Marie kann sich beschweren

Kommentar7. Jänner 2014, 13:41
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Sigmar Gabriel wird kritisiert, weil er sich einmal pro Woche um seine Tochter kümmert

Marie wird also mittwochs immer vom Papa aus dem Kindergarten abgeholt. Wäre Papa ein ganz normaler Angestellter in einem durchschnittlichen deutschen Betrieb, wäre jetzt gemäß moderner gesellschaftspolitischer Übereinkunft alles eitel Wonne.

Nicht so bei diesem Vater: Schließlich geht es um Sigmar Gabriel, deutscher Vizekanzler und Wirtschaftsminister - und da gilt dann plötzlich nicht mehr, was nach jahrzehntelangem Ringen endlich auch im Sinne der Gleichberechtigung wünschenswert ist. "Nicht vereinbar mit solch wichtigen Ämtern", schreien die einen, "da verkauft einer medienstrategisch seine Familiengeschichte", monieren die anderen.

Schließlich ist Gabriel ein Mann. Und Männer können es kurioserweise in Sachen Vereinbarung von Beruf und Familie neuerdings nur falsch machen. Wer rümpft denn die Nase, wenn die neue deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nach der Angelobung über ihre Arbeitsweise sagt: "Ich hoffe, dass ich weiter viel von zu Hause aus steuern kann." So, wie das übrigens auch die kinderlose Kanzlerin Merkel aktuell wegen gesundheitlicher Probleme tun muss. Was genau wird dem Vizekanzler eigentlich vorgeworfen? Dass er einmal pro Woche in die Mühen des Real Life eintaucht und damit dem Argument der Abgehobenheit von Berufspolitikern den Boden entzieht?

Es ist davon auszugehen, dass Herr Gabriel auch mittwochnachmittags künftig via E-Mail und Mobiltelefon erreichbar sein wird. Darüber könnte sich dann wirklich jemand aufregen: die kleine Marie. (Karin Riss, derStandard.at, 7.1.2014)

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