Meteorologe über Kälte: "Gefühlte minus 30 Grad Celsius sind kritisch"

Interview7. Jänner 2014, 13:25
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Roland Reiter über die Berechnung von gefühlter Temperatur und deren Auswirkung

Der Norden der Vereinigten Staaten und Kanada leiden unter polaren Temperaturen. Die Ostküstenmetropole New York verzeichnet minus zwölf Grad Celsius, Chicago misst minus  22,8 Grad Celsius, und sogar in Jacksonville in Florida zeigt das Thermometer minus drei Grad Celsius. Schuld daran ist laut Ubimet-Meteorologe Roland Reiter ein polarer Kaltluftkörper. Warum Europa nur selten von solch tiefen Temperaturen betroffen und was der Unterschied zwischen gefühlten und gemessenen Temperaturen ist, erzählt er im Gespräch mit Bianca Blei.

derStandard.at: Vor allem die gefühlten Temperaturen tief im Minusbereich haben in den USA Auswirkungen auf den menschlichen Körper. Wie werden die gefühlten Temperaturen berechnet?

Reiter: Das passiert nicht Daumen mal Pi, sondern nach einer eindeutigen Formel. Die gefühlten Temperaturen werden auch als "Windchillfaktor" bezeichnet. Da gibt es dutzende Werkzeuge im Internet, die diesen Faktor berechnen können. Die gefühlten Temperaturen spielen eine entscheidende Rolle. Wenn kein Wind bei tiefen Temperaturen geht, dann kann die Wärme des menschlichen Körpers nicht so schnell abgetragen werden. Geht jedoch zudem starker Wind, dann steigt die Gefahr von Erfrierungen.

derStandard.at: Ab wann wird es für Menschen gefährlich?

Reiter: Ein Richtwert ist, dass es ab etwa minus 30 Grad Celsius gefühlter Temperatur für den menschlichen Körper kritisch wird. Das ist zum Beispiel bei rund minus 20 Grad Celsius und einer Windgeschwindigkeit von etwa 15 km/h oder minus 15 Grad Celsius und 55 km/h der Fall.

derStandard.at: Warum ist die Situation in den USA im Moment so dramatisch? Salopp gesagt: In Europa gibt es doch auch kalte Winter.

Reiter: In den USA herrscht tatsächlich eine außergewöhnlich große Kälte. Das liegt daran, dass sich der Kaltluftkörper, der normalerweise gleichmäßig über dem Nordpol lagert, auf zwei Zentren aufgeteilt hat. Ein Zentrum liegt über Sibirien, das zweite Zentrum lagert über Kanada und Nordamerika. Eine Nordwestströmung war zudem dafür verantwortlich, dass dieser Kaltluftkörper angezapft wurde und Nordamerika geflutet hat. Selbst im Norden Floridas hat es im Moment Temperaturen unter null Grad Celsius. In Europa gibt es zwar kalte Winter, aber Temperaturen um die minus 25 Grad Celsius hatten wir in Mitteleuropa schon lange nicht mehr.

derStandard.at: Woran liegt es, dass der Kaltluftkörper nicht so leicht nach Europa strömt?

Reiter: Meistens gelangt diese Kaltluft über die Nordsee nach Europa. Das Meer speichert die Wärme der Sommermonate und schwächt dadurch die kalte Luft während ihrer Reise ab. In Mitteleuropa wird es nur so wirklich kalt, wenn die Kälte aus dem Nordosten über Russland kommt. In Nordamerika ist das Problem, dass es nicht so viel Meeresfläche und Packeis gibt, wodurch die Kaltluft nicht erwärmt wird.

derStandard.at: Im Sommer gab es rund um die Großen Seen in den USA und Kanada eine Hitzewelle, nun eine Kältewelle. Fällt das Stichwort "Klimawandel" berechtigterweise?

Reiter: Man muss aufpassen, dass man Wetterphänomene nicht mit dem Klimawandel verwechselt. Es ist eine Tatsache, dass die weltweiten Temperaturen steigen, und es lässt sich ein Trend erkennen, dass es stetig wärmer wird. Dieser Wandel wird im Moment genauer erforscht. Was gerade in Kanada und den USA passiert, ist allerdings ein Wetterphänomen. Die Kältewelle lässt sich nicht mit dem Klimawandel erklären. (Bianca Blei, derStandard.at, 7.1.2014)

  • In Chicago fielen die Temperaturen am Dienstag auf minus 22,8 Grad Celsius.
    foto: reuters/jim young

    In Chicago fielen die Temperaturen am Dienstag auf minus 22,8 Grad Celsius.

  • Zirkumpolarkarte der Ubimet mit der Temperaturverteilung von Dienstag, 7.1., 00.00 Uhr Greenwich-Zeit. Bei der Zirkumpolarkarte befindet sich der Beobachter über dem Pol, in diesem Fall dem Nordpol, und blickt auf die Erde.
Auf der Karte sieht man die Temperatur auf einer Druckfläche von 850 hPa, was einer Seehöhe von 1.300 bis 1.400 m entspricht.
    karte: ubimet/ecmwf

    Zirkumpolarkarte der Ubimet mit der Temperaturverteilung von Dienstag, 7.1., 00.00 Uhr Greenwich-Zeit. Bei der Zirkumpolarkarte befindet sich der Beobachter über dem Pol, in diesem Fall dem Nordpol, und blickt auf die Erde.

    Auf der Karte sieht man die Temperatur auf einer Druckfläche von 850 hPa, was einer Seehöhe von 1.300 bis 1.400 m entspricht.

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