Nach 1.185 Sitzungen gibt der Südtiroler Landesfürst die Macht ab

7. Jänner 2014, 05:30
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40 Jahre im Südtiroler Landtag, 37 Jahre in der Landesregierung, 25 Jahre als Landeshauptmann: Luis Durnwalder gibt am Mittwoch seine Macht endgültig in jüngere Hände

Es ist der letzte offizielle Akt einer bemerkenswerten Laufbahn: Zum 1.185. Mal wird Südtirols Landeshauptmann Luis Durnwalder am Mittