Wer bin ich wo?

Blog9. Jänner 2014, 13:47
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Über den Preis der Identität im Job

Um den Begriff der Identität noch besser zu fassen, skizziere ich an einigen Positionen kurz eine Verlaufsgeschichte der Entwicklung personalen Identitätsbewusstseins. Wir nehmen uns heute als einzelne Menschen wichtig. Das heißt aber nicht, dass das immer so war und bedeutet nicht, dass es immer so bleiben wird.

Ich und der Vater sind eins

Die Auseinandersetzungen um die Interpretationen dieser aus jüdischem Verständnis blasphemischen Behauptung (Joh 10,30), dass Gott und Mensch eins seien, gelten als wesentliche in der Geschichte einer Emanzipation des Menschen von seinen Vorstellungen überirdischer Bevormundung. Doch bis zur Befreiung bedurfte es vieler Jahrhunderte und sie ist weitgehend immer noch nicht abgeschlossen.

Wir sind Ich, weil wir zweifeln

René Descartes prinzipieller Zweifel und die damit begründete Alleinstellung des Ichbewusstseins gegenüber allen Erfahrungs- und Erkenntnisinhalten im "cogito ergo sum" (Ich denke also bin ich), steht am Anfang der kanonisierten Philosophiegeschichte der Neuzeit. Dass er dieses "Ich denke" dann in eine denkende und eine ausgedehnte Sache (res cogitans und res extensa) differenzierte, ist unter anderem die Crux, die uns als cartesische Dichotomie seit Jahrhunderten begleitet. Der somit unüberbrückbare Leib-Seele Dualismus beschäftigte die philosophischen Gemüter. Heute verursacht ein daraus folgender Gegensatz, als reale und virtuelle Identität nach außen projiziert, aufs Neue Kopfzerbrechen. Ist das nicht nur ein Scheinproblem? Dazu ein andermal mehr.

Hier steh ich und kann nicht anders

Ein Schwerpunkt neuzeitlicher Philosophie war also das sich entwickelnde Ichbewusstsein, wozu neben Galilei, Giordano Bruno und weiteren mutigen Aufsässigen auch Luthers Aufstehen gegen Papst und Kaiser beitrug. Daraus entwickelte sich später auch eine Revolution der Denkungsart (Kant). Die Wirklichkeit wurde als vom Ich gesetzte angenommen, es gebe keine Erkenntnis ohne denkendes Ich. Mit der politischen Umsetzung der individuellen Rechtspersönlichkeit im Zuge der revolutionären Bewegungen des späten 18. Jahrhunderts hatte diese neue Sichtweise realpolitische und lebensweltliche Auswirkungen und bleibt bis heute für unseren Menschenbegriff wesentlich.

Wie oben so unten

Jahrhundertelang, ob in der Phase der römischen Stoa oder der späteren christlich-theologisch kontrollierten Philosophie der Scholastik, beide in aristotelischer Nachfolge, stritt man sich um die höchsten Prinzipien (die sogenannten Universalien der Ontologie) und deren Weltbezug. Als Leitsatz galt: "...unum et verum et bonum (et pulchrum) convertuntur" (das Eine, Wahre, Gute und Schöne seien ineinander übergehend). Der Praxisbezug springt uns sofort ins Auge. Dagegen musste deshalb empirischer nachgedacht werden, und dies führte zu den Grundlagen der modernen Naturwissenschaften, angeregt unter anderem durch die englischen Denker namens Bacon: Roger (1214-1294) und Francis  (1561-1626).

Besser unten faktisch richtig, als oben ideal stimmig

Erst als man den Blick vom "Himmel voller Ideen" introspektiv auf das Individuum hinwendete, öffnete dies die Türen zur modernen Subjektivität. Hatte sich Augustinus ca. 401 in seinen Bekenntnissen noch wegen eines einmaligen jugendlichen Birnendiebstahls als ewiger Sünder und nichtiger Wurm vor dem gefürchteten göttlichen Herrn gegeißelt, so tritt mit Michel Montaigne ca. 1000 und Jean Jaques Rousseaus 1350 Jahre später ein völlig neuer Autorentypus auf (beider Werke standen bis 1966 auf dem kirchlichen Index verbotener Bücher). Sie stellten das aus heutiger Sicht schwer neurotische augustinische individuelle Selbstverständnis auf eine andere Grundlage. Das Individuum ließ sich jetzt nicht mehr durch Bevormundung in die dogmatischen Schranken eines durchgängig bestimmten Weltbildes pressen. Damit veränderte sich auch das interpersonale Subjekt-Objekt Verhältnis. Marquis de Sade hatte dies kurze Zeit nach Rousseau in seinen Werken literarisch bis zum Exzess ausgelotet.

