Korea: Idealisierung und Realität

14. Jänner 2014, 17:44
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Ganz neu in Korea zeichnet Blogger Alexander Reisenbichler ein idealisiertes Bild des Landes. Im Lauf der Zeit rückt die Wirklichkeit den Blick zurecht

Den grasbewachsenen Weg zum über sieben Meter hohen Grabhügel des 38. Königs der Shilla-Dynastie, König Wonseong (785-798), säumen verschiedene Statuen, darunter zwei Ausländer, die, in Stein gehauen, noch heute zu bewundern sind. Mächtige Bärte zieren die Gesichter, die Ärmel aufgekrempelt stehen sie sich gegenüber und bewachen den Grabhügel seit Jahrhunderten; wahrscheinlich persischen oder arabischen Ursprungs wurden sie hier verewigt und ziehen viele Touristen an. Wie lange sie bleiben durften, wissen wir nicht. Jedoch gab es in der Choseon-Dynastie im 17. Jahrhundert Langzeitvisa, wie Hendrik Hamel, Sekretär eines niederländischen Handelsschiffs aus dem 17. Jahrhundert, berichtete. Er erlitt 1653 auf der Insel Jeju im Süden des Landes Schiffbruch.

36 der Überlebenden erhielten die Nachricht, dass ihr Einreisevisum lebenslänglich sei, ein Ausreisevisum war nicht vorgesehen. Korea betrieb damals eine sehr strikte Abschottungspolitik, die bis zur erzwungenen Öffnung durch Japan im Jahre 1876 andauern sollte. Hendrik Hamel gelang 13 Jahre später, gemeinsam mit sieben weiteren der 16 Verbliebenen, die Flucht nach Japan, wo er auf Deshima einen kurzen Bericht über seinen unfreiwilligen Aufenthalt in dem Hermit Kingdom verfasste.

Freund und Helfer

Noch im 19. Jahrhundert verfolgte das abgeschottete Einsiedlerkönigreich eine strikte Anti-Ausländerpolitik, der auch einige Missionare zum Opfer fielen. Doch kehren wir jetzt zurück in die Gegenwart. Meine Zauberlaterne führte mich nach Südkorea und mein erster Eindruck, sieht man von einem anfänglichen massiven Kulturschock ab, war in Bezug auf die Behandlung von Ausländern großartig. Einmal befand ich mich auf dem Weg zum Hafen in Incheon und fragte einen Polizeibeamten, der in seiner parkenden Polizeistreife gerade die Tageszeitung las, ob er mir den Weg erklären könnte. Sofort legte er seine Zeitung auf die Rückbank, stieg lächelnd aus und öffnete die Hintertüre des Polizeiwagens. Er werde mich fahren, meinte er, bitte Platz zu nehmen. Während der zehnminütigen Fahrt stellte er mir die üblichen Fragen, die man einem Erdenbewohner aus fremden Gegenden so stellt, eine Bestätigung durch meine Papiere hielt er nicht für notwendig. Beim Aussteigen händigte er mir seine Visitenkarte aus, im Falle von Problemen solle ich ihn anrufen.


Dieser originale 110 Zentimter hohe Stein ist einer von vielen, der von der koreanischen Regierung im April 1871 koreaweit aufgestellt wurde, um vor freundlichen Beziehungen mit den westlichen Maechten zu warnen. DerText auf der Vorderseite lautet: "Wenn wir nicht gegen die westlichen Piraten, die in unser Land einfallen, kämpfen, werden wir gezwungen sein, mit ihnen in freundliche Beziehungen zu treten. Damit würden wir unser Land verkaufen." Seitlich steht: "Abgefasst 1866, errichtet 1871". Standort: Südkorea, Kyongsangnam-do, Hamyang-gun, Hamyang-eup, Unnim-li

Doch nicht nur Ordnungshüter, auch andere Koreaner können nichts ahnende Westler überraschen, wenn man plötzlich auf einer Wandertour zum Mittagessen eingeladen wird und dadurch ein sehr idyllisches Bild der koreanischen Gesellschaft vermittelt bekommt. Noch hinzu kommt, dass ich mit meiner koreanischen Frau und unseren beiden Töchtern am Land in der Nähe einer alternativen Community lebe, der sogenannten "Zurück-aufs-Land-" bzw. "Zurück-ins-Dorf-Bewegung", was natürlich zur Verzerrung der Realität beitrug. Freunde und Bekannte haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich diese Vorschusslorbeeren Hautfarbe und Herkunft verdanken würde. 

Unter der Oberfläche

Gelegentlich unfreundliche Taxi- oder Busfahrer in den Metropolen des Landes und die in Südkorea berüchtigten Anfang-Fünfziger-Frauen, Azuma genannt, die sich mit Azuma-Power in der U-Bahn oder auf Gehsteigen rüde vordrängeln, waren nicht imstande mein idealisiertes Bild der koreanischen Gesellschaft zu zerstören. Als ich mit den Jahren etwas tiefer in dieses Land eintauchen durfte, begann ich erste Differenzierungen festzustellen. Sehr viele Menschen werden an der Wirtschaftlichkeit ihrer Herkunftsstaaten beurteilt, auch KoreanerInnen. Ethnische Koreaner aus Usbekistan, China, Russland oder Nordkorea erfahren häufig starke Diskriminierungen.

Auf meinen Reisen in der Autonomen Koreanischen Provinz Yeonbyeon in Nordostchina, beklagten sich viele sogenannte Choseonjok, also koreanischstämmige Chinesen, über die unfaire Behandlung ihrer "koreanischen Brüder und Schwestern". "Ich fühlte mich als Mensch zweiter Klasse," brachte es Frau Kim in Huncheon auf den Punkt. Nach dem Koreakrieg (1950-1953) entschied sich die koreanische Regierung zur Freigabe von tausenden Kindern zur Adoption aus binationalen Ehen, zumeist zwischen amerikanischen Soldaten und koreanischen Frauen. Man wollte diese Kinder schlicht und einfach los werden. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel, als Hines Ward, Sohn einer koreanischen Mutter und eines afro-amerikanischen Vaters, als American Footplayer Schlagzeilen machte, nach Südkorea eingeladen wurde und sogar den damaligen Präsidenten Lee Myung-bak getroffen hat.


Zwei unserer Nachbarn, Herr Kim Chang-ryeol und Frau Choe Yeong-sun, vor dem alten Wohnhaus, das laut Herrn Kim Chang-yeol vor 100 Jahren erbaut wurde, jetzt aber nur mehr als Schuppen dient.

Auch süd- und südostasiatische Gastarbeiter aus Indien, Nepal, Bangladesh, Vietnam oder aus den Philippinen sind Diskriminierungen ausgesetzt. Trotzdem ist Südkorea aufgrund der höheren Löhne attraktiver als Malaysien und andere Zielstaaten. Als wir zwei Jahre im indischen Teil von Punjab lebten, trafen wir viele Punjabis, die relativ gut Koreanisch sprachen und uns erzählten, dass sie zwar in Südkorea gutes Geld verdienten, aber von vielen Koreanern in den Fabriken, in denen sie gewöhnlich arbeiten, nicht sehr respektvoll behandelten wurden.

Das langsame Abbröckeln meiner idealisierten Sichtweise brachte ein reales Land zum Vorschein, das wie alle Länder gute und schlechte Seiten hat. Wenn Vorurteile und Idealisierungen sich wie Nebelschwaden verziehen, weiß man, dass man ein Stückchen tiefer in das Land eingetaucht ist. (Alexander Reisenbichler, derStandard.at, 14.01.2013)

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