NSU-Prozess: Drogenkonsum und Erinnerungslücken

8. Jänner 2014, 14:13
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Angeklagter Holger G. soll laut Zeugenaussage verbotene synthetische Substanzen konsumiert haben

München - Mit Silvia und Alexander S. befragt das Oberlandesgericht in München am Mittwoch zwei enge Bekannte des Angeklagten Holger G. Nach Angaben des 33-jährigen Alexander S. soll Holger G. in den Jahren um 2006 herum intensiv Drogen genommen haben. Von Amphetaminen, also verbotenen synthetischen Substanzen, spricht der Zeuge. Diese Angaben macht er aber erst, nachdem für sich ein Aussageverweigerungsrecht eingefordert hatte. Für sich selber spricht er nur von Alkoholkonsum.

Der Zeuge, seine Ehefrau und Holger G. hatten sich offenbar häufiger an Wochenenden zum "feuchtfröhlichen" Beisammensein in Hannover getroffen. Alle wohnten um die Ecke. Bei einer dieser Treffen, soll G. gefragt haben, ob Silvia, die heutige Frau von Alexander S., ihm nicht ihre Krankenversicherungskarte überlassen wolle. 300 Euro hatte der Mitangeklagte im Münchener NSU-Prozess geboten.

Holger G. ist wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Er soll die Krankenversicherungskarte 2005 für Beate Zschäpe besorgt haben. Diese lebte damals gemeinsam mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Untergrund in Zwickau. Ihr wird unter anderem vorgeworfen, die rechtsterroristische Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) mit gebildet zu haben.

Erinnerungslücken

Der 33-jährige Zeuge bestätigt die Weitergabe der Versicherungskarte. An mehr kann oder will er sich nicht erinnern. Immer wieder verweist er darauf, dass diese Treffen feuchtfröhlich gewesen seien. Erst auf mehrmaliges Nachhaken von Richter Manfred Götzl räumt er ein, dass mehr konsumiert wurde und er berichtet über den Drogenkonsum von Holger G.

Doch der Richter will den Zeugen so schnell nicht entlassen. Immer wieder fragt er den Mann, der in seinen Ohrläppchen große Ringe trägt, den offensichtlich ein Tattoo ziert, das bis zum Hals reicht und das nur durch das Hemd und sein schwarzes Jackett verdeckt wird, nach dessen politischen Einstellungen. Der Zeuge weicht aus, antwortet mit Allgemeinplätzen, wie nationaler Einstellung oder dass er immer wieder einmal bei Demonstrationen gewesen sei.

Fragen nach politischer Einstellung

Götzl wird immer drängender, will wissen welche Einstellungen es denn seien. Der Zeuge reagiert arrogant, teils schnippisch: Dass er in einem Terrorprozess vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts in München aussagen muss, beeindruckt den früheren Rechtsextremisten wenig. Denn das war er. Irgendwann nach zähem und wiederholtem Nachfragen durch den Vorsitzenden Richter räumt er ein, dass er früher ausländerfeindliche und nationalsozialistische Ansichten gehabt habe und Mitglied in einer Kameradschaft gewesen sei.

Auch den Angeklagten Holger G. beschreibt er als nationalistisch. Er sei mit ihm gemeinsam auf Konzerten gewesen, bei Demonstrationen. Das habe sich allerdings in den Jahren 2003 und 2004 geändert so der Zeuge. Da habe er andere Interessen gehabt, „elektronische Musik" gehört und hätte die „feuchtfröhlichen Abende" mit Holger G. gehabt. Er habe jetzt „Ausländer in seinem Bekanntenkreis und mit Juden zu tun", beschreibt der Alexander S. seinen Wandel.

Versicherungskarte

Nach zweieinhalb Stunden unterbricht Richter Götzl die Befragung für eine Mittagspause. Das eigentliche Thema, die Übergabe der Versicherungskarte von Silvia S. an den Angeklagten Holger G. wurde bis dahin nur kurz gestreift. Das Gericht hat sicherlich auch deshalb so intensiv nach den politischen Einstellungen und dem Bekanntenkreis des Zeugen gefragt, weil die Frage im Raum steht, ob ihm und seiner heutigen Frau damals bekannt war, für wen die Versicherungskarte benötigt wurde.

Alexander S. und seine Frau haben beide erklärt, das nicht gewusst zu haben. Sollte es anders sein, könnten sie in den Verdacht geraten, eine terroristische Vereinigung unterstützt zu haben. Auch Silvia S. soll am Mittwochnachmittag noch vor Gericht befragt werden.

Die Frisörin ist bereits das zweite Mal als Zeugin geladen. Mitte November hatte sie dem Gericht in einer mehrstündigen Befragung kaum etwas Verwertbares darüber sagen können, warum ihre Krankenversicherungskarte im Brandschutt des letzten mutmaßlichen NSU-Quartiers in der Zwickauer Frühlingsstraße gefunden wurde. Laut Anklage der Bundesanwaltschaft soll die Hauptangeklagte Beate Zschäpe die Karte zwei Mal im Mai 2006 für Zahnarztbesuche in Halle/Saale benutzt haben. (Kai Mudra, 8.1.2013)

Der Text wurde freundlicherweise von der "Thüringer All­gemeinen" zur Verfügung gestellt, da DER STANDARD keinen Platz im Gerichtssaal hat.

  • Gerichtssaal des NSU-Prozesses in München.
    foto: epa/marc mueller

    Gerichtssaal des NSU-Prozesses in München.

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