Ein Inselspaziergang auf Sorokdo und Gogeumdo

21. Jänner 2014, 17:02
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Blogger Alexander Reisenbichler macht sich auf den Weg zur einer Inselerkundung und trifft auf in Stein gemeißelte Gedichte und haarige Monster

Der Auslandstourismus hält sich in Südkorea in Grenzen. Sollten sich doch Besucher auf die koreanische Halbinsel verirren, sind sie mit ziemlicher Sicherheit in Seoul, der alten Königshauptstadt Gyeongju und der Insel Jeju mit ihren wunderschönen Stränden anzutreffen. Doch mir haben es die zahlreichen Inseln und Halbinseln im Süden und Südwesten des Landes angetan.

Mit Campingkocher auf Inseltour

Am 25. Dezember packe ich meinen Rucksack: Einen Campingkocher mit zwei Gaskartuschen, einen Topf plus Deckel, hölzerne Stäbchen, Löffel, Messer, ein paar Kleider, Lamyeon (koreanische, meist scharfe, Fertignudeln), zwei Laib selbstgebackenes Brot, eine Flasche Rotwein, mein Tagebuch und zwei Bücher – und los gehts! Mit dem Zug geht's bis Suncheon, von dort mit dem Bus weiter auf die Halbinsel Goheung, genauer gesagt in die Stadt Nokdong. Ich habe vor, die Inseln Sorok und Gogeum zu besuchen und zu Fuß zu umrunden, die erste der beiden Inseln ist mit einer eineinhalb Kilometer langen Brücke mit dem Festland verbunden, von der Insel Sorok führt dann noch eine zweieinhalb Kilometer lange Brücke auf die wesentlich größere Insel Gogeum.

Die Sonne scheint und ich schreite über die große Brücke der kleinen Insel entgegen. Auf der anderen Insel angekommen, hängt ein großes Schild auf einem grünen Zaun: "Verlassen Sie nicht die Straße und treten Sie nicht hinter die Absperrung! Auf dieser Insel befindet sich ein Leprazentrum." Das ist nicht der beste denkbare Beginn meiner Reise, doch das Glück ist mir hold! Nach ein paar Minuten hält ein weißes Auto, eine etwa 30-jährige Frau steigt aus und erklärt mir, was ich schon auf dem Schild gelesen habe. Aber wenn ich will, könnte sie mir das Gelände zeigen, sie arbeite nämlich hier als Krankenschwester.

Die Leprakranken wohnen alleine, oder mit anderen zusammen, in Einfamilienhäusern und sind auch imstande Hausarbeiten zu erledigen. Gerne würde ich mich mit einigen unterhalten, doch das ist leider nicht erlaubt. Eine ältere Dame mit Handschuhen und ohne Finger spaziert einen kleinen Waldweg hinauf und schaut kurz zu uns herüber, als wir schon wieder weiterfahren. Ein alter Mann fährt mit einem elektrisch betriebenen Rollstuhl vorbei und beäugt uns neugierig, doch seine Geschichte erfahre ich leider nicht. Ich komme mir ein wenig wie in einem menschlichen Zoo vor.

Auf der Insel befinden sich neun Dörfer, in der ungefähr 600 Leprapatienten leben, ein großes Krankenhaus, ein Gefängnis, ein rundes Gebäude, das an eine Stupa erinnert und in dem die Toten verbrannt werden, eine katholische und eine protestantische Kirche und viele leer stehende Gebäude. Früher gab es noch eine Schweinefarm und eine Hirschfarm (der Name Sorok bedeutet kleiner Hirsch, die Insel hat die Form eines Hirsches, die erste Silbe von Nokdong bedeutet auch Hirsch), jetzt leben die Hirsche im Wald. Während der japanischen Besetzung (1910-1945) wurden die Leprakranken zu unfreiwilligen Arbeitsdiensten verpflichtet, erzählt mir meine nette Begleitung. Dann ist die Führung in dem warmen Auto zu Ende. Ich bedankte mich und überquere die zweite Brücke und marschierte noch bis Daeheung, dem administrativen Zentrum der Insel. Hier gibt es eine Bank, einen Supermarkt und ein Gemeindehaus.

Die Nacht verbringe ich in einem kleinen Motel in einem netten und sauberen Zimmer. Außer der Rezeptionistin treffe ich keine anderen Leute. Am nächsten Morgen besorge ich mir nach einem selbst gekochten Mittagessen im Gemeindehaus eine Karte der Insel.

Zwei ältere Männer, die ich um den Weg frage, sind sehr verdutzt, da sie sich offensichtlich nicht sicher sind, ob ich mit ihnen Koreanisch rede oder nicht. Sie starren mich überrascht an und fragen mich nach einer längeren Pause: "Hast du gerade Süden gesagt? So wie Norden, Osten, Westen, Süden?" Wahrscheinlich habe ich sie zu plötzlich angesprochen und sie erwarteten, auf Englisch angesprochen zu werden. Als ich die Frage bejahe, fassen sie sich wieder und erklären mir den Weg.

foto: alexander reisenbichler
Ein altes Haus auf einer Steinmauer mit getrockneten Persimonen (Kaki oder Sharonfrucht).

