Unter Vogelbeobachtern tobt ein Smartphone-Krieg

6. Jänner 2014, 17:49
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Die Verwendung von Apps, die Vogelschreie wiedergeben, sorgt für Diskussionen

Als sich Christopher Vogel an einem Tag im Frühjahr einem beliebten Aufenthaltsort von Stelzenwaldsängern in einem Wald im US-Bundesstaat New Jersey näherte, konnte der Ornithologe das komplexe Crescendo der Tiere vernehmen - „Tschie, tschie, tschie – titti, wie!" Doch irgendetwas stimmte nicht.

Dann bemerkte er, was falsch war: Das Gezwitscher kam nicht von einem Vogel. Stattdessen, so sagt er, stand ein großer Mann in voller Beobachtungsmontur – khakifarbene Feldjacke, Schlapphut und teures Fernglas – dort auf einer Brücke vor ihm und spielte das Gezwitscher in Endlosschleife mit einem iPhone ab. Offenbar sollten die Geräusche Vögel anlocken. „Er dachte, er sei alleine. Er war heimlich unterwegs", erinnert sich der 41-jährige Vogel. „Und dann hat ihn einer erwischt."

„Ich sagte ihm: ‚Sie wissen, dass Sie genau das nicht tun sollten?'" Vogel fotografierte den Mann und drohte damit, das Foto im Internet zu veröffentlichen, um ihn an den virtuellen Pranger zu stellen. Der Vogelbeobachter erbleichte, sagte nichts, ging zurück zu seinem Auto und verließ den Wald.

Konflikt unter Vogelbeobachtern

Die Welt der Vogelbeobachter war lange friedlich. Zunehmend wird sie aber von einem Konflikt geprägt. Digitale Vogelbestimmungs-Apps und aufgezeichnetes Gezwitscher machen die Vogelbeobachtung für jeden mit Smartphones – manchmal in Kombination mit portablen Lautsprechern – zugänglich. In einem Hobby, in dem sich lange jahrelanges geduldiges, leises Warten und das sorgfältige Studieren von Fachliteratur ausgezahlt haben, gibt es tief sitzende Vorbehalte gegen Vogelbeobachter, die auf diese einfach zu nutzenden – oder je nach Sichtweise zu missbrauchenden – technischen Apps zurückgreifen.

Der Disput hat schon zu offenem Streit im Feld und langen E-Mail-Kriegen in der Gemeinschaft der Vogelbeobachter geführt. Die American Birding Association, eine Organisation die sich um die Belange von Freizeitvogelbeobachtern kümmert, diskutiert derzeit eine grundlegende Überarbeitung des häufig zitieren „Code of Birding Ethics" – den ethischen Grundsätzen zur Vogelbeobachtung –, um das Problem der Smartphone-Nutzung anzugehen. 

Nur begrenzter Einsatz empfohlen

Derzeit empfehlen die Richtlinien den Hobby-Ornithologen, den „Einsatz von Aufnahmen zu begrenzen", um Vögel anzulocken und diese Methode niemals bei seltenen Vögeln oder an beliebten Vogelbeobachtungsplätzen zu nutzen. Einer der Vorschläge sieht vor, von dem Einsatz „abzuraten" und die Audioaufnahmen nur zu Forschungszwecken einzusetzen.

„Mit einem iPod oder Smartphone kann jeder was er will wieder und wieder und wieder abspielen", sagt Geoffrey LeBarin, der für die National Audubon Society eine jährliche Vogelzählung durchführt, die inzwischen im 114. Jahr ist und noch bis Sonntag durchgeführt wird. „Das verändert die Spielregeln."

Positive Aspekte des App-Einsatzes

Diejenigen, die dieses sogenannte Playback einsetzen, beharren darauf, dass der vernünftige Umgang mit den Apps akzeptabel ist. Bei Spaziergängen durch die Natur, sagen sie, kann der Einsatz sogar einen weniger großer Eingriff in die Natur darstellen als herkömmliche Methoden, um einen Vogel zu Gesicht zu bekommen oder die Reaktion eines Vogels hervorzurufen. Die künstlichen Vogelrufe seien eine Alternative dazu, dass jemand abseits der Wege durch das Gestrüpp streife und dabei möglicherweise den natürlichen Lebensraum der Vögel störe. Forscher nutzen bereits seit langem die Möglichkeit von Tonaufnahmen, anfangs mit Kassettenrecordern. Es ist dort übliche Praxis, Vogelstimmen zu kopieren.

Während die Nutzung der App unter Traditionalisten für Wut sorgt, versuchen professionelle Vogelbeobachtungs-Organisationen einen Mittelweg zu finden. Sie wollen die Technik und ihre Möglichkeiten nutzen aber mit Bedacht einsetzen. Selbst die US-Umweltorganisation National Audubon Society hat ihre eigene App mit Details über mehr als 800 Spezies und acht Stunden Vogelstimmenaufnahmen.

