Klar Schiff im Dachgeschoß des Künstlerkopfes

6. Jänner 2014, 18:39
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Das Museum Villa Stuck zeigt mit "Im Tempel des Ich" die Idee vom Künstlerhaus als Gesamt-Ego-Werk

Das Haus des Künstlers kann ein Palazzo sein, ein Zelt oder ein Mausoleum mit Schiff. So wie jenes, das sich der großspurige Feuerkopf, Fin-de-Siècle-Dichter und Pilot Gabriele d'Annunzio am Gardasee errichten ließ: "Il Vittoriale degli Italiani". Ferdinand Cheval hingegen, als Künstler ein Autodidakt und von Beruf Postbote, baute 33 Jahre lang in Hauterives im Département Drôme an seinem "Palais Idéal", einem pittoresken Palazzo, der 1969 um Haaresbreite dem Abriss entging. Donald Judds Ateliersiedlung im texanischen Marfa dagegen ist inzwischen Sitz der Stiftung, die das Werk des US-Minimalisten vertritt, und stiller Arbeitsort von Künstlern; zugleich sind die Kuben in der Chihuahua-Wüste direkt Judds Kunst entsprungen.

Das Ich als Spiegel, das Künstler-Ich gespiegelt in gebauter Inszenierung: Das macht die Idee des Künstler-Hauses aus. Die Verwandlung von gelebter Lebenszeit in gemauerte Bau-Kunst ist keine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Schon vor Richard Wagner gab es Gesamtkunstwerk-Künstlerhäuser, die das Leben zur Kunst verklärten und die Kunst des Lebens vorführten. Erster war wohl Andrea Mantegna, der sich ab 1476 außerhalb der Altstadt von Mantua eine Künstlervilla erbaute.

Das Museum Villa Stuck zeigt nun 20 Künstlerhäuser aus knapp 150 Jahren, gebaute Traumhäuser oder Traum gebliebene Projekte, die zwischen 1800 und 1948 entstanden. Bekannte Gebäude sind darunter, Haus und Garten von Claude Monet in Giverny, mythisch umflorte wie Kurt Schwitters' Merzbau in Hannover, der im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Aber auch weniger bekannte wie der eigenwillige Doppelrundturm Konstantin Melnikows in Moskau.

Nippon und Nippes

Das die Kunst zur ästhetisierenden Geist-Religion erhebende Gebäude Fernand Khnopffs, das wenige Jahre nach seinem Tod 1921 abgerissen wurde. Oder Mortimer Menpes' Atelierwohnhaus im Londoner Bezirk Chelsea, in dem der Künstler Nippon nachbildete, Insel und Refugium in einem - Menpes (1855-1938) posierte auch selber im Kimono. Gustave Moreau (1826- 1898) arbeitete seine letzten acht Lebensjahre ausschließlich daran, sein Wohnhaus in ein Museum zu verwandeln. Er widmete sich hingebungsvoll exakter Katalogisierung, Hängung, Umgruppierung; bis heute ist das Musée Gustave Moreau in Paris im Originalzustand verblieben.

Kuratorin Margot Th. Brandlhuber geht, großformatige Fotos mit Gemälden und Wohnobjekten kombinierend, chronologisch vor, von John Soames' Haus in London, dem ab 1800 entstehenden Kunstsammlungstempel, über William Morris' Red House, die Schlossbauten der Viktorianer Frederic Lord Leighton und Lawrence Alma-Tadema und des Amerikaners Frederic Edwin Church über den Traum Giovanni Segantinis von einer Malerburg auf dem Malojapass 1898, das expressionistische Atelier-Denkmalbau Johann und Jutta Bossards südlich von Hamburg sowie Theo van Doesburgs Atelierhaus bis zu Jacques Majorelles Anwesen Bou Saf Saf in Marrakesch, das er bis zu seinem Tod 1962 gestaltete und das mit seinen Bildern verschmolz (und Jahre später von Yves Saint Laurent vor Zerstörung bewahrt wurde).

Entsprechen aber die letzten zwei Beispiele wirklich noch dem Typus des Ich-Reflektors Künstlerhaus, die zwei Gebäude, die Georgia O'Keeffe in New Mexico nacheinander bewohnte, und jenes schlichte Holzhaus, das Max Ernst in Sedona in Arizona für sich und Dorothea Tanning eigenhändig zusammennagelte, was eine schöne Suite von Fotografien zeigt? Eher nicht. Es waren keine Villen im universalistischen Gesamtkunstwerksinn. Auch wenn die visuellen Eindrücke von Haus und Umgebung aufgegriffen zu Kunst transformiert wurden, bei Max Ernst in auf Archaisches reduzierte, skulpturale Arbeiten.

Die Nummer 20 sucht man am Ende vergeblich. Befindet man sich doch in ihr, im Museum. Denn der Parcours endet in den Privaträumen der Künstlervilla Franz von Stucks. (Alexander Kluy aus München, DER STANDARD, 7.1.2014)

Bis 2. 3.

  • Gustave Moreaus Versuch, sein Wohnhaus in ein Museum seiner selbst umzuwidmen, als Beleg künstlerischer Transformation und Selbstkonservierung in der Villa Stuck: Wendeltreppe von Albert Lafon 1895.

    Gustave Moreaus Versuch, sein Wohnhaus in ein Museum seiner selbst umzuwidmen, als Beleg künstlerischer Transformation und Selbstkonservierung in der Villa Stuck: Wendeltreppe von Albert Lafon 1895.

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