Die Insel ist sehr hügelig, die höchste Erhebung, der Cheokdaebong, beträgt 592 Meter. Eine Straße führt mich in den malerischen Süden der Insel, Palmen stehen neben Nadelbäumen, von einer kleinen Anhöhe aus sehe ich das offene Meer mit ein paar kleinen unbewohnten Inseln.

Ein paar hundert Meter unterhalb der Straße liegt ein halbmondförmiger Sandstrand, auf dem zwei kleine Holzboote auf der Seite ein Schläfchen halten, bis die Flut sie wieder erwecken würde. Auf der Straße herrscht kaum Verkehr und ich gehe munter entlang der Küste. Bei einem großen Stein, auf den ein Gedicht gemeißelt ist, setzte ich mich hin und genieße meinen guten Rotwein und eine Scheibe Brot. Das Gedicht wurde von einem gewissen Lee Ui-min verfasst, trägt den Titel "Gedanken eines Bauern" und handelt von den Mühen des Bauernlebens.

Auf meiner Karte ist auf der Südseite der Insel ein größeres Dorf verzeichnet, O-jeon. Als ich dort ankomme, ist das einzige Gasthaus wegen Umbauarbeiten geschlossen und in der teuren Pension will ich nicht schlafen. Im Gemeinschaftshaus treffe ich zwar ein paar Leute, die auch versuchen, einen gewissen Herrn Park anzurufen, der ein Zimmer zu vermieten hätte, doch leider ist er nicht zu erreichen. Also gehe ich weiter, drei Kilometer von hier soll es noch ein Dorf geben, dort würde ich bestimmt eine Unterkunft finden. Doch dieses Dorf ist noch kleiner als O-jeon und es ich kann auch hier weder eine Unterkunft noch einen Greißler finden. In einem Fischereizubehörgeschäft werden Bier, Wasserflaschen und Fruchtsäfte verkauft. Nach weiteren geschätzten drei Kilometern komme ich in das Dorf Myeong-jeon, das wesentlich größer als O-jeon, aber auf meiner Karte nicht verzeichnet ist. Nur ein Bach namens Myeong-jeon ist auf der Karte eingezeichnet.

Geschichtenerzählerin im "Minbak"

An einem großen traditionellen Hanok-Haus, dessen Schindeldach von mächtigen hölzernen Pfählen gestützt wird, hängt ein Schild: "Minbak" – das sind billige Touristenzimmer. Eine ältere Frau öffnet, meint aber sie hätte nicht aufgeräumt und würde keine Gäste aufnehmen. Da es aber schon später Nachmittag ist, versuche ich, sie zu überreden. Abendessen könne sie mir leider auch keines anbieten, meint sie. In jedem Minbak bekommt man für wenig Geld (etwa drei Euro) ein Abendessen. Doch auch das schreckt mich nicht ab und schließlich gibt sie nach.

Gerade als ich meine Suppe kochen will, ruft sie mich in die Küche. Es wäre nicht viel, entschuldigt sie sich. Ein wenig Reis, Kimchi (scharfes eingelegtes Gemüse), Süßkartoffeln und eine Flasche Makkoli, fermentierter koreanischer Reiswein. Beim Abendessen ist sie sehr gesprächig und erzählt mir, dass es auf dieser Insel früher 13 Schulen gegeben hätte, jetzt aber nur mehr eine Volksschule und eine Mittelschule. Dann erzählt sie mir von "Dokkaebi", gehörnten haarigen Wesen, die in Südkorea jeder kennt. Diese hätten ihren Nachbarn entführt und er wurde erst am nächsten Tag wieder unter einem Haufen Süßkartoffelstängeln gefunden. Solche Geschichten habe ich in Südkorea schon oft gehört. Am nächsten Morgen verabschiede ich mich von meiner netten Gastgeberin Lee Mi-ja, die, wie sie mir erzählte, einen Band Gedichte veröffentlicht hat.

foto: alexander reisenbichler

Als ich das Dorf hinter mir gelassen und eine kleine Anhöhe überschritten habe, die in den Norden der Insel führt, sehe ich das azurblaue Meer in der Sonne glänzen. Meine Zauberlaterne hochhaltend steige ich fröhlich den Hang hinunter und komme an ein Watt, das ich von oben nicht gesehen hatte. Im Sommer kann man hier viele Leute mit kleinen Schaufeln beobachten, die im Watt lebende Krabben und andere Meeresfrüchte ausgraben, doch heute liegt das Watt ganz ruhig und menschenleer da.

Meinen Inselspaziergang beende ich in einem Greißlerladen, wo ich mir ein heißes Zitronen-Honiggetränk kaufe. "1000 Won (etwa 60 Cent) für Sie, normalerweise kostet es 1200 Won," strahlt mich eine ältere Frau an. (Alexander Reisenbichler, derStandard.at, 21.01.2014)

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