Eine Frage der Balance

David Sibley, Autor von fünf Vogelbestimmungsbüchern und eine respektierte Autorität in der Gemeinschaft der Vogelkundler, kämpft damit, die richtige Balance zu finden. Seine Bücher sind auch als Apps verfügbar – inklusive Vogelgesang.

„Sie können daraus etwas ziehen, weil Sie die Vögel aus der Nähe betrachten und mit ihnen interagieren können, auch wenn es eine Art leichter Betrug ist", sagt Sibley. „Andererseits: Was, wenn jeder so etwas tut? Das hätte einige sehr negative Auswirkungen auf die Vögel."

Sibleys Richtlinien sehen vor, dass Vogelbeobachter einen bestimmten Platz und ein Ziel aussuchen sollten, nur 30 Sekunden des Gesangs abspielen, dazwischen Pausen einlegen und dezent vorgehen. Ein anderer Tipp: „Nutzen Sie niemals Aufnahmen, wenn ein anderer Vogelbeobachter Sie hören könnte – es sei denn, Sie haben seine Erlaubnis."

Umfassende Neuregelung zum Smartphone-Einsatz

Die National Audubon Society entwickelt unterdessen eine umfassende Regelung, die über die bisherigen kurzen Richtlinien zur „Lockrufen" für die eigene Vogelzählung hinausgeht. Bei der dreiwöchigen Vogelzählung rechnet die Organisation mit mehr als 70.000 Teilnehmern. Ihnen ist es dabei erlaubt „sehr umsichtig" Aufnahmen zu verwenden – aber niemals in einer Art und Weise, die das Verhalten eines Vogels „in irgendeiner Weise wesentlich verändert."

Eine Sorge sind die möglichen Auswirkungen auf die Vögel. Einige sagen, dass die Vögel unter Stress leiden könnten, wenn sie die Aufnahme als territoriale Bedrohung wahrnehmen. Es könnte sogar ein Jäger auf der Lauer liegen. Der Vogel könnte weiterhin veranlasst werden, seinen angestammten Lebensraum zu verlassen oder nicht mehr auf die Rufe anderer Vögel reagieren.

Gefährlich

„Die I-Gadgets sind unglaublich gefährlich für Leute, die nichts über Vögel wissen", sagt die 28-jährige passionierte Vogelbeobachterin Heidi Trudell, die kein Smartphone besitzt. „Es ist schwer eine klare Trennlinie zu setzen und damit fühle ich mich nicht wohl."

Vergangenen Winter sagt Trudell, habe sie im texanischen Big Bend National Park eine Frau zur Rede gestellt, die eine Rotrücken-Spottdrossel verfolgte – ein verbreiteter Vogel, der in dichter Vegetation lebt. Die Frau habe sofort gekontert, das sei ein „übliches Vorgehen".

Egal, antwortete Trudell. Der Nationalpark verbietet die Nutzung von Vogelruf-Apps auf seinem Gelände und stuft sie als „absichtliche Störung" des Vogelverhaltens und der Biologie ein, sagte ein Sprecher.

Bislang kaum wissenschaftliche Forschung

Den Streit verstärkt, dass keine der beiden Seiten auf sichere wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse verweisen kann, die den eigenen Standpunk stützen, weil Smartphones noch so neu sind. In einer im Oktober im Wissenschaftsjournal PLOS ONE veröffentlichten Studie, untersuchte der Ornithologe Berton Harris von der Princeton University Zaunkönige in Ecuador. Er kam zu dem Schluss, dass das häufige und regelmäßige Abspielen von Aufnahmen „einen kleinen Effekt auf das Verhalten von Zaunkönigen haben könnte." Die Vögel reagierten auf die Rufe nicht mehr. In der nächsten Phase seiner Forschung, sagte Harris, will er die Erfolge beim Nisten untersuchen, um besser sagen zu können, ob die Audioaufnahmen schädlich sind.

Das größte Problem sei, wenn die Aufnahmen rücksichtlos eingesetzt werden, sagt Jeffrey Gordon, Präsident der American Birding Association.

„Ich halte das für rüpelhaft, wenn Leute da draußen willkürlich Zeug rausdröhnen" sagt Gordon, der eine App nach eigenen Angaben nur mit Bedacht einsetzt. „Wenn wir nach draußen gehen, versuchen wir mehr Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was um uns herum passiert und Tonaufnahmen – oder jedes blinde Vertrauen auf Technik – kann dieses Erlebnis sehr schnell zerstören." (Sarah Portlock, wsj.de/derStandard.at, 06.01.2014)

  • App oder nicht App - Vogelforscher streiten um die Nutzung von Smartphones.
    foto: apa

    App oder nicht App - Vogelforscher streiten um die Nutzung von Smartphones.

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