Schumacher mit "angemessener Geschwindigkeit" unterwegs

8. Jänner 2014, 19:12
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Pistenmarkierungen den Normen entsprechend

Die deutschen Medien atmen auf: "Schumi kein Raser", titelte das Berliner Boulevardblatt BZ nach der Pressekonferenz der französischen Justizbehörden in Albertville. Laut der Staatsanwaltschaft fuhr der ehemalige Formel-1-Weltmeister auf der Piste des französischen Skiortes Méribel mit „angemessener Geschwindigkeit". "Wir können nicht erkennen, dass er mit erhöhter Geschwindigkeit unterwegs war", sagte der Kommandant der Gebirgsgendarmerie Savoyen, Stéphane Bozon. Leihskis und Bindung seien in gutem Zustand gewesen und "auf keinen Fall der Grund für den Unfall".

Der Sturz ereignete sich acht Meter neben der Piste. "Vieles deutet darauf hin, dass sich der Ski verfing, als er über den Fels schrammte", berichtete der zuständige Staatsanwalt Patrick Quincy. Schumacher sei umgestürzt und mit dem Kopf gegen einen zweiten Felsen geprallt; dabei sei der Helm zerplatzt.

Medienrummel nimmt ab

Mit anderen Worten: Schumacher erlitt neben der Piste einen Sturz, der wegen des geplatzten Helms tragische Folgen hatte: Seither liegt der 45-jährige Deutsche mit einem Schädel-Hirn-Trauma bewusstlos in einem Krankenhaus der ehemaligen Olympiastadt Grenoble. Zur medizinischen Befindlichkeit wollten die Ermittler keine Angaben machen. "Ich bin kein Arzt", meinte Quincy, der mit seiner trockenen und faktentreuen Darstellung viel dazu beitrug, die hektische Stimmung an der Pressekonferenz zu beruhigen.

Am Vortag hatte Schumachers Frau Corinna die Medien aufgerufen, mehr Zurückhaltung zu üben und die Familie und die Mediziner vor Ort in Ruhe zu lassen. Auch ohne diesen Appell dürfte es nun vor der Universitätsklinik in Grenoble etwas ruhiger werden. Quincy will erst bei neuen Erkenntnissen neu informieren, und das könne "mehrere Wochen" dauern, meinte er. Ein Gutteil des Journalistenpulks wird nun die Koffer packen und Grenoble verlassen.

Videoexistenz in Zweifel

In den letzten Tagen war auch in Deutschland Kritik an der Echtzeit-Berichterstattung vieler Medien laut geworden. Einzelne Redaktionen mussten sich in ihren Spalten gegen den Vorwurf verteidigen, sie berichteten zu intensiv - und spekulativ - über diesen einzelnen Fall, der doch kein Einzelfall sei. Die "Tagesschau" musste ihren Zuschauern online erklären, warum das deutsche Rennfahreridol medial gesprochen etwas mehr Interesse wecke als der gleiche Unfall eines anonymen Normalbürgers.

Die von der "Bild"-Zeitung hochgespielte Frage, ob die Filmkamera an Schumachers Helm das "Unfallrätsel" lösen könne, bleibt vorläufig unbeantwortet. Das zweiminütige Video zeige Schumachers gekonnte Schwünge auf der Piste, meinte Quincy; nicht zu sehen sei jedoch, ob der Deutsche vor dem Sturz einer anderen Person aufgeholfen habe. Das hatte Schumachers Managerin Sabine Kehm behauptet. Auch ein vom "Spiegel" erwähntes Video eines deutschen Augenzeugen liegt den französischen Behörden nicht vor. "Ich habe langsam Zweifel, dass es überhaupt existiert", meinte Quincy.

Wichtig für die Versicherungen ist die Frage, ob Schumacher die ausgesteckte Skipiste wissentlich verlassen hat. Quincy bejaht: Die Piste sei korrekt markiert gewesen. Gegen Méribel dürfte deshalb kein Strafverfahren eröffnet werden. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 9.1.2013)

  • Die Pistenbetreiber trifft keine Schuld am Unfall von Michael Schumacher.
    foto: reuters/emmanuel foudrot

    Die Pistenbetreiber trifft keine Schuld am Unfall von Michael Schumacher.

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