Elfen in Island: Werbegag und mystische Tradition

9. Jänner 2014, 05:30
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Hie und da müssen Straßenprojekte wegen Elfenfamilien unterbrochen werden, doch auf der Insel dreht sich nicht alles um die magischen Personen

Für Terry Gunnell gibt es zwei sichere Zeichen, dass in Island der Sommer beginnt: Die Wespen kommen, und ausländische Journalisten beginnen, nach den Elfen und Gnomen zu fragen. Gunnell ist Professor an der Universität Island und beschäftigt sich mit den Mythen und Legenden rund um die "álfar", Elfen, die auch unter dem Namen "huldufólk", das versteckte Volk, bekannt sind.

Diese sagenumwobenen Wesen können zwischen wenigen Zentimetern und drei Metern groß sein, sehen wie Menschen aus, wohnen in mehrstöckigen Häusern und haben besondere Fähigkeiten. Deshalb bieten die märchenhaften Elfen nicht nur im Sommer den internationalen Medien eine willkommene Abwechslung zu trockenen Nachrichtenstücken.

Journalisten zeichnen gerne ein Bild von Island, das nahelegt, dass jeder Haushalt einen Elfenstein mit seinem eigenen Elfenvolk besitzt. Zuletzt passierte das nach einer Agenturmeldung von Associated Press im Dezember 2013, die von mehreren großen deutsch- und englischsprachigen Zeitungen übernommen wurde.

Widerlegung der Meldung

So titelte unter anderem die "Süddeutsche Zeitung": "Elfen-Lobby stoppt Bauprojekt". Demnach sollen hunderte Isländer den Bau einer Autobahn auf der Insel blockiert haben – aus Angst um die angeblich dort lebenden Elfen. Nun soll das oberste Gericht entscheiden. Laut Agenturmeldung habe sich die "Elfen-Lobby" mit Umweltschützern verbündet, um unter anderem einen Stein zu beschützen, der als Elfenkirche angesehen wird.

Diese Meldung widerlegt der isländische Journalist Benedikt Jóhannesson in seiner Kolumne in der "Icelandic Review". Zwar habe eine Gruppe von Umweltschützern gegen das Bauprojekt demonstriert, doch seien es nicht Hunderte gewesen. Nur eine selbsternannte "Seherin", die behauptet, mit den Elfen sprechen zu können, habe sich zu den Umweltschützern gesellt. Außerdem sei die Straße niemals blockiert worden, und die Arbeiten würden trotz Protesten fortgesetzt.

Aufregung um Festnahmen

Das bestätigt auch Journalist Egill Helgason derStandard.at. Der Protest habe sich immer um das Thema Naturschutz gedreht, da die Straße durch ein unberührtes und mit Moos bewachsenes Lavafeld zwischen den Städten Gardabær und Alftanes führt. In diesem Areal malte Islands wichtiger Maler Johannes Kjarval viele seiner Bilder.

Laut Egill war ein weiterer Grund für die Aufregung, dass die Polizei einige Demonstranten festnahm, unter ihnen auch den ehemaligen isländischen Entertainer Omar Ragnarsson. Der mittlerweile über 80-Jährige wurde in den vergangenen Jahren zu einem überzeugten Umweltschützer. "Solch einen Mann festzunehmen bringt große Schlagzeilen", sagt Egill. Das Elfenthema hingegen sei nur ein kleines Thema und in erster Linie ein Verkaufsschlager für Touristen.

Straße nie gesperrt

Dass die Straße nicht gesperrt wurde, bestätigt auch Pétur Matthíasson von der isländischen Straßen- und Küstenbehörde derStandard.at. Die Bauarbeiten würden wegen der winterlichen Wetterverhältnisse nur langsam vorangehen, aber sie würden fortgesetzt werden.

