Maximilian Riedel: "Ich komm aus gutem Haus"

Interview9. Jänner 2014, 17:02
157 Postings

Maximilian Riedel ist nicht nur CEO von Riedel Glas, er designt auch selbst - Im Gespräch erzählt er über den größten Konkurrenten namens Ikea, sagt, wann er zum letzten Mal aus der Flasche getrunken hat, und weiß, wie viele Gläser man besitzen sollte

Kufstein, an einem kalten, grauen Wintertag. Schnell legt man seinen Mantel ab und ist versucht, auch den Pullover abzustreifen, denn in der Glasmanufaktur von Riedel hat es fast Sauna-Temperatur. 1200 Grad misst die glühende Masse in den orange leuchtenden Bäuchen der Öfen. Mit langen, dünnen Stahlrohren balancieren Glasbläser kleine glühende Knödelmassen vor sich her und formen mittels voller Puste kunstvolle Gläser und Karaffen. Wenn die Meister blasen, blähen sich ihre Wangen, als hätten sie Tennisbälle im Mund.

Kein Wort ist zu hören, nur das Brummeln der Öfen ist zu vernehmen. Mehr als 50 Millionen Weingläser produziert Riedel im Jahr, ein Prozent davon wird mundgeblasen, stammt also von hier. Ein Gebäude weiter liegt die Verwaltung von Riedel. Vorbei an unzähligen türkisblauen Ordnern in meterhohen Regalen geht's zum Büro vom Chef. Und das ist seit einem guten halben Jahr der 35-jährige Maximilian Riedel.

STANDARD: Ihr Vater hat Sie vergangenen Sommer nach 13 Jahren in den USA nach Kufstein zurückgerufen, um das Geschäft zu übernehmen. Was dachten Sie im ersten Moment?

Maximilian Riedel: Das war nicht so abrupt. Wir hatten uns schon über ein Jahr darüber unterhalten. Er hat es mir so schmackhaft gemacht, dass ich mich irgendwann fragte: Warum denn nicht ich? Als junger, dynamischer und ehrgeiziger Mensch will man sich weiterentwickeln, sonst fällt einem die Decke auf den Kopf.

STANDARD: Wie lautet die neue Herausforderung?

Riedel: Alte Strukturen neu zu entdecken bzw. zu erarbeiten und umzustellen. Gleichzeitig und überraschend ist eine ganze Managementgilde von heute auf morgen weggebrochen. Nicht nur mein Vater geht in Pension, sondern das ganze Management. Von einigen dieser Leute erhofften wir uns, dass sie länger bleiben. Wahrscheinlich hatten sie Angst davor, mit einem neuen Managementstil mithalten zu müssen. Das hat mich ein bisschen von hinten her überholt. Wir scheinen aber Herr der Lage zu sein, das erlaubt mir, wirklich neu zu starten. Der Umsatz ist da, der Erfolg Gott sei Dank auch.

STANDARD: Sie haben als CEO für Nordamerika den Umsatz in den USA versechsfacht. Wie ist Ihnen das gelungen?

Riedel: Mit viel Fleiß, Umstrukturierung und unfassbar guten Ideen für neue Produkte. Der Markt war einfach reif für diese Weinexplosion. Wein wurde in Amerika produziert und getrunken, aber richtig zelebriert wird er erst seit 2000. Wir waren einfach zur richtigen Zeit dort.

STANDARD: Sie leiten Riedel jetzt in der elften Generation. Warum funktioniert das so lange?

Riedel: Weil jede Generation mit neuen Aufgaben und Problemen konfrontiert wurde. Es hat Gott sei Dank noch keine Generation gegeben, die sagte: Vergessts es, ich leg mich jetzt in Florida an den Strand. Dafür sind wir einfach zu ehrgeizig. Ich bin so aufgewachsen, wurde so erzogen, hab's nie anders gekannt. Ich hab mich auch nie verletzt oder von meinen Eltern ungeliebt gefühlt. Nichts hat mich also je animiert, Drogen zu nehmen oder auf die schiefe Bahn zu geraten, was in Tirol allerdings auch fast unmöglich ist. Hier gibt's den Sport, den Tourismus, die Möglichkeit zu reisen, einfach Abwechslung. Schon klar, ich spreche von mir. Ich wurde gut erzogen, komm aus gutem Hause, besuchte gute Schulen, hab die Welt gesehen.

STANDARD: Aber Drogen sind doch in Tirol bestimmt auch ein Problem.

Riedel: Mit Sicherheit. Ich habe auch Freunde verloren, die auf die schiefe Bahn geraten sind. Bei mir kam der Druck, dass ich mir was antun muss, um den Schmerz zu tilgen, nie an.

STANDARD: Lassen Sie uns über Glas sprechen. Wie viele verschiedene Gläser hat Riedel derzeit im Angebot?

