Michael Glawogger in Selcё: Wölfe

7. Jänner 2014, 13:26
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Der österreichische Dokumentarist berichtet von einer weiteren Station auf dem Weg zum "Film ohne Namen", dieses Mal aus Albanien

Seit er die Grenze von Montenegro nach Albanien passiert hatte, sah er strickende Frauen. In seiner Jugend wäre ihm das wohl nicht besonders aufgefallen, da im Winter alle Frauen in der Familie strickten. Es musste schon etwas ganz Besonderes im Fernsehen laufen, damit seine Mutter von ihrer Strickarbeit aufsah, und die Tante schlief regelmäßig mit ihrem Strickzeug in der Hand ein. Er hatte es selbst einmal probiert, aber es schien ihm ähnlich kompliziert, wie ein Flugzeug zu bauen. Eigentlich noch komplizierter. Er hatte ja schon Papierflugzeuge der Marke Geli zusammengebaut – die einzelnen Teile ließen sich aus den Modellbaubögen gut herauslösen, falten und zusammenkleben. Er hatte sie dann mit Zwirnsfäden an der Decke seines Zimmers aufgehängt. Wie man aber aus Wolle und glatten, rutschigen Nadeln irgendetwas Brauchbares machen konnte, blieb ihm ein Rätsel – und wie die Frauen seiner Kindheit das fertigbrachten, während sie sich unterhielten oder über den Rand ihrer Brillen hinweg beobachteten, ob er seine Zähne wohl auch ordentlich putzte, schon gar.

Grandezza im Stricken

Hier in Albanien sah er eine ganz andere Grandezza im Stricken. Die erste Frau, die er strickend sah, stand am Gartenzaun eines Bauernhofes. Sie war dunkel gekleidet, trug einen langen Rock, eine grobe Jacke und blaue Clogs. Ihr Kopftuch war nach der hier üblichen Art tief in die Stirn gezogen und seitlich straff nach hinten gebunden. Sie strickte ein leuchtend rotes Teil, das schon fast bis zu ihren Knöcheln reichte. Es musste wohl eine Decke werden, denn für einen Pullover war es zu lang und für einen Schal zu breit. Die Männer hackten derweil Holz, und sie ließ sie dabei nicht aus den Augen. Ihr Körper ruhte, während sich die Nadeln in ihren Händen so schnell bewegten, dass er meinte, sehen zu können, wie das rote Ding länger wurde. Hie und da sagte sie etwas zu den Männern. Es mussten wohl Anweisungen zur Größe der Holzscheite gewesen sein, denn sie nahmen dann das eine oder andere Stück und spalteten es noch einmal.

Die nächste Frau hütete Ziegen, hoch oben in den Bergen. Ein starker Wind trieb die Wolken dahin und zerzauste das Haar der Frau, das fast die gleiche Farbe hatte wie der orange Pullover, den sie trug. Ein schiefer Goldschneidezahn unterstrich ihr freundliches Lächeln. Sie hatte einen Knäuel Wolle zwischen Ellenbogen und Hüfte geklemmt und strickte, während sie einen steilen Abhang emporkletterte, wilden Salbei pflückte und ihren Ziegen Anweisungen zupfiff. Das Stricken erschien ihm hier als eine Tätigkeit, die eine gewisse Autorität verlieh.

Am Abend trieb die Frau die Ziegen den Hang hinunter in Richtung Stall. Der Stall war die Ruine eines Kuhstalls. Er hatte kein Dach mehr, und man konnte an den betongefassten Halterungen erkennen, wo die Kühe einst gestanden hatten. Jetzt lebten die Kühe draußen, lagen auf dem felsigen Boden vor der Stallruine und käuten wieder. Die Pferde grasten am Fluss, und die Schweine stöberten zwischen den Steinen aufgeregt quiekend nach Essbarem. Sie waren die Einzigen, die sich beschwerten. Die Schafe gingen alleine in die Berge und kamen am Abend alleine wieder zurück.