Was ist der Mensch?

Mit dieser Frage bringt Kant in einer Kurzfassung seine Aufgabenstellung an eine Philosophie mit dem Anspruch, objektive Erfahrungserkenntnis und Freiheit ableitbar zu machen, auf den Punkt. Was können wir wissen, sollen wir tun, dürfen wir hoffen?

Die personale Identität kommt also nicht von irgendwoher. Der Mensch muss sich aus sich als frei fassen. Fichte (1762 - 1814) drückte es so aus: "Das Ich setzt sich selbst." Es ist seine eigene Aktuosität, diese kann niemand für das Ich übernehmen, und sie ist bei Fichte mit als ein An- und Aufruf zu verstehen. Mit diesem "sich als Ich ergreifen" wird die Grundlage unserer individuellen Freiheit gelegt. An anderer Stelle ergänzte Fichte dann realistischer, dass sich die Menschen leider "eher für ein Stück Lava im Mond halten, als für ein freitätiges Ich." Wollen und können wir diese persönliche Verantwortung für unser Ichsein und unsere Verpflichtung zur Entwicklung der individuellen Persönlichkeit annehmen? Wenn nicht, wer tut dies dann für uns? Was passiert, wenn wir uns nicht gegen die gut gemeinten Ratschläge und Gesetze von Seiten angst- oder gar paranoiageleiteter Institutionalisten wehren? Wie können wir hier politisch und wirtschaftlich besonnenes Handeln ermöglichen?

Hic Rhodus, hic saltus!

Mit dem Anspruch der Aufklärung, dass der Mensch sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und er sich im Sinne humanistischer Grundsätze zu verbessern habe, wurde ein Imperativ aufgestellt, dem wir auch in unserem Berufsleben im 21. Jahrhundert noch nachstreben. Nur lassen wir uns heute nicht mehr von freien philosophischen Überlegungen Orientierung geben. Sie, liebe Leser und Leserinnen müssen vielmehr vordergründigen ökonomischen Parametern, etwa der kurzfristig profitorientierten Unternehmensstrategie folgen, die auch Ihre berufliche Identität mit bestimmen. Sie haben auf dem durch quantifizierbare Rationalität qua Effizienz beschränkten Tätigkeitsfeld zur immer schneller werdenden Marschmusik zu tanzen. Aber bitte dabei immer innovativ bleiben.

Wollen Sie das sein, was Sie dort, im beruflichen Kontext sollen? Wollten Sie überhaupt je so sein? Wie hoch ist der Preis, den Sie zu zahlen bereit sind? Wer belohnt Sie am Ende dafür? Oder anders gefragt, welche Vorstellung einer für Sie persönlich erfüllten Existenz werden Sie wider alle spröden Umstände im Rückblick auf 2014 verwirklicht haben? Na? - Zeigen!

Memento mori! Wie nützen Sie die Zeit, die Ihnen bleibt, im Sinne eines/Ihres guten Lebens? (Leo Hemetsberger, derStandard.at, 9.1.2014)

Leo Hemetsberger ist Philosoph und Unternehmensberater, lehrt unter anderem Ethik an der Militärakademie und leitet den Universitätslehrgang Kultur & Organisation an der Universität Wien. Als EPU berät er Unternehmen zu Ethik und Compliance, ist Executive Coach und als Trainer in Unternehmen und im Verwaltungsbereich tätig.

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Philosophische Praxis

Nachlese

Teil 1: Digitales Ethos in Unternehmen

  • Leo Hemetsberger, Philosoph und Unternehmensberater.
    foto: fallnhauser

    Leo Hemetsberger, Philosoph und Unternehmensberater.

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