Ex-Verteidigungsminister Gates erhebt Vorwürfe gegen Obama und Bush

8. Jänner 2014, 16:44
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Ehemaliger Pentagon-Chef: Vizepräsident Biden hat "den Brunnen vergiftet"

Washington - Der ehemalige US-Verteidigungsminister Robert Gates hat in einem Buch scharfe Kritik an Präsident Barack Obamas Afghanistan-Politik geübt. Obama habe seinen Kommandanten nicht vertraut und nicht an seine eigene Strategie der zeitweiligen Truppenaufstockung im Kampf gegen die Taliban geglaubt, heißt es in dem Buch, aus dem US-Medien am Dienstag vorab Auszüge veröffentlichten.

Obama habe nur ein Ziel: die Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Zudem hält Gates dem Präsidenten den Angaben zufolge extrem scharfe Zentralisierung und Kontrolle in Sicherheitsfragen vor - stärker als in den Zeiten von Präsident Richard Nixon.

In Bushs und Obamas Kabinett

Gates hatte von 2006 bis 2009 dem republikanischen Präsidenten George W. Bush gedient. Obama beließ ihn nach seinem Amtsantritt zunächst im Amt.

Gates wirft Obama vor, er hege eine Antipathie gegen den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. "Der Präsident vertraut seinen Kommandeuren nicht, er kann Karzai nicht ausstehen, glaubt nicht an seine eigene Strategie und betrachtet den Krieg nicht als seinen eigenen", heißt es in Auszügen in der "Washington Post". Obama habe vor allem daran gezweifelt, dass die von ihm nach seinem Amtsantritt 2009 angeordnete Truppenverstärkung um rund 30.000 Soldaten zum Erfolg führe.

"Für ihn geht es nur darum, herauszukommen"

Mit Blick auf den geplanten Truppenabzug aus Afghanistan heißt es demnach über Obama wörtlich: "Für ihn geht es nur darum, herauszukommen." Es ist das erklärte Ziel der USA und der NATO-Partner, bis Ende 2014 die Soldaten vom Hindukusch abzuziehen. Lediglich zu Ausbildungs- und Beratungszwecken sollen noch Truppen im Land bleiben.

Stellenweise widerspricht sich Gates selbst: so meint er an gegen Ende des Buches, Obama sei bei jeder seiner Entscheidungen über die US-Politik gegenüber Afghanistan "richtig gelegen".

"Brunnenvergifter" Biden

Scharfe Kritik übt der 70-jährige Gates, der seit Richard Nixons Amtszeit für jeden US-Präsidenten außer Bill Clinton tätig war, an Vizepräsident Joe Biden. Er wirft Obamas Stellvertreter vor, dem Präsidenten eingeredet zu haben, er dürfe dem Militär nicht vertrauen. Wörtlich unterstellt er Biden, den "Brunnen vergiftet" zu haben. Außerdem seien seine Einschätzungen "in fast jeder außenpolitischen Angelegenheit der letzten vier Jahrzehnte" falsch gewesen.

Rumsfelds Unterschriftenautomat

Während Gates´ Amtszeit als Verteidigungsminister wurden  mehr als 3.800 US-Soldaten getötet. In seinem Buch gibt er an, er habe viele Abende damit verbracht, Beileidsschreiben an die Angehörigen Gefallenen zu verfassen. Zu diesem Zweck habe er sich Bilder der Soldaten und Ausschnitte aus lokalen Zeitungen kommen lassen. Sein Vorgänger Donald Rumsfeld war heftig kritisiert worden, weil er für Kondolenzbriefe einen Unterschriftenautomaten  ("Autopen") benutzte.

Gates schwieg während seiner Amtszeit

Als Verteidigungsminister übte Gates nie öffentlich Kritik an Präsident Obama. Laut Augenzeugen soll er dem Präsidenten bei der Präsentation seiner Pläne, die US-Truppen in Afghanistan aufzustocken, sogar gesagt haben, er sei bereit, gemeinsam mit Generalstabschef Mike Mullen "der erste zu sein, der den Hügel erstürmt, wenn Sie die Trompete blasen, Herr Präsident". Diese Episode fehlt allerdings in Gates´ Version.

Bush "historisch naiv"

Heftige Vorwürfe erhebt Gates in seinem Buch auch gegen den ehemaligen Präsidenten George W. Bush, der nach den Terrorangriffen 2001 den Afghanistan-Einmarsch angeordnet hatte. Mit Blick auf den von Bush erhofften Wandel in dem Land meint Gates den Angaben zufolge, seine Ziele seien "auf peinliche Weise ehrgeizig und historisch naiv" gewesen.

"In den letzten Jahrzehnten haben Präsidenten bei Problemen im Ausland oft zu schnell zur Schusswaffe gegriffen", schreibt er, "unsere Außen- und Sicherheitspolitik sind zu militarisiert".

Gates´ Buch "Duty: Memoirs of a Secretary at War" ("Die Pflicht: Memoiren eines Ministers im Krieg") erscheint am 14. Jänner. (bed, derStandard.at, 8.1.2014)

  • Robert Gates galt eigentlich als loyal gegenüber US-Präsident Barack Obama. Das hat sich nun geändert.
    foto: reuters/jonathan ernst

    Robert Gates galt eigentlich als loyal gegenüber US-Präsident Barack Obama. Das hat sich nun geändert.

  • Gates auf Truppenbesuch in Afghanistan, März 2010
    foto: reuters/jim watson

    Gates auf Truppenbesuch in Afghanistan, März 2010

  • Im STANDARD-Bildarchiv findet sich nur ein Bild, das Ex-Verteidigungminister Gates (rechts) und Vizepräsident Biden zeigt. Allzu gut scheinen sich der Republikaner und der Demokrat nicht zu verstehen.
    foto: reuters/jim watson

    Im STANDARD-Bildarchiv findet sich nur ein Bild, das Ex-Verteidigungminister Gates (rechts) und Vizepräsident Biden zeigt. Allzu gut scheinen sich der Republikaner und der Demokrat nicht zu verstehen.

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