Riedel: Das kommt auf den Markt an. In den USA sind es nur 150, in Japan noch weniger, in China vielleicht 60. Die stammen aber alle aus der österreichischen Kollektion, hier produzieren wir ja auch noch Produkte, die wir vor 40 oder sogar 60 Jahren entwickelt haben, weil es noch immer einen Absatzmarkt gibt. Im Preisbuch selbst sind es zwischen 225 und 275 Artikel.

STANDARD: Wie viele verschiedene Gläser braucht der Mensch in seinem Zuhause?

Riedel: Man kann nicht genug haben. Fragen Sie eine Dame, wie viele Schuhe sie braucht, wird sie auch sagen: Es gibt nicht genug. Ich feierte gestern die Einweihungsparty meiner Wohnung in Kitzbühel, und mir sind tatsächlich die Gläser ausgegangen. Offensichtlich habe ich noch nicht den Platz in der Wohnung, alle meine Gläser unterzubringen. Ich habe 40 verschiedene Flaschen Bourbon aus Kentucky importiert, ganz legal als Übersiedlungsgut übrigens, und da haben wir uns ein bisschen durchprobiert. Verschiedene Weine und Wasser gab es natürlich auch. Da gehen einem schon einmal die Gläser aus.

STANDARD: Von wie vielen Gläsern sprechen wir denn?

Riedel: Der Tisch war voll, eigentlich waren es zwei Tische und nur fünf Personen. Wenn man gerne kocht, sich in die Materie vertieft, Wein zelebriert, gibt's kein Limit. Dann bitte weniger Schuhe.

STANDARD: Sie sagten einmal, Ikea sei Ihre größte Konkurrenz.

Riedel: Ja, das stimmt.

STANDARD: Und was tun Sie gegen diese Konkurrenz?

Riedel: Weiterhin kreativ sein, Produkte erzeugen, die man auf Ikea-Level nicht produzieren kann. Ein handgemachtes Glas werden Sie bei Ikea nie finden. Ikea ist eine Destination, Leute fahren dorthin, verbringen dort ihre Zeit, kaufen alles Mögliche, essen sogar dort. So etwas ist in der Stadt schwierig, weil ihnen auf dem Weg von A nach B immer der Verkehr dazwischenkommt. Nennen wir es "all in". Es gibt nirgendwo sonst dieses Environment. Die haben sich also sehr klug aufgestellt. Man findet bei Ikea fast alles. Sie würden in Wien Tage brauchen, um einen Einkaufswagen mit so vielen verschiedenen Produkten füllen zu können.

STANDARD: Aber es geht doch auch um den Preis. Ich bekomm bei Ikea auch kein Minotti-Sofa ...

Riedel: Trotzdem ist auch für Minotti Ikea sicher die größte Konkurrenz. Als ich im Internat war, in Paris gelebt habe oder nach New York gekommen bin, war mein erster Weg immer zu Ikea. Mit der Zeit wurde mir klar, dass jeder die gleiche Uhr, den gleichen Einbauschrank, das Gleiche was auch immer kauft. Wo bleibt denn da die Individualität? Ich möchte individuell bleiben, weil auch meine Produkte individuell sind.

STANDARD: Alles schön und gut, aber für das Geld, das ein Riedel-Glas kostet, bekomme ich bei Ikea einen ganzen Karton. Man muss sich Individualität auch leisten können.

Riedel: Das können Sie nicht vergleichen. Ich muss den Konsumenten ansprechen, der über unsere Schulungen verstehen lernt, warum unser Glas gegenüber dem Ikea-Glas Vorteile hat.

STANDARD: Das heißt, Sie müssen den Käufer erziehen?

Riedel: Absolut. Das machen wir ja schon seit Generationen.

STANDARD: Sie entwarfen viele Gläser selbst, bekamen sogar Auszeichnungen, zum Beispiel vom Museum of Modern Art in New York. Designer und Manager zu sein scheint also kein Widerspruch zu sein.

Riedel: In meinen Fall nicht, auch nicht im Falle meines Vaters oder Großvaters. Wir haben auch keinerlei Ausbildung in diese Richtung gemacht, sind Autodidakten. Wir haben Geschmack, das ist uns in die Wiege gelegt worden. Wir sind der Funktion und dem Bauhaus-Prinzip "form follows function" treu.

STANDARD: Wo tritt der Geschäftsführer dem Designer am ehesten auf die Füße?

Riedel: Gar nicht. Klar, wenn wir von Rohkosten von sieben Euro pro Glas hier in der Manufaktur in Kufstein reden, wird's schwierig, Designer und CEO zu sein. Da müssen wir schon ein Auge zudrücken. Bei unserer Produktion in den Fabriken ist das Verhältnis perfekt.

STANDARD: Und es gibt keine Ambitionen, namhafte Designer zu engagieren, wie dies zum Beispiel Swarovski tut?

