Der Alltag als Krankenpflegerin

Leserkommentar7. Jänner 2014, 16:46
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Eine Krankenpflegerin über ihre Erfahrungen mit folgeträchtigen Einsparungen im Gesundheitssystem

Ich bin diplomierte Krankenpflegerin und arbeite seit über 20 Jahren in einem Landeskrankenhaus. Ich verstehe nicht, dass erstens in den Medien immer nur vom AKH gesprochen wird und zweitens immer nur von den Ärzten. In anderen Spitälern sind die Zustände genauso katastrophal. Und für die Pfleger und Pflegerinnen ist es auch nicht anders. Es wird so viel eingespart, dass nur mehr das Notwendigste gemacht werden kann.

Einsparungen

Durch Einsparungen haben wir jetzt verkürzte und versetzte Arbeitszeiten. Dadurch haben wir vier Dienstübergaben pro Tag. Früher waren es zwei (morgens: Nachtdienst – Hauptdienst, abends: Hauptdienst- Nachtdienst). Dadurch ist die Gefahr nun groß, dass wertvolle Informationen verlorengehen.

Überfüllte Ambulanzen

Für Gespräche, auch mit Angehörigen, bleibt kaum Zeit. Die diensthabenden Ärzte stehen so unter Druck, dass sie auch nur auf die Stationen kommen können, wenn Notfälle sind. Die Ambulanzen sind so überfüllt, aber mit Beschwerden, die auch der Hausarzt klären könnte, dass dann die Ärzte dort im Einsatz sind. Die Einführung der Ambulanzgebühr wäre da nur zu befürworten.

Im Frühjahr 2013 wurde vom Arbeitsinspektorat ein Auftrag an das AMZ erteilt, die psychischen Belastungen des Personals zu erheben. Eine Befragung wurde durchgeführt. Bis heute wurde uns noch kein Ergebnis mitgeteilt.

Ärzte rennen ihre Dienste

Man fragt sich dann schon: "Wie ist mein Stellenwert in diesem System?" Wir werden oft mit Problemen und mit Angehörigen der Patienten alleingelassen, da der Arzt keine Zeit hat zu kommen. Und der hat wirklich keine Zeit. Die Ärzte "rennen" ihre Dienste oft durch. Wir dürfen aber vom Gesetz her keine Auskunft geben, was aber von den wenigsten akzeptiert wird. Man kann sich dann oft sehr unfreundliche Kommentare anhören.

Wir müssen Tätigkeiten übernehmen, die auch zum Beispiel eine Sekretärin machen könnte, etwa Zuweisungen in den PC eingeben und vieles mehr. Aber eine Sekretärin einstellen kommt sicher teurer, als uns diese Arbeit zuzuteilen.

Verwandte oft keine Hilfe

Ich muss mich aber auch über viele Angehörige beschweren. Wenn man sie bittet, zum Beispiel ihren Papa zu rasieren oder Essen zu geben, sind sie oft nicht bereit, uns zu unterstützen. Im Gegenteil, sie beschweren sich, wenn etwa nicht rasiert wurde.

Ich würde gerne Politiker einladen, in einem Spital nur für eine Woche mitzuarbeiten, damit sie endlich wissen, wie die Zustände in der Wirklichkeit sind. Sie sollen unseren Alltag hautnah erleben. Sie sollen den Alltag des Patienten erleben, der stundenlang in der Ambulanz sitzt und auf die Behandlung wartet, vielleicht mit starken Schmerzen oder einer Verletzung. Diese Situation kennen sie ja nicht. Denn unsere Politiker werden ja sofort behandelt.

Muss erst ein zweiter Lainz-Skandal passieren, dass unsere Entscheidungsträger reagieren? Oder sind ihnen ihre Wähler so egal? Sind das Geld und das Image wichtiger als jeder einzelne Österreicher? (Leserkommentar, Brigitte Landauer, derStandard.at, 7.1.2013)

Brigitte Landauer ist diplomierte Krankenschwester in einem Landeskrankenhaus. Auf Wunsch der Leserin wurde der Name der Autorin von der Redaktion geändert.

  • Unter den Einsparungen leiden sowohl das Personal als auch die Patienten.
    foto: robert newald

    Unter den Einsparungen leiden sowohl das Personal als auch die Patienten.

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