Diethart und das Können aus der Kultur

7. Jänner 2014, 18:50
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Der Tournee-Erfolg des Thomas Diethart hat natürlich auch Anton Innauer überrascht. Er sieht im perfekten System eine der Ursachen. "Es wurde ihm leicht gemacht, nicht nachzudenken. "

Innsbruck/Wien - Anton Innauer hat die Vierschanzentournee für das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) schon zum dritten Mal nicht kommentiert, aber analysiert, das Expertentum im Sport ist keine österreichische Erfindung. Bis 2010 war er als Nordischer Direktor des ÖSV mittendrin, das Gefühl der Wehmut hat sich 2014 nicht eingestellt, der 55-jährige Innauer neigt dazu, Kapitel abzuschließen. "Diese eine Woche Skispringen reicht. Abgesehen davon pflege ich ja die Kontakte von früher."

Der Sieg des Thomas Diethart habe natürlich auch ihn überrascht. "Es ist eine außergewöhnliche Geschichte. Da kommt einer, der wirklich nur Insidern bekannt ist, daher und schlägt sie alle." Innauer hatte während der Tournee kaum Kontakt zu Diethart. "Servus und Hallo, das war es." Was den 21-jährigen Niederösterreicher auszeichnet und von den meisten anderen unterscheidet, "ist seine enorme Sprungkraft, die er dann perfekt in einen Bewegungsfluss reinbringt. Das können nicht all zu viele. Er kommt tatsächlich ins Fliegen."

Diethart hatte zwischen den Sprüngen stets betont, nicht nachzudenken. Innauer glaubt ihm das. "Und es wurde ihm leicht gemacht, nicht nachzudenken. Weil er in eine tolle, gewachsene Infrastruktur, in eine Kultur eingebettet ist. Im österreichischen Springerteam ist es gar nicht so schwierig, cool zu bleiben. Man ist ungestört, das Zittern und das Bangen werden praktisch ausgeschaltet. Man ist niemals alleine." Es sei auch gelungen zu verhindern, "dass die Nervosität von Vater Gernot Diethart auf den Sohn übertragen wurde. Kinder werden von den Eltern sehr oft unter Druck gesetzt. Unbewusst, sie meinen es ja gut."

Lockerer Pointner

Innauer ist die Lockerheit von Cheftrainer Alexander Pointner aufgefallen. "Wenn man im Hintergrund Athleten wie Morgenstern oder auch Schlierenzauer hat, muss man um einen Diethart keine Angst haben. Zudem wurden die fünf vergangenen Tourneen gewonnen, da ist ein gesundes Selbstbewusstsein logisch. Aus der Position der Stärke geht alles einfacher."

Diethart profitierte vom schweren Sturz des Thomas Morgenstern in Titisee-Neustadt. Nur deshalb wurde er für die Weltcups in Engelberg nominiert. Dort hat er mit Spitzenplätzen aufgezeigt und sich im letzten Moment für die Tournee aufgedrängt. Innauer: "Sein Niveau hätte sich auch gezeigt, wäre er erst im dritten Bewerb in Innsbruck dazugestoßen. Das Können wäre nicht zu verheimlichen gewesen." Morgenstern wurde Gesamtzweiter, Innauer wertet das "als großartige Leistung eines absoluten Champions. Er weiß, wie es geht, worauf es ankommt. Und Heinz Kuttin ist der perfekte Trainer für ihn."

Schatten

Gregor Schlierenzauer (Gesamtachter) wiederum musste erstmals erfahren, "wie es ist, in den Schatten gedrängt zu werden. Er ist ja auch erst 24. Und dann kommt plötzlich ein Jüngerer aus dem eigenen Land daher, reißt die ganze Aufmerksamkeit an sich. Das kannte Schlierenzauer nicht. Jetzt weiß er, wie einige andere unter seinen Erfolgen gelitten haben müssen. Es wird spannend, wie er damit umgeht."

Diethart werde, so Innauer, das Niveau halten, ein akuter Einbruch sei fast auszuschließen. "Aber er wird auch in Löcher fallen, und dann fängt das Denken an." Das System könne ihn freilich auffangen. Beim drittplatzierten Schweizer Simon Ammann sei das nicht der Fall. "Er ist dafür eine perfekte One-Man-Band. Es gibt offenbar viele Wege." (Christian Hackl, DER STANDARD, 08.01.2014)

  • Anton Innauer denkt übers Springen nach.
    foto: apa/gindl

    Anton Innauer denkt übers Springen nach.

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