahr des Mords mit seinem zweiten Werk, Der Ursprung des Übels, einer 15 Millionen Mal verkauften und mit großen Preisen ausgezeichneten Liebesgeschichte, begründet. Nun wirft man die Bücher des "Kinderschänders" aus Bibliotheken und Leselisten. Nur sein Freund und ehemaliger Student Marcus Goldman, der gerade unter einer Schreibblockade leidet, hält seinen Mentor für unschuldig. Er begibt sich nach Aurora - und mit seinen Recherchen zum Jahr 1975 auch zurück in die eigene Vergangenheit.

Kleinstadt-Idyllenfassaden

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist aus der Ich-Perspektive von Goldman erzählt - und entspricht schließlich dem Buch, das dieser über den Kriminalfall verfasst. Joël Dicker schafft einen tragbaren Spannungsbogen, der zwischen den Sommern 1975 und 2008 wechselt, der zugleich Krimi, Liebesgeschichte, Psychodrama, Roman im Roman und Reflexion übers Erzählen ist, sowie ein faszinierendes Sozialpanorama voller Überraschungen bietet. Die packende Handlung skizziert eine Reihe lokaler Charaktere, die alle hinter ihrer Kleinstadtidyllen-Fassade weniger schöne Seiten und alte Geheimnisse verbergen - und Nola, die im Laufe der Recherche immer mysteriöser erscheint.

Als die beiden Schriftsteller - der eine 1975, der andere 2008 - nach Aurora kommen, bricht vieles auf. Beide sind sie Blender, deren Inspiration jedoch klemmt. Und so sitzt Marcus Goldman bald auch sein New Yorker Verleger im Nacken.

Joël Dicker setzt die literarischen Ratschläge, die Professor Quebert seinem Freund erteilt, parallel zur Kriminalgeschichte. Die kurzen Sequenzen bilden eine mitunter ironische Meta-Ebene, tendieren aber ins Plakative, besonders wenn das Schreiben mit dem Boxen verglichen wird. Und die Auszüge aus Queberts Erfolgsroman bringen keineswegs, wie behauptet, "sublime Sätze" zutage, sodass es fraglich erscheint, wie einer mit solchen Worten zu den großen Romanciers gezählt werden konnte. Diese uneingelöste literarische Behauptung wirkt störender als die wenig glaubhafte Wendung der faszinierenden Handlung, die aber in erster Linie Qualität und Erfolg von Dickers Buch ausmacht.

Eine schöne Pointe ist es übrigens, dass die beiden Schriftstellerfiguren ausgerechnet mit ihrem zweiten Roman einen Bestseller landen - so wie Joël Dicker selbst. (Klaus Zeyringer, DER STANDARD, 10.1.2014)

Joël Dicker: "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert", aus dem Französischen von Carina von Enzenberg, 736 Seiten, € 23,70, Piper, München 2013

  • Obwohl das französische Lesepublikum lieber zu Werken heimischer Autoren greift, konnte sich der Schweizer Autor Joël Dicker wochenlang auf den Bestsellerlisten halten. 
    foto: epa / spierer / edition fallois

    Obwohl das französische Lesepublikum lieber zu Werken heimischer Autoren greift, konnte sich der Schweizer Autor Joël Dicker wochenlang auf den Bestsellerlisten halten. 

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