Ein von A bis Z indiskretes Kultur-Vademecum

7. Jänner 2014, 18:31
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Ein editorisches Großereignis und ein betörendes Lebenslesebuch: Das Journal der Gebrüder Goncourt liegt nun erstmals vollständig in deutscher Übersetzung vor

Wien - Das Tagebuch kann vieles sein. Es gibt Diarien der Variante "Trost, Zuflucht, einziger Seelenfreund". Es kann als Abladestation für ansonsten sorgsam unter Verschluss gehaltene Gefühle dienen. Es kann Arbeitsjournal sein oder Zornprotokoll. Oder eine Chronik laufender Ereignisse, die das eigene Leben, die Zeit verwandelt und transformiert in Literatur.

Nur ganz wenige Diarien sind Panoramen ihrer Zeit. Eines davon, vielleicht das bemerkenswerteste, wurde 19 Jahre lang quasi vierhändig an einem extra gefertigten Doppelschreibtisch von den Brüdern Edmond (1822-1896) und Jules de Goncourt geschrieben. Als Jules im Juni 1870 40-jährig an Syphilis starb, setzte Edmond ein Vierteljahrhundert das vieltausendseitige Tagebuch fort und dachte dabei den Part seines Bruders weiter mit.

Der im Jahr 2001 als Verleger an ökonomischem Unvermögen gescheiterte, intellektuell gewitzte Gerd Haffmans hat nun, nachdem er vor vier Jahren das Diarium des Londoners Samuel Pepys aus den 1660er Jahren erstmals vollständig ins Deutsche hat übersetzen lassen, ein noch größeres, noch wahnwitzigeres, noch monumentaleres Projekt in Angriff genommen: das am 2. Dezember 1851 begonnene Journal der Goncourts, dessen letzter Eintrag vom 3. Juli 1896 stammt, in erstmals vollständiger deutscher Übertragung.

An die Goncourts, die ab 1849 durch ein Erbe finanziell sorglos und auf großem Fuße leben konnten, erinnern vor allem ein nach ihnen benannter französischer Literaturpreis, den die von Edmond testamentarisch kreierte Stiftung seit 1903 in verschiedenen Sparten - gestern wurde der Preis für Lyrik an Charles Juliet überreicht - vergeben wird. Wenig hingegen ist von ihren dem erzählerischen Naturalismus verpflichteten Werken in Erinnerung geblieben. Ganz im Gegensatz zum Journal, dessen Veröffentlichungsgeschichte so skandalbehaftet war wie der Inhalt akut brisant.

Als ab dem Herbst 1885 in der Zeitung Le Figaro erste Auszüge erschienen, lösten selbst diese eigenhändig um die sardonischsten Einträge bereinigten Passagen einen Eklat und bei den darin Paradierenden Zornanfälle und wütende Proteste aus. Goncourt verfügte, dass das Journal erst 20 Jahre nach seinem Tod vollständig erscheinen dürfe. Doch tatsächlich dauerte es bis zum Jahr 1956, bis man eine gänzlich unzensierte Edition publizierte. Nicht in Paris. Sondern in Monaco, juristisch sicheres Terrain des Grimaldi-Regenten Rainier III.

Wer aber soll sich für diese mehr als 7000 Seiten interessieren? Jeder, der sich um nicht mehr als ein hinreißendes Leseerlebnis bringen will. Denn obschon das Paris der Belle Époque versunken ist, handelt es sich hier um ein hinreißend lebendiges Panorama zwischen Klatsch, Tratsch und bösen Soupçons, zwischen privater Bloßstellung und hedonistischer Entblödung. Jener des Second Émpire, gesehen durch eine giftgrüne Brille. Und die Zeit der Dritten Republik ab 1871 scheint auf als wirtschaftlich wie politisch fragile Zeit: zwischen technologischem Aufbruch, Boulanger-Bedrohung und Napoleon-Manie, zwischen Eiffelturm, Diners und Skandalen wie dem des Panamakanals, der an konstruktiv-logistischem Unvermögen wie an massiver Korruption scheiterte und Tausende französischer Kleinaktionäre in die Armut riss. Es ist ein gargantuahaftes, die Zeit durchschneidendes Zeitsittenbild. Essen und Trinken tauchen auf, Plaudereien und Vergnügungen aller Art, Sensationen jeglicher Spielart, darunter auch das Phänomen der immer größeren Weltausstellungen, wie erotische Beobachtungen - naturellement waren die Goncourts überwiegend Beobachter, wollten sie doch alles aufschreiben -, Ephemeres und Momentblitze, banale Beobachtungen des Alltags und in großem Umfang anzustreichende Bonmots.

Fulminante Porträts

Das ist mal berückend maliziös, mal grob bis zur Derbheit stets mit Präzision zu Papier gebracht. Dieses gesellschaftlich-literarische Pariser Kulturvademecum zweier Generationen von A-Z, von Abadie, Charles, bis Zola, Émile, ist von A bis Z indiskret. In ihrer flamboyanten Unverhülltheit sind die Goncourts fulminante Porträtisten.

Die Übersetzerinnen Petra-Susanne Räbel und Cornelia Hasting, die neun Jahre an diesem Projekt saßen und zu denen für den letzten Band und die letzten zwei Arbeitsjahre noch Caroline Vollmann stieß, haben eine geradezu herkulische Aufgabe prachtvoll gestemmt, dazu kamen noch gute Korrekturleser, von denen wohl mancher Augenschäden davongetragen haben dürfte. Das Ganze, begleitet von einem informativen Materialienband, ist schön gedruckt, gut gebunden, die Schutzumschläge mit witzigen Illustrationen Jonathan Wolstenholmes versehen, alles in einem stabilen Schuber versammelt. Ein berauschendes Lebensbuch, ein betörendes Lebenslesebuch. (Alexander Kluy, DER STANDARD, 8.1.2014)

Edmond und Jules de Goncourt: "Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben 1851-1896. Vollständige Ausgabe in 11 Bänden nebst einem Beibuch." € 250,- / 7140 Seiten. Haffmans-Verlag bei Zweitausendeins, Leipzig 2013

  • Ein vierhändiges Journal zweier Genies der Gehässigkeit. Die Illustration von Jonathan Wolstenholme stammt aus der besprochenen Ausgabe. Sie zeigt (von li.) Guy de Maupassant, Joris-Karl Huysmans, Alphonse Daudet und Oscar Wilde.
    foto: zweitausendeins

    Ein vierhändiges Journal zweier Genies der Gehässigkeit. Die Illustration von Jonathan Wolstenholme stammt aus der besprochenen Ausgabe. Sie zeigt (von li.) Guy de Maupassant, Joris-Karl Huysmans, Alphonse Daudet und Oscar Wilde.

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