Moskau erneut im Clinch mit Greenpeace

8. Jänner 2014, 17:33
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Schiffsentführung oder Wilderei auf hoher See? Bei einem Fischereistreit zwischen Russland und Senegal erheben beide Seiten schwere Vorwürfe

Fünf Tage liegt die Oleg Naidjonow bereits schwer bewacht an der Pier von Dakar. Am 4. Jänner kaperten die senegalesischen Streitkräfte den russischen Trawler mit 82 Seeleuten, 62 Russen und 20 Bürgern Guinea-Bissaus, an Bord vor der Westküste Afrikas. Die Militärs gingen nicht zimperlich vor: Mehrere Seeleute, darunter Kapitän Wadim Mantorow, sollen bei der Festnahme geschlagen worden sein.

Dakar beschuldigt die Crew, illegal in Senegals Hoheitsgewässern gefischt zu haben. 900 Tonnen Fisch im Wert von 400.000 Euro wurden an Bord beschlagnahmt. Die Murmansker Reederei Phonix, der das Schiff gehört, weist alle Vorwürfe zurück: Die Oleg Naidjonow habe gemäß ihrer Lizenz in den Gewässern des benachbarten Guinea-Bissau gefischt und nicht in Senegal, erklärte Direktor Juri Parschew. Moskau spricht von Entführung.

Verhandlungen über die Freilassung der Seeleute kamen bislang nicht zustande. Die russische Fischereibehörde Rosrybolowstwo beschuldigt nun die Umweltorganisation Greenpeace hinter der Festsetzung zu stecken. Die NGO hatte zuvor ihre grundsätzliche Unterstützung für die Bekämpfung der illegalen Fischerei betont. "Im Februar 2012 haben Greenpeace-Aktivisten dieses Schiff auf frischer Tat dabei erwischt, wie es illegal in der Wirtschaftszone Senegals fischte", heißt es in der Greenpeace-Presseerklärung nach dem Schiffsarrest.

In Moskau werden daher schon Verschwörungstheorien geschmiedet: "Das bedeutet, dass die souveränen Streitkräfte der Republik Senegal auf Befehl von Greenpeace gehandelt haben", erklärte Rosrybolowstwo-Sprecher Alexander Saweljew.

Konflikt um die Arktis

Moskau und Greenpeace haben erst jüngst einen Streit um die angeblich geplante Kaperung einer Gasprom-Bohrinsel in der Arktis ausgefochten: 30 Umweltschützer mussten wegen einer Protestaktion in der Petschora-See für zwei Monate in U-Haft, ehe sie im Zuge einer Amnestie freigelassen wurden. Bei der Frage um die Erschließung der ökologisch sensiblen Arktis, in der Milliarden Tonnen an Brennstoffen vermutet werden, haben Russland und Greenpeace gegensätzliche Ansichten.

Aber auch beim Fischfang gibt es Streit: Russland ist eine der zehn größten Fischfangnationen der Welt. Im vergangenen Jahr hat die russische Flotte offiziellen Angaben nach 4,13 Millionen Tonnen Fisch gefangen, den Großteil davon in den eigenen Gewässern, um dessen Abgrenzung es auch immer wieder Streit mit den Nachbarländern China, Japan und Norwegen - ebenfalls alle große Fischfangnationen - gibt. Die Erträge in der Ostsee und in der Pazifikregion sind stark rückläufig.

Fischen in der Fremde

Zugenommen hat dagegen die in fremden Gewässern gefangene Fischmasse. Mehr als ein Zehntel (443.900 Tonnen) ihrer Beute fangen die russischen Fischer inzwischen mithilfe von Lizenzverträgen in den Gewässern anderer Staaten. Dazu kommen 170.700 Tonnen Fisch in internationalen Gewässern, unter anderem in der Antarktis. Vor Afrikas Küste sind die Russen - daneben allerdings auch die Flotten zahlreicher EU-Länder und Asiens - besonders aktiv. Seit den 1970er-Jahren ist die damals noch sowjetische Flotte vor der Westküste im Einsatz. Sardinen und Makrelen sind die wichtigsten Fanggüter.

Umweltschützer kritisieren seit Jahren die Überfischung der Weltmeere. Gerade die afrikanische Küste werde von "Fremdfischern" regelrecht ausgebeutet, klagte Greenpeace bereits vor einem Jahr, als sie im Rahmen einer Dokumentation unter anderem das russische Fangschiff Wassili Losowski vor Senegal sichtete. Dakar reagierte darauf mit der Kündigung zahlreicher Lizenzen für andere Nationen. Dass das Militär das Fangverbot nun rigoros umsetzt, ist für Moskau Beleg für die lange Hand von Greenpeace. (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD, 9.1.2014)

  • Protestaktion von Greenpeace-Aktivisten gegen ein russisches Fischfangschiff (hier die Wassili Losowski) vor der Küste Afrikas.
    foto: pierre gleizes / greenpeace

    Protestaktion von Greenpeace-Aktivisten gegen ein russisches Fischfangschiff (hier die Wassili Losowski) vor der Küste Afrikas.

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