Gericht beschäftigt sich mit Zschäpes Tarnidentitäten

7. Jänner 2014, 14:37
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Mehrere Ausweise halfen der Angeklagten Beate Zschäpe dabei ihre Tarnidentität aufrechtzuerhalten

München - Mögliche Tarnidentitäten der Hauptangeklagten Beate Zschäpe stehen am ersten Verhandlungstag des NSU-Prozesses im neuen Jahr im Mittelpunkt der Beweisaufnahme. Als Zeugen vor dem Oberlandesgericht in München sind Silvia und Alexander S. geladen. Mit dem Mädchennamen von Silvia S. waren 2011 im Brandschutt in der Zwickauer Frühlingsstraße mehrere Ausweise gefunden worden, die teils ein Foto von Zschäpe zeigten.

Der in diesem Verfahren wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung mit angeklagte Holger G. hatte im Januar 2012 während einer Vernehmung durch das Bundeskriminalamt (BKA) eingeräumt, auf Drängen "von einem der Uwes" für Beate Zschäpe eine Krankenversicherungskarte besorgt zu haben. G. hatte regelmäßig Kontakt zu Zschäpe und ihren Mitbewohnern in der Frühlingsstraße, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Holger G. soll bei der Polizei eingeräumt haben, Silvia S. überredet zu haben, ihm für 300 Euro ihre Versicherungskarte zu überlassen. Laut Bundesanwaltschaft wurde die Karte mindestens für zwei Zahnarztbesuche im Mai 2006 in Halle/Saale von der Hauptangeklagten verwendet. Die Ermittler fanden unter anderem ein entsprechendes Bonusheft. Holger G. versicherte, dass Silvia S. und ihr Ehemann Alexander nichts von dem Gebrach der Versicherungskarte gewusst und auch keinen Kontakt zum Trio gehabt haben.

Gefälschter Personalausweis

Neben der Versicherungskarte fanden sich im  Brandschutt auch noch ein gefälschter Bibliotheksausweis auf den Mädchennamen der Zeugin Silvia S., ein Rabattausweis für einen Baumarkt sowie ein Brillenpass. Auf diesem war der ursprüngliche Name der Zeugin allerdings handschriftlich in „Pohl" geändert worden. Die Hauptangeklagte Zschäpe ist Brillenträgerin.

Am Donnerstag wird sich das Gericht erneut mit dem Beschaffen der Tatwaffe für die neun angeklagten rassistischen Morde beschäftigen, die von Mitgliedern des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) begangen worden sein sollen. Mit Andreas S. und Frank L. sind zwei Zeugen geladen, die Ende der 1990er Jahre in Jena den Szeneladen „Madley" betrieben hatten, der auch Anlaufpunkt der Neonaziszene war.

Der ebenfalls in diesem Prozess angeklagte Carsten S. hatte im Februar 2012 bei einer BKA-Vernehmung eingeräumt, dass er in einem Telefongespräch mit den damals untergetauchten Uwes nach einer scharfen Pistole gefragt wurde. Er nennt als Zeitraum für das Gespräch das zweite Halbjahr 1999. Nach Angaben des Angeklagten hat dieser Ralf Wohlleben von dem Wunsch erzählt und der habe ihn ins „Madly" geschickt.

Wohlleben und Carsten S. sind jeweils wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagt. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen das Beschaffen der Tatwaffe für den NSU vor. Eine erste Befragung des Alexander S. vor Gericht war unterbrochen worden, um den Zeugen einen Rechtsbeistand zu gewähren, weil die Möglichkeit besteht, dass er sich mit seinen Aussagen selber belasten könnte.

Seit Mai vergangenen Jahres wird wegen der NSU-Verbrechen gegen fünf Angeklagte vor der dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts in München verhandelt. Dem engen Freund des Trios Andre E. wirft die Bundesanwaltschaft ebenfalls Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor. Der Prozess ist vorerst bis Ende dieses Jahres geplant. (Kai Mudra, derStandard.at, 7.1.2014)

Der Text wurde freundlicherweise von der "Thüringer All­gemeinen" zur Verfügung gestellt, da DER STANDARD keinen Platz im Gerichtssaal hat.

  • Die Angeklagte Beate Zschäpe im Gerichtssaal.
    foto: epa/peter kneffel

    Die Angeklagte Beate Zschäpe im Gerichtssaal.

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