Die Leiden des jungen Todor

14. Februar 2014, 13:19
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Die Kolumnen von Todor Ovtcharov liegen nun gesammelt vor

"Humor ist, wenn man trotzdem lacht", lautet ein Bonmot des Dichters Otto Julius Bierbaum. So in etwa könnte man es zusammenfassen, das Verhältnis zwischen dem, was Todor Ovtcharov beschreibt, und dem, wie er es beschreibt.

Wohnen im Schrank

Etwa kommt es schon einmal vor, dass der Protagonist und Autor (in Personalunion) eine Zeitlang in einem Schrank wohnt, "in einer an der Decke befestigten Konstruktion (...). Die Souterrainlage meiner Wohnung machte es dem Tageslicht besonders schwer, meinen Schrank zu erreichen, darum öffnete ich meine Augen meist auch erst mittags. Wir hatten keine Heizung und kein warmes Wasser."

Und doch kann es auch schön sein, "im Ghetto von Wien zu leben (...). Wenn es warm ist, sind Straßen, Spielplätze und Parks voller Menschen. Sie lächeln und verbreiten eine Energie, die in den nobleren Stadtteilen verborgen bleibt. Das Leben gemeinsam zu genießen ist schöner, als es abgeschieden hinter der Wohnungstür zu konsumieren."

Also immer schön nach der "bright side of life" Ausschau halten, auch wenn es drunter und drüber geht und die soziale Not des "EU-Bürgers zweiter Klasse" stellenweise an George Orwells Erlebnisbericht "Down and under in London and Paris" gemahnt (na ja, nicht ganz so schlimm; aber schlimm genug, um der Bereitschaft des Autors, "trotzdem zu lachen", vollen Respekt zu zollen).

Wladimir, eat your heart out!

Die andere Assoziation, die sich auf den ersten Blick möglicherweise aufdrängen könnte (Migrant unter der Armutsgrenze, schreibt originelle Kolumnen), nämlich die mit dem Großmeister fetziger Kurzgeschichten Wladimir Kaminer, erweist sich nach einem zweiten Blick als irreführend. Wladimir, eat your heart out!, ist man sogar versucht zu schlussfolgern, denn Todor ist einfach um Welten besser als Kaminer. Ist so.

Diese Behauptung mit stichhaltigen Argumenten zu belegen würde, wie es so schön heißt, den Rahmen sprengen, aber auf einige Facetten sei dennoch kurz hingewiesen: In Todors gesammelten Kolumnen ist Zynismus nicht einmal in Spuren enthalten – in Kaminers dagegen in rauen Mengen. Auch auf Selbstexotisierung verzichtet Todor weitgehend. Und Stereotype dekonstruiert Todor nicht, sondern konstruiert diese erst gar nicht. Bei Kaminer ist Naivität reines Stilmittel, dem jungen Todor nimmt man sie dagegen streckenweise ab, als eine kindliche und unvoreingenommene Sichtweise auf seine Umwelt.

Weltschmerz und Pathos: nix da

Und wenn wir schon bei hinkenden Vergleichen mit unpassenden literarischen Vorbildern sind: Ob der junge Todor mit dem jungen Werther irgendetwas gemeinsam hat? – Gar nichts, einmal abgesehen vom Jungsein (aber auch das ist Interpretationssache). Das Todor'sche Leiden unterscheidet sich wohltuend vom Werther'schen dahingehend, dass der aus Sofia stammende Held unserer Zeit (eine weitere an den Haaren herbeigezogene literarische Assoziation!) weitgehend von Weltschmerz und Pathos verschont bleibt.

Dies und das und alles und nichts

Was soll man noch sagen über "Die Leiden des jungen Todor" – es steht ohnehin alles drin. Über Madonnas Alterungsprozess ebenso wie über das österreichische Proletariat in der Lugner City, da ist die Rede von Arbeitsmoral in einem Kaufhaus und von Sonntagsleiden wegen studentenunfreundlicher Ladenöffnungszeiten, von Rumänien und der Fragwürdigkeit von Regeln, und um einen afghanischen Kosmonauten und überhaupt um dies und das und alles und nichts geht es bei diesen "90 Kolumnen auf dem Weg zum Erwachsenwerden". Möge der Weg zum Erwachsenwerden noch recht lange andauern.

Noch einmal zurück zum Humor: Ganz ohne Wermutstropfen geht es eben doch nicht, wenn es ans Eingemachte geht, die Frage nach der Heimat. In der erwähnten Schrank-Geschichte heißt es dann: "Man weiß nicht, was Heimat ist, solange man sie nicht verlässt. Obwohl ich das Ganze natürlich mit Humor betrachte, bleibt immer auch ein kleines bisschen Traurigkeit." (Mascha Dabić, daStandard, 9.1.2014)

Die Leiden des jungen Todor

190 Seiten, Taschenbuch
ISBN 978-3-9503359-4-1

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