Pétur erklärt zudem, dass der Oberste Gerichtshof nicht wegen der Elfenthematik angerufen wurde. So wurde den Umweltschützern eine Unterlassungsklage gegen die Bauarbeiten untersagt, dieser Spruch wurde von einem Gericht bestätigt, da die Aktivisten keine betroffene Partei seien. Daraufhin wollten die Umweltschützer vor den Gerichtshof der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) ziehen, was ihnen allerdings von einem unteren Gericht untersagt wurde, da dieses keine Notwendigkeit in diesem Schritt sah. Der Oberste Gerichtshof soll nun entscheiden, ob die Ablehnung der ursprünglichen Unterlassungsklage rechtens war.

Standardschreiben an Presse

Doch auch wenn diesmal die Elfen keine Rolle spielen, erzählt Pétur von Fällen, in denen die Straßenbaubehörde sehr wohl mit dem Thema zu tun hat. Manchmal würden Bauarbeiten verzögert werden, um Anwohner ruhigzustellen, die den Elfen eine Zeit zum Umzug in einen neuen Stein geben wollen. Denn wenn die kleinen Personen vorgewarnt würden, dann würden sie von selbst ihr Haus wechseln. Nimmt man laut Überlieferung keine Rücksicht auf die magischen Wesen, so droht ein Fluch über das Projekt hereinzubrechen.

"Es tut nicht weh, von Zeit zu Zeit angebliche Elfengenerationen zu informieren, dass ihr Stein wegen der Straßenarbeiten entfernt werden muss, um Menschen, die an diese Wesen glauben, zu beruhigen", sagt Pétur. Doch nicht immer könnten Mitarbeiter der Straßenbaubehörde mit Steinen reden, um Rücksicht auf diese Personen zu nehmen. Meistens müssten die Arbeiten einfach begonnen werden.

Für den Fall von Anfragen zum Thema Straßenbau und Elfen hat die isländische Straßenbaubehörde ein Standardschreiben aufgesetzt. Darin wird erläutert, dass die Sagen als nationale Tradition respektiert würden und Steine, die angeblich von Elfen bewohnt werden, als kultureller Schatz erwogen werde. Zugleich wird allerdings davor gewarnt, Zwischenfälle bei Bauarbeiten, die gegen den Willen von "Elfenfreunden" durchgeführt werden, auf einen Fluch zurückzuführen. Das würde weder bei der Aufklärung noch Vermeidung von Unfällen helfen.

Glauben an Elfen

Wie es um den Glauben der Isländer an das versteckte Volk steht, zeigt eine Studie der Universität Island aus dem Jahr 2007. 1.000 Isländer wurden unter anderem zu ihrem Glauben an Geister, Elfen oder UFOs befragt. Dabei gaben 37 Prozent an, dass die Existenz von Elfen möglich ist. Für 17 Prozent ist es wahrscheinlich und für acht Prozent der Befragten ist es sicher, dass Elfen leben. Im Vergleich dazu glauben allerdings mehr Isländer an die sichere Existenz von Spukhäusern (13 Prozent) oder Schutzengeln (zehn Prozent).

Doch es gibt in Island auch Politiker, die von der Existenz der Elfen überzeugt sind. So hatte der Parlamentsabgeordnete Árni Johnsen im Jahr 2010 einen schweren Autounfall und konnte unverletzt aus seinem Auto aussteigen. Nach der Kontaktaufnahme mit einer "Elfenspezialistin" war der mögliche Grund für seine Unversehrtheit schnell gefunden: Ein Felsen nahe der Unfallstelle soll von drei Generationen an Elfen bewohnt sein. Aus Dankbarkeit ließ Árni den 30 Tonnen schweren Felsen nun in seinen Garten stellen. Natürlich in Absprache mit dem Elfenvolk. (Bianca Blei, derStandard.at, 8.1.2014)

  • Manchmal muss die Straßenbaubehörde ein Projekt verzögern, um die Elfen zum Umzug zu bitten.
    foto: reuters/bob strong/files

    Manchmal muss die Straßenbaubehörde ein Projekt verzögern, um die Elfen zum Umzug zu bitten.

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