Wenn man das erste Mal diesen Ort besuchte, sah man nur die Tiere. Eine übermalte Schrift an der Außenwand eines Speichers, die den letzten kommunistischen Machthaber Albaniens pries, erinnerte daran, dass dies ein Kombinat gewesen war. Jetzt wurde es von den Tieren genutzt. Ein paar Häuser gab es ringsum, ein paar verrostete Satellitenschüsseln zierten die Dächer, ein paar Autos fuhren in einiger Entfernung im Schritttempo vorbei – fast alle Mercedes (Albanien hat ja bekanntlich die höchste Mercedes-Dichte Europas) –, und die hochaufragenden Berge ließen all das klein und kleiner erscheinen. Selbst das Fußballfeld des Ortes wirkte hier winzig, und noch winziger die Kinder, die darauf spielten. Sie wirbelten ein wenig Staub auf, wie sie so im letzten Sonnenlicht des Tages die Seele eines Balles fröhlich über das spärliche Gras trieben. Das Leder musste dem steinigen Boden zum Opfer gefallen sein.

Die Frau im orangen Pullover ging strickend an ihnen vorbei und rief sie zum Abendessen, und wie von allen Kindern auf der Welt, die zum Abendessen gerufen werden, während sie gerade in ein Spiel vertieft sind, wurde sie ignoriert. Sie rief noch einmal und verschwand dann im Haus. Die Kinder spielten weiter, bis sie ihr Ballfragment nicht mehr sehen konnten, und dann versank der "Ort der guten Menschen", wie er genannt wird, in einer frühen winterlichen Dunkelheit. Die Frau rief noch einmal, mit ihrem Strickzeug vor das Haus tretend, und diesmal in strengerem Ton, sodass die Kinder sich schließlich in ihr Schicksal ergaben, die Seele aufklaubten und den Tag Tag sein ließen.

"Yes, we can't"

Außer den Kindern spielte hier niemand mehr Fußball, obwohl das Feld reguläre Ausmaße hatte. Alle Männer waren weg – sie waren nach Amerika gegangen. Das wäre in einem Großteil der Gegend nichts Außergewöhnliches gewesen. Die nächste Stadt auf der anderen Seite der Grenze, in der er die letzte Nacht in einem Hotel namens Rosi verbracht hatte, nennt man Gusinje Brooklyn, weil die meisten ihrer Einwohner schon in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts begonnen hatten auszuwandern. Nur hier in den albanischen Bergen hatten sich die Männer immer geweigert wegzugehen. Sie hatten ihre Felder bestellt, ihre Tiere gehütet, waren mit geschulterten Gewehren auf die Jagd gegangen und hatten darauf geachtet, dass die Wölfe ihr Vieh nicht rissen. Die Frauen hatten (vermutlich strickend) nach oben in die Felsmassive geschaut, als die Schüsse der Männer durch das Hochtal hallten. Jetzt waren auch diese Männer gegangen, nach Amerika. Zu lange hatten sie mitanschauen müssen, wie alle anderen mit Geld und einem Mercedes zurückgekehrt waren. Die Grenzen waren nicht mehr unüberwindlich, und die Wölfe waren keine Bedrohung mehr. Doch auch Amerika war nicht mehr das Gleiche, und der Begriff des "Landes der unbegrenzten Möglichkeiten" war inzwischen in Vergessenheit geraten. "Yes, we can't" war ein neues, unausgesprochenes Motto geworden, und so fragte er sich, was diese Männer wohl vorgefunden hatten und ob sie dann mit Mercedes, Smarts oder Fiat Puntos nach Hause kommen würden, aus Queens oder einem noch langweiligeren Stadtteil New Yorks, oder ob es sie vielleicht gleich nach Milwaukee verschlagen hatte.

Die Tiere hier schien das genauso wenig zu kümmern wie die strickenden Frauen, und alle schauten nur mehr nach oben, wenn das lose Gestein der Berge zu bröckeln begann und eine Geröllhalde ins Rutschen kam. Löste sich ein größerer Stein und fiel zu ihnen herunter, dann traten sie, ohne die Aufmerksamkeit von ihrer Strickerei zu nehmen, einen Schritt zu Seite. Aber nur einen Schritt. (Michael Glawogger, derStandard.at, 7.1.2014)

  • "Hier in Albanien sah er eine ganz andere Grandezza im Stricken."
    foto: attila boa

    "Hier in Albanien sah er eine ganz andere Grandezza im Stricken."

  • Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.
    foto: liz pompe

    Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.

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