Widerstand beim Modediskonter

9. Jänner 2014, 17:48
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Der deutsche Autor Hans-Christian Dany untersucht in seinem Buch "Morgen werde ich Idiot" die Möglichkeiten des Widerstands in einer selbstregulativen Kontrollgesellschaft

Wien - Ein wenig geschätzter Nebeneffekt der Aufklärung stellte sich erst spät ein. Er nennt sich Desillusionierung. Um jetzt die Menschheitsgeschichte, die Wissensweitergabe am Lagerfeuer, die Erfindung des Buchdrucks, des Fernsehens, der Elektropost und Twitter ein wenig abzukürzen, kann man auf die abgeklärte Formel "Done it, seen it, tried it" zurückgreifen. Gewiss ist heute eines, alles ist längst gesagt und getan. Damit es aber noch halbwegs spannend bleibt, schenkte uns einst der bayerische Philosoph Karl Valentin die Ergänzung "Aber noch nicht von allen".

Alles ist nicht nur gesagt und getan. Von allem gibt es auch viel zu viel. Die menschliche Ideengeschichte, ihre Begrifflichkeiten, das ganze trügerische Gebilde des selbstbestimmten "Denkens" ist ein Diskontladen mit immerwährendem Ausverkauf. Nur als Beispiel: Begriffe wie Freiheit, Revolution und Utopie kommen höchstens noch als Wortblasen der Freizeitindustrie vor, oder bei besonders einfallsfaulen NLP-Geschädigten, die ihr Publikum mit abgerockten Reizworten bei der Stange halten wollen. Stichwort "Arabischer Frühling": Wann kommt da eigentlich der Sommer?

Der Einzelne ist heute also nicht mehr dazu in der Lage, Originäres zu schaffen. Er geht im besten Fall als Kopist und im schlechtesten Fall als Kopie durchs Leben. Er darf das aber um Gottes willen nicht wissen, weil das aus seiner Sicht sein "symbolisches Kapital" entschieden schmälern würde.

Fünf Jahre nach seiner lohnenswerten Analyse Speed. Eine Gesellschaft auf Droge beschäftigt sich der Hamburger Künstler und Autor Hans-Christian Dany nun erneut mit einer Gesellschaft, die unter zunehmendem Hochdruck immer besser und mit allen Mitteln zu funktionieren hat. Seine bei Nautilus erschienene "Flugschrift" Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft wird als "heiter ätzender Spaziergang durch das Innere, die Entwicklungsgeschichte und die Albträume einer von Selbstoptimierung besessenen Gesellschaft" beworben. Deren Kontrolle, so die Grundthese Danys, werde nicht mehr durch "Macht" und ihre alten Durchsetzungsapparate erreicht, sondern "durch Rückkopplung und Selbstregulation" ihrer Mitglieder, also von uns allen.

Dany geht dabei von den Ideen der Situationistischen Internationale aus - hier speziell von Guy Debords bis heute weite Kreise ziehendem Klassiker Die Gesellschaft des Spektakels von 1967. Dieser diente bald ungewollt nicht nur als Ratgeber für die Werbebranche. Die Grundidee einer entfremdeten Konsum- und kapitalistischen Erlebniswelt, in der Werte als Ware verkauft werden und als gesellschaftliches Regulativ funktionieren, verliehen der Arbeit den Nimbus, mittelbar für die Maiaufstände 1968 in Paris verantwortlich zu zeichnen.

Occupy! Modediskonter

Dany interessieren dabei die damit geschichtlich zusammenhängenden Annahmen der Kybernetik, der "Kunst des Steuerns". Mit denen lassen sich schließlich gut gesellschaftliche Regulationsprozesse erklären. Wer sind wir, wie funktionieren wir, was kaufen wir morgen? Wer profitiert davon - und warum glauben wir, dass wir selbst über den Konsum individuelle Zeichen des Aufbegehrens gegen bestehende Verhältnisse setzen können? Die Vereinnahmung und Eingemeindung der Widerstände gegen diese Allmacht des Systems, gegen das wir anrennen, um es dadurch nur noch stärker zu machen, steht doch nur für eine "neoliberale Selbstverbesserung".

Die Verwertungskette dreht sich dabei immer schneller. Was war früher da, die Occupy!-Bewegung oder das T-Shirt mit dem Occupy!-Aufdruck beim Modediskonter als Freizeittool? Die situationistische Technik des "Détournements", der Irreführung durch subversiv-affirmative Unterwanderung aktueller Kommunikations- und Werbestrategien ist längst Teil des Systems. Ironische Brechung von Brandings und Machtsymbolen: part of the game. Alles bleibt anders.

Hans-Christian Dany sucht trotzdem Möglichkeiten der Dissidenz. Wie kann man sich all dem entziehen und trotzdem innerhalb der allumfassenden Vereinnahmung zum Störfaktor werden? Als möglicher Weg wird am Ende auf Bartleby der Schreiber von Herman Melville von 1853 verwiesen. Dessen berühmte Absage lautet: "I would prefer not to."

Bleiben, nichts mehr tun, nichts erklären, sich für nichts rechtfertigen. Schließlich: Idiot im Wortsinn werden. Allein. Social Media als vielfach beschworene Plattformen des Widerstands gehören leider milliardenschweren Konzernen. Die machen Dissidenz zum Geschäft und Scheingefecht.

Die Kapitel sprechen Bände: "Nie sagen, wie man leben möchte". "Schwarzes Tier werden". "Asozial bleiben". "15 Minuten Revolte". "Angriff auf die Zukunft". Wir sind am Ende. Die Antworten sind da, alle Fragen offen. Widerspruch ist unmöglich? Zuspruch geht auch nicht. Der Unterschied als Fluchtpunkt. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 10.1.2014)

Hans-Christian Dany stellt heute, Freitag, 10. 1., "Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft" in der Wiener Garage X vor. Beginn 20.00

  • Aufstand der Privilegierten gegen ihr privilegiertes Leben? Hans-Christian Dany stellt in "Morgen werde ich Idiot" auch der Occupy!- Bewegung als Zielgruppe unangenehme Fragen.
    foto: reuters

    Aufstand der Privilegierten gegen ihr privilegiertes Leben? Hans-Christian Dany stellt in "Morgen werde ich Idiot" auch der Occupy!- Bewegung als Zielgruppe unangenehme Fragen.

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