Die perfekte Anbindung für die imaginäre Schanze

10. Jänner 2014, 05:30
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Michelhausen war einmal eine beschauliche Gemeinde im niederösterreichischen Tullnerfeld - Dann kam der große Bahnhof

Michelhausen - Rudolf Friewald war in den letzten Wochen viel mit dem Zug unterwegs. Der Bürgermeister von Michelhausen im niederösterreichischen Tullnerfeld reiste dem mit Abstand bekanntesten Gemeindebürger hinterher: Skispringer Thomas Diethart, Sieger der Vier-Schanzen-Tournee. Da trifft es sich hervorragend, dass auf dem Gemeindegebiet von Michelhausen der Bahnhof Tullnerfeld steht. "Bei uns daheim in den Zug einsteigen und in Bischofshofen fast direkt an der Schanze wieder aussteigen - das war schon super", sagt Friewald, noch hörbar euphorisiert.

Der Mega-Bahnhof an der Westbahnstrecke gab in den ersten Monaten nach seiner Eröffnung im Dezember 2012 wenig Anlass zur Euphorie. Geisterhaft mutete er an, wenn man nicht gerade zur Rushhour unterwegs war. Kein einziges Geschäftslokal vermietet, kein Kaffee oder Kipferl weit und breit zu kaufen, die hochfliegenden Pläne für ein interkommunales Betriebsgebiet der Gemeinden Judenau-Baumgarten, Langenrohr und Michelhausen - mangels niederlassungswilliger Betriebe teurer Schall und Rauch.

Zu wenige Parkplätze

Ein Jahr später klingt Bürgermeister Friewald recht optimistisch, und das hat nicht nur mit den neuen sportlichen Perspektiven seiner Gemeinde zu tun. Mehr als 500.000 Fahrgäste habe man auf dem Bahnhof 2013 gezählt. Parkplatzmäßig sei man mittlerweile so ausgebucht, dass eine Erweiterung der Kapazitäten ansteht. Ein Büro und eine Bäckerei hätten in den Räumlichkeiten des Bahnhofs eröffnet; und für das Betriebsgebiet gebe es zumindest Vorverträge, wenngleich sich die Frage der Widmungen noch etwas in die Länge zieht.

Die neue Verkehrsanbindung - im schnellen Zug eine Viertelstunde nach Wien oder St. Pölten - macht das Tullnerfeld zu so etwas wie dem billigeren Speckgürtel. Das wirkt sich auch auf den Immobilienmarkt aus: "Wir haben im letzten Jahr fast 30 Bauparzellen und etwa 60 Wohnungen verkauft", sagt Friewald. Fast geht ihm das Wachstum zu schnell, neue Gemeindebewohner brauchen schließlich auch Kindergärten und Schulen.

Pendlersorgen

Dass die Westbahn seit Dezember nicht mehr im Tullnerfeld hält, wollen weder Gemeinde noch Land als Rückschlag sehen. Dennoch gibt es Pendlerbeschwerden. Den Standard erreichte etwa eine E-Mail von Frau H. aus Würmla, die mit ihrer Familie "angelockt von der schnellen Verbindung" 2011 ins Tullnerfeld gezogen war. Weil der Westbahn-Zug am Morgen Richtung Wien nicht mehr fährt, muss ihr Sohn nun entweder um fünf Uhr mit dem Bus von Würmla zum Bahnhof Tullnerfeld fahren, um rechtzeitig um acht Uhr an der Graphischen in Wien zu sein - oder um 6.25 Uhr, dann ist die Verspätung zum Unterricht allerdings einkalkuliert. Den Westbahn-Zug, der um 7.22 Uhr in Wien ankam und für Dienst- oder Schulbeginn um acht ideal gewesen wäre, habe man einfach ersatzlos gestrichen, beschwert sich Frau H. Offiziell versucht man freilich, zu beschwichtigen: Die ÖBB hätte den Rückzug der Westbahn ausgeglichen.

Und was kommt als Nächstes in Michelhausen? Eine Sprungschanze? Bürgermeister Friewald kam der Gedanke natürlich auch schon, aber leider, es ist zu windig. Eine Indoor-Schanze, das wäre eine coole Sache, wenn auch ziemlich teuer. "Wenn Ihnen ein Investor unterkommt, schicken Sie ihn uns vorbei", sagt Friewald so halb ernst. Immerhin: Die Verkehrsanbindung gäbe es schon. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 10.1.2014)

  • Was die Parkplätze betrifft, ist der Bahnhof Tullnerfeld voll ausgelastet. Bei den Betriebsansiedelungen rundherum gibt es hingegen noch Luft nach oben.
    foto: der standard/christian fischer

    Was die Parkplätze betrifft, ist der Bahnhof Tullnerfeld voll ausgelastet. Bei den Betriebsansiedelungen rundherum gibt es hingegen noch Luft nach oben.

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