Gestörtes Geschlechterverhältnis durch Atommüll

8. Jänner 2014, 18:31
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Im Umfeld von Atommülllagern wie Gorleben in Deutschland oder dem französischen Centre de l'Aube erblicken auffallend wenige Mädchen das Licht der Welt. Der Biostatistiker Hagen Scherb vermutet einen Zusammenhang mit radioaktiver Strahlung

Hannover/Wien - "Sag, wo die Mädchen sind" fragt die "taz" und löste mit dem Artikel, den sie am Dienstag auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte, eine neuerliche Netzdebatte um gesundheitliche Folgen von Atommüll aus. Denn seit dem Jahr 1995, als mit der Einlagerung von radioaktivem Abfall in Gorleben begonnen wurde, sei die Zahl der neugeborenen Mädchen "signifikant" zurückgegangen.

Geschlechterlücke durch "Highly Toxic Waste"

Tatsächlich ging die sogenannte Geschlechterlücke - das Verhältnis zwischen Buben und Mädchen - laut Geburtenstatistik des Bundeslandes Niedersachsen ab dem Jahr 1996 weiter auf als im Rest von Deutschland. In einem Umkreis von 40 Kilometern rund um das Transportbehälterlager (TBL) Gorleben wurden plötzlich auf 109 Buben nur mehr 100 Mädchen geboren. Vor der Einlagerung lag das Verhältnis bei 101 Buben zu 100 Mädchen.

Der Bericht stützt sich auf eine Studie des Helmholtz-Zentrums in München, die in Deutschland bereits 2011 zu heftigen Debatten geführt hat. Unter der Leitung von Hagen Scherb dokumentierte die Wissenschaftsgruppe, dass eine Veränderung der Geschlechterverhältnisse sich im Umfeld von Gorleben seit der Einlagerung von "Highly Toxic Waste" in der Größenordnung von zehn Prozent bewege - bei einer global üblichen Schwankung von bis zu einem Prozent.

Nachweis auch in Frankreich

"Wir haben 2013 ein ebenso gestörtes Geschlechterverhältnis in Frankreich nachweisen können" bekräftigt Scherb am Mittwoch am Telefon. Der Effekt trete außerdem stärker in der Nähe von Lagern als bei Atomkraftwerken selbst auf. Der Biostatistiker und Mathematiker hat die Geburtenbilanz an 32 europäischen Atomstandorten untersucht, nachdem er die auffällig vielen männlichen Babys, tot wie lebend geboren, nach den atomaren Katastrophen in Tschernobyl und Hiroshima bemerkte.

Kritiker dieser These gibt es genug. Scherbens Studie "Die verlorenen Mädchen von Gorleben" wurde von drei deutschen Wissenschaftern zur "Unstatistik des Monats" gekürt. Das Landesgesundheitsamt Niedersachsen gab 2011 selbst eine umfassende Untersuchung in Auftrag.

Darin wird die Veränderung der Geschlechterverhältnisse ab dem Einlagern von Atommüll bestätigt, der Rückschluss auf ionisierende Strahlung als Ursache sei jedoch spekulativ, heißt es. Ein Beweis in Richtung auf eine stattgefundene Strahlenbelastung im Niedrig­dosisbereich sei damit nicht erbracht, nach anderen Faktoren sollte aber gesucht werden.

Kein Bauschutt

Auch Uwe Wolff von der Abteilung für Medizinische Strahlenphysik in Wien betont, dass ein Zusammenhang zwischen geringer Strahlenbelastung und dem Rückgang von Mädchengeburten noch nicht belegt sei.

"Theoretisch kommen andere Möglichkeiten infrage", räumt Scherb ein. "Wir tippen stark darauf, dass radioaktive Strahlung bestimmte Effekte hat, die wir noch nicht verstehen und einfach unterschätzen." Atommüll sei nun mal kein Bauschutt. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 9.1.2014)

  • Woran es liegen mag, dass bei Atomlagern mehr Buben als Mädchen geboren werden? "Theoretisch gibt es alle Möglichkeiten", sagt Scherb. "Ich aber tippe auf Strahlung."
    foto: reuters/nacho doce

    Woran es liegen mag, dass bei Atomlagern mehr Buben als Mädchen geboren werden? "Theoretisch gibt es alle Möglichkeiten", sagt Scherb. "Ich aber tippe auf Strahlung."

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