Von den Wunden des Putsches

6. Jänner 2014, 18:34
1 Posting

Gülsün Karamustafa zählt zu den renommiertesten Künstlern der Türkei. Das private Istanbuler Institut Salt widmet ihr (parallel zu den Protesten) eine Retrospektive, die sich in subtiler Analyse durch Erinnerung übt

Gepanzerte Fahrzeuge und Wasserwerfer rollen über den Taksim-Platz im Zentrum Istanbuls. Verwackelte Kamerabilder zeigen Menschen, die rennen, zwischen den Autos Deckung suchen. Manche gehen zu Boden, wie von Kugeln getroffen. Es ist jedoch nicht Sommer 2013, sondern der Tag der Arbeit 1977, besser bekannt als "Blutiger 1. Mai". Sozialistische und kommunistische Gewerkschaften hatten zu einer Massenkundgebung geladen, bis zu einer halben Million Menschen folgten dem Aufruf. Nach dem Ende einer Rede fielen Schüsse, in der ausbrechenden Panik folgten weitere. Beim Taskim-Massaker starben 34 Menschen, 136 wurden verletzt, fast dreimal so viele festgenommen. Bis heute ist nicht aufgeklärt, was wirklich geschah.

Auch der 10. Februar 1969 sollte als "blutiger Sonntag" in die Geschichte des Platzes eingehen. Studenten, Gewerkschaften und linke Oppositionskräfte protestierten unter dem Motto "Gegen Imperialismus und Ausbeutung" gegen die vor Anker liegende US-Flotte. 10.000 Demonstranten strömten zum traditionellen Aufmarschplatz, auf dem auch das Denkmal der Republik steht. Als 1000 Menschen Taksim erreicht hatten, riegelte die Polizei ab, verschaffte allerdings rechten Gruppen Zutritt, die auf die Unbewaffneten mit Messern, Ketten und Knüppeln losgingen. Die Folge: zwei Tote, mehr als 100 Verletzte.

Memory of a Square heißt das Video von Gülsün Karamustafa, das dokumentarische Bilder aus der spannungsreichen Geschichte des Platzes (Kranzniederlegungen und Aufmärsche von den 1930er- bis in die 1980er-Jahre) Szenen aus dem Leben von drei Generationen einer bürgerlichen Istanbuler Familie gegenüberstellt. Karamustafa, die zu den international renommiertesten Künstlerinnen ihres Landes zählt, verknüpft private und politische Sphäre, spiegelt die eine in der anderen.

Symbolisch aufgeladener Ort

Das private Ausstellungshaus Salt, mitten auf der Istiklal Caddesi, der "Unabhängigkeitsstraße", gelegen, die hinauf zum Taksim führt, richtet der 66-Jährigen mit A Promised Exhibition eine große Retrospektive aus. Das Video Memory of a Square (2005) darf da angesichts der Gezi-Park-Proteste vom Sommer nicht fehlen. Der Taksim-Platz, auf dem seit 1977 nie wieder eine Kundgebung zum 1. Mai stattfand, ist ein sensibler und symbolisch aufgeladener Ort. So wie hier heute Graffiti, die an Atatürk, den Gründer der modernen, säkularisierten Republik erinnern, über Nacht entfernt werden, bemüht sich die Exekutive darum, den Ort von den Protesten freizuhalten, die angesichts des Korruptionsskandals wieder aufgelodert sind.

Angesprochen auf die Rolle der Kunst in der heutigen Türkei, bleibt Karamustafa diplomatisch. Es gäbe einen Moment, an dem Markt und Moden vergessen sein werden, sagt sie, "dann wird eine andere Welle von Kunst - eine sehr politische - in das Kunstfeld treten". Sie ist keine Künstlerin der lauten Parole, vielmehr bieten ihre Arbeiten subtile Oberflächen zur Reflexion an.

Karamustafa hat alle drei Militärputsche erlebt, bei jenem von 1971 wurde sie verhaftet; 16 Jahre lang besaß sie keinen Reisepass. "Der dritte Putsch war der schwierigste. Seine Wunden erleben wir noch immer." Im Gegensatz zu einem Journalisten, der bezeugt, was er sieht, sei es ihre Aufgabe, dies in Kunst zu verwandeln - in "Kunst, die total in Beziehung zum Leben steht".

Modell und Referenz für Themen der Migration, der Politik der Türkei und der Rolle der Frau ist also ihr eigenes Leben; eine Authentizität, die ihre Kunst überzeugend macht. Entlarvend etwa Karamustafas Installation Fragments (1999), eine Collage aus Details orientalistischer Gemälde, die sie in Kunstmagazinen gefunden hat. Münder, Dekolletés, Brüste, Füße, Hände lasziv hingestreckter Haremsdamen. Es ist nicht nur der Blick auf die Frau als Objekt, sondern auch der fragmentarische westliche Blick auf das osmanische Klischee, den sie hier wortwörtlich auseinandernimmt.

Eines der ersten Bilder der Schau, das Foto My Roses My Reveries (1998), zeigt Karamustafa als kleines Mädchen am Zugfenster, vom Vater Abschied nehmend. Als Journalist arbeitete dieser, so wie viele Intellektuelle, in Ankara, das als Hauptstadt einer neuen Nation ab 1923 erst aufgebaut werden musste. "Ihre Herzen waren aber in Istanbul", sagt Karamustafa. Auch so kann an den Geist der Republiksgründung erinnert werden. Bis 15. 1. (Anne Katrin Feßler aus Istanbul, DER STANDARD, 7.1.2014)

  • Das Private ist politisch. Gülsün Karamustafa führt das immer wieder vor, etwa auch in "My Roses My Reveries" (1998): Die Künstlerin nimmt als Mädchen Abschied vom Vater

    Das Private ist politisch. Gülsün Karamustafa führt das immer wieder vor, etwa auch in "My Roses My Reveries" (1998): Die Künstlerin nimmt als Mädchen Abschied vom Vater

Share if you care.