Der Herr Peter

Kolumne8. Jänner 2014, 18:40
121 Postings

Ist Peter Schröcksnadel ein Abbild der österreichischen Seele?

Mangels konkreter und somit diskutabler politischer Zielsetzungen im neuen Regierungsprogramm ist unter heimischen Kommentatoren eine Grundsatzdebatte entbrannt: Halten die Bürgerinnen und Bürger ihre Politiker zu Recht für eine unerträgliche Zumutung? Oder hat das Volk genau die visions- und ideenlosen Vertreter, die es verdient, weil wir uns in Wahrheit gar nicht ernsthaft mit Politik auseinandersetzen wollen?

Verfechter der zweiten These können seit Samstag auf einen neuen Höhepunkt österreichischer Polit-Ignoranz verweisen. Im Interview mit dem STANDARDzeigt ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, dass man Präpotenz, Opportunismus und Feigheit hierzulande ungeniert und konsequenzlos ausleben kann.

Politisches Engagement von Sportlern verurteilt Schröcksnadel darin gleich prinzipiell mit der Begründung: "Ein Sportler will seinen Sport ausüben, will weitspringen, schnell fahren, gewinnen. Darauf soll er fokussiert sein. Er würde nur über eine Welt reden, die nicht seine ist."

Als Markus Rogan eine direkte Korrelation zwischen Dummheit und Erfolg bei Sportlern behauptete, löste diese unhaltbare Verallgemeinerung Empörung aus. Der Ski-Präsident darf sich ein apodiktisches Urteil über die vorgebliche Beschränktheit seiner Athleten erlauben und im Hinblick auf die olympischen Spiele in Sotschi eine dezente Drohung aussprechen: "Ich würde keinem Sportler raten, sich politisch zu äußern."

Das sieht Wladimir Putin sicher genauso. Auch an dem im Vorjahr vom Olympia-Gastgeber beschlossenen Gesetz, wonach es nun unter anderem strafbar ist, öffentlich oder im Beisein Minderjähriger positiv oder neutral über Homosexualität zu sprechen, findet Schröcksnadel Gefallen: "Mir ist es auch lieber, es wird für Familien geworben, als es wird für Homosexualität geworben."

Und das ist noch nicht der Gipfel der Putin-Anschleimung, denn diesen erreicht unser Bergbahnen-Kaiser erst mit seiner Aussage zu den schweren Menschenrechtsverletzungen in Russland: "Das will ich nicht beurteilen. Das ist ein politisches Thema, damit sollen sich Politiker auseinandersetzen."

Spätestens hier fühlt man sich an eine Figur der österreichischen Literatur erinnert, nämlich an den von Merz und Qualtinger erschaffenen Herrn Karl. Und tatsächlich hat dieser schon vor über fünfzig Jahren Einsichten formuliert, die - nach einer Transformation vom wienerischen ins alpine Idiom - auch von Schröcksnadel stammen könnten: "Dann san eh scho bald die Russen kumma. Also ich bin sehr guat mit eahna auskommen, I hab ja g'wusst, wie ma mit eahna umgeht ..." Oder: "Österreich war immer unpolitisch ... i maan, wir san ja kane politischen Menschen ... aber a bisserl a Geld is z'sammkummen, net?"

Ist also auch der Herr Peter ein Abbild der österreichischen Seele? Ist er der Präsident, den wir verdienen? Nicht undenkbar, dass seine Haltung - wenn man überhaupt von einer solchen sprechen kann - bei uns mehrheitsfähig ist. Seine Einschätzung der Sportler wurde jedoch schon am nächsten Tag widerlegt. Unmittelbar nachdem der Deutsche Felix Neureuther Kritik an der Menschenrechtssituation in Russland geäußert hatte, gewann er den Weltcupslalom in Bormio. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 9.1.2014)

Share if you care.