Riedel: Unter der Marke Riedel nicht, unter der Marke Spiegelau Nachtmann, die wir ebenfalls besitzen, haben wir diesbezüglich bereits Dinge in die Wege geleitet. Dabei geht es mir eher um eine Zusammenarbeit mit jungen, noch nicht so etablierten Designern und Designschulen wie der Pratt Design School oder der Parsons Design School, aber auch Schulen in Skandinavien und Asien.

STANDARD: Welches Glas gibt es noch nicht, das Sie gestalten möchten? Nennen wir es Ihr "Traumglas".

Riedel: Vor zehn Jahren hab ich das O-Glas präsentiert. Dabei handelt es sich um das stiellose Glas. Das stiellose Glas ist ja nichts wirklich Neues, bereits die Wikinger haben ihr Bier aus Hörnern gesoffen. Wenn man schaut, aus was die Griechen getrunken haben, landen wir bei Schalen. Und die hab ich versucht, neu zu gestalten bzw. zu interpretieren. Das hat natürlich mit dem Riedel-Prinzip, für jede Traube ein eigenes Glas zu haben, nichts mehr zu tun. Aber diese Idee reizt mich nach wie vor sehr.

STANDARD: Es heißt, man solle Champagner nicht aus Sektflöten trinken, sondern aus Weißweingläsern.

Riedel: Und wissen Sie, wer dieses Denken in die Wege geleitet hat?

STANDARD: Nein.

Riedel: Die Riedels. Wir waren die Allerersten, die gesagt haben, Champagnerflöten sind obsolet.

STANDARD: Warum haben Sie sie dann im Sortiment?

Riedel: Weil es immer noch Konsumenten gibt, die traditionell denken.

STANDARD: Wann haben Sie zuletzt etwas aus der Flasche getrunken?

Riedel: Gestern.

STANDARD: Bier?

Riedel: Nein, Bier trink ich nicht. Ich bin glutenfrei.

STANDARD: Was war es dann?

Riedel: Sag ich nicht.

STANDARD: Und wann haben Sie das letzte Mal abgewaschen?

Riedel: Gestern. Das mach ich aber täglich und freu mich auch drauf. Wenn man auf diese Art den Abend ausklingen lässt, ist das doch etwas Schönes. Ich rauche nicht, irgendwas will man in der Hand halten, da ist das Polieren von Gläsern ideal.

STANDARD: Ihr Lieblingsglas?

Riedel: Das ändert sich fast täglich. Meine Standardantwort ist ein handgemachtes Glas aus Kufstein, mit Sicherheit das Pinot-noir-Glas, das ich auch für Rosé-Champagner empfehle. Gestern war es das stiellose O-Riesling-Glas. Erstens, weil der Riesling der beste Wein war, zweitens passen die Gläser ohne Probleme in den Geschirrspüler.

STANDARD: Was ist der größte Fauxpas, den man in Sachen Gläser begehen kann?

Riedel: Die Gläser in einem Ikea-Kasten aufbewahren, weil die Gläser den Geruch des Kastens aufnehmen und damit das ganze "Weinleben" beeinflusst wird. Da können Sie Ihren Bründlmayer gleich in den Ausguss leeren.

STANDARD: Das ist jetzt aber doch nicht speziell auf Ikea bezogen. Es gibt auch andere Hersteller, die günstige Ware anbieten.

Riedel: Hauptsächlich auf Ikea, weil die billigen Lack verwenden und sich das auf die Gläser auswirkt.

STANDARD: Bringen Scherben Glück?

Riedel: Ich hab in meinem Leben vielleicht drei Gläser zerbrochen, deswegen kann ich diese Frage nicht wirklich beantworten.

STANDARD: Nun, Ihnen bringen Scherben wahrscheinlich schon Glück ...

Riedel: Das dürfen Sie nicht schreiben, weil ich das nicht gesagt habe. (Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 10.1.2014)

>> Schaut der Flasche ähnlich: Ein Riedel-Glas für und mit Coca-Cola

Maximilian Riedel (35) wurde im Juli 2013 zum CEO und Präsidenten von Riedel Crystal ernannt und folgt damit seinem Vater Georg J. Riedel. Er trat mit 18 Jahren ins Familienunternehmen ein, arbeitete in Österreich, Frankreich und Dubai. Mit 25 wurde er der CEO der Firma für Nordamerika. 2004 entwarf er die "O"-Glasserie ohne Stiel, für die er Auszeichnungen vom Museum of Modern Art, vom San Francisco MoMA und von zahlreichen anderen Institutionen erhielt. Neben seiner Aufgabe als Geschäftsführer ist Riedel auch der leitende Designer für die Dekanter des Glasherstellers.

www.riedel.com

Info: Die Reise nach Kufstein wurde von Riedel finanziell unterstützt.

Share if you care.