Freiheit der Wissenschaft durch Selbstkritik

Kommentar der anderen8. Jänner 2014, 18:33
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Forschungsunternehmertum, das Diktat der Verwertungslogik und ein akademisches Prekariat haben sich schon durchgesetzt, als es noch ein Wissenschaftsministerium gab. Die Autonomie der Wissenschafter ist zuerst ihre eigene Angelegenheit.

Die Idee einer zweckfreien, ausschließlich der Wahrheit verpflichten Wissenschaft ist eine Errungenschaft der griechischen Antike. Die neuzeitliche, von Bacon begründete Wissenschaft steht hingegen durch ihre experimentelle Methodik von Anfang an in einer systemischen Beziehung zu Technik und Wirtschaft: Technik ermöglicht wissenschaftliche Fortschritte, die wiederum den Stand der Technik verbessern, ad infinitum. Moderne Wissenschaft ist daher auf ökonomische Prosperität angewiesen und zugleich, wie Karl Marx diagnostizierte, der wichtigste Produktionsfaktor des kapitalistischen Systems.

Das Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft und Wirtschaft war denn auch in den letzten beiden Jahrhunderten ein Brennpunkt heftiger Auseinandersetzungen. Noch in den 1960ern ist im "Positivismusstreit" die neomarxistische Kritik an der Abhängigkeit der Wissenschaft von wirtschaftlichen Interessen von "bürgerlichen" Intellektuellen als diffamierende Unterstellung zurückgewiesen worden. Unter dem Eindruck des geopolitischen Machtverlusts Europas scheinen heute sowohl christlich-konservative als auch sozialdemokratische Parteien die Marx' sche Diagnose von der Wissenschaft als Produktionsfaktor stillschweigend zur zentralen Maxime ihrer Wissenschaftspolitik gemacht zu haben. Die Interessenabhängigkeit von Wissenschaft wird kaum mehr als Problem wahrgenommen, sondern - wie auch von der neuen Regierung - öffentlich als Programm proklamiert. Zweckfreie Wahrheitssuche oder gar kritische Reflexion auf das System "Wissenschaft-Technik-Wirtschaft" gelten als weltfremde Verschrobenheit.

Mehr noch: Die neoliberale Ideologie, die sämtliche Institutionen nach der Logik des Unternehmertums aushöhlt, hat längst die inneren Strukturen der Universitäten durchdrungen. Das Idealbild universitärer Personalpolitik sind heute Wissenschaftsmanager, die ständig produktiv sind, Gelder akquirieren, den Mitarbeiterstab erweitern, der wiederum einen jährlichen Output an Publikationen auswirft. Die Höhe von Drittmittelfinanzierungen ist zu einem der wichtigsten Kriterien für Berufungen von Ordinarien aufgerückt. Dies mögen manche gegenüber dem alten professoralen Vasallensystem als Fortschritt verbuchen. Manche Nobelpreisträger bekennen allerdings freimütig, dass sie im heutigen Universitätsbetrieb wegen zu "geringer Produktivität" nicht überleben würden.

Die Wissenschaft bildet jedoch nicht nur die Unternehmenskultur, sondern auch die soziale Spaltungstendenz der neoliberalen Gesellschaft ab. So wie sich in der Wirtschaft prekäre Arbeitsverhältnisse vervielfacht haben, so produzieren inzwischen auch die Universitäten akademisches Prekariat mit Teilzeitjobs, befristeten Verträgen bis hin zu einkalkulierten Phasen der Arbeitslosigkeit.

All diese Entwicklungen sind in Österreich in einer Zeit durchgesetzt worden, als es noch ein Wissenschaftsministerium gegeben hat. Die bloße Existenz eines Ministeriums bietet folglich noch keine Garantie für die Autonomie der Wissenschaft, die naturgemäß zuallererst Sache der Wissenschafter selbst sein muss.

Die Verteidigung der Freiheit der Wissenschaft impliziert heute vor allem umfassende und permanente Selbstkritik ihrer institutionellen Rahmenbedingungen. Eine "Evaluierung" wissenschaftlicher Institutionen, die diese Bezeichnung verdient, darf sich nicht auf die Addition von Publikationen, Kongressvorträgen, Studienabschlüssen beschränken. Vielmehr müsste eine kritische Systemanalyse von Wissenschaft und Forschung, die nicht mehr allein Sache des Wifo sein dürfte, eine permanente und schonungslose Offenlegung der öffentlichen und privatwirtschaftlichen Geldflüsse und eine detaillierte Analyse der Auswirkungen wirtschaftlicher Abhängigkeiten auf wissenschaftliche "Ergebnisse" enthalten.

So wäre regelmäßig zu dokumentieren, welche gesellschaftlich relevanten wissenschaftlichen Themen aufgrund finanzieller Abhängigkeiten nicht oder nur unzureichend behandelt werden konnten. Zur Illustration sei zumindest auf ein Beispiel verwiesen: Forschungsergebnisse von Studien, die durch die Pharmaindustrie unterstützt werden, bringen mehr als viermal so häufig positive Resultate hervor als Studien, die nicht durch privatwirtschaftliche Akteure in Auftrag gegeben worden sind.

Auch kritische Selbstevaluierung kostet Geld. In Deutschland finanzieren neben der Politik auch wirtschaftliche Eliten über Stiftungen eine Infrastruktur für Grundlagenreflexionen. In Österreich scheint hingegen das Herz der Milliardäre eher für Fußball, Motorsport und Eventkultur zu schlagen - ein weites Tätigkeitsfeld für das neue Ministerium. (Hans Schelkshorn, DER STANDARD, 9.1.2014)

Hans Schelkshorn (53) lehrt Philosophie an der Universität Wien.

  • Seinerzeit vor der Universität Wien: Vor Weihnachten demonstrierten Studenten und Universitätslehrer für den Erhalt des Wissenschaftsministeriums in Österreich.
    foto: standard/cremer

    Seinerzeit vor der Universität Wien: Vor Weihnachten demonstrierten Studenten und Universitätslehrer für den Erhalt des Wissenschaftsministeriums in Österreich.

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