Aus den Fugen geraten

Kommentar6. Jänner 2014, 17:17
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Der Syrien-Krieg schwappt über, zum Kampf gegen Assad kommt der Rebellenkrieg

Das neue Jahr beginnt mit zwei einschneidenden Entwicklungen im Syrien-Krieg. Erstens ist die internationale Hoffnung auf eine territoriale Eindämmung im Zusammenbrechen begriffen: Die jihadistische Isis (Islamischer Staat in Irak und Syrien) kontrolliert Teile der westirakischen Provinz Anbar, im Libanon findet bereits ein stellvertretender Terrorkrieg statt. Zweitens ist gleichzeitig der bewaffnete Konflikt zwischen den Rebellengruppen in Syrien voll entbrannt. Der Kampf der Rebellen gegen das Regime scheint im Moment in den Hintergrund zu treten.

Beides, die territoriale Ausweitung wie auch der Rebellenkrieg, hat einen Nutznießer: Assad. Seine Voraussagen, dass der Aufstand gegen ihn die ganze Region in den Abgrund reißen kann, scheinen sich zu bewahrheiten. Die Situation führt zu strategischen Kopfständen. So stehen die USA im Irak der Regierung Nuri al-Maliki - der auch vom Iran Hilfe angeboten wird - zur Seite: gegen eine Gruppe, die sie zwar in Syrien nie direkt unterstützt haben, mit der sie jedoch zumindest den Gegner teilen.

Verbrechen an Zivilbevölkerung

In Syrien haben alle anderen Rebellengruppen die Isis aus mannigfachen Gründen zum Feind erklärt: Sie verübt Verbrechen an der Zivilbevölkerung und treibt sie so dem Regime zu, und sie verfolgt mit ihren transnationalen jihadistischen Zielen andere als die übrigen - und schadet damit dem syrischen Aufstand im internationalen Ansehen gewaltig. Die Antwort auf die "Cui bono"-Frage - wem nützt das? - fällt so eindeutig aus, dass innerhalb Syriens die Isis nunmehr als Assad-Frontorganisation gilt.

Damit gelingt es den Rebellengruppen besser, gegen Isis zu mobilisieren: allen voran der aufsteigenden "Islamischen Front", die von Saudi-Arabien unterstützt wird. In Riad hat man schon lange verstanden, dass Jihadisten à la Isis neutralisiert werden müssen, um einen internationalen Konsens für den Sturz Assads herzustellen - ganz abgesehen davon, dass auch das saudische Königshaus auf der Ketzerliste der Isis-Jihadisten steht.

Dass Assad erstens den konfessionellen Konflikt in Syrien wenn schon nicht allein verursacht, so doch gefördert hat - um die nichtsunnitischen Minderheiten bei der Stange zu halten -, liegt auf der Hand. Es kommt auch vor, dass die Jihadisten, wenn es um Geschäfte geht, punktuell mit dem Regime zusammenarbeiten - das gab es auch vonseiten anderer Gruppen, nicht zuletzt kurdischer. Aber die Isis - früher Al-Kaida im Irak - hat natürlich eine viel längere Geschichte als der Konflikt in Syrien.

Zwar unterstützte der Baathist Assad in den ersten Jahren nach dem Sturz des Baath-Regimes von Saddam Hussein zumindest passiv den Aufstand gegen die neue Ordnung im Irak - und war damit damals noch auf der Seite Saudi-Arabiens. Aber heute hat Assad, auch wenn er von einer Ausweitung des Konflikts prinzipiell profitiert, ganz bestimmt kein Interesse daran, dass Maliki langfristig die Kontrolle über den Westirak an sunnitische Jihadisten verliert. Das ginge auch völlig gegen die Interessen des gemeinsamen Verbündeten Iran.

Im Irak stehen Lostage bevor: Die Vertreibung der Isis und die Befriedung Ramadis und Fallujas werden nur mit einem gleichzeitigen politischen Angebot Malikis an die dortigen Sunniten funktionieren. Das Gespenst einer Spaltung des Irak erscheint wieder am Horizont, nicht nur radikale Sunniten wollen los von Bagdad.(Gudrun Harrer, DER STANDARD, 7.1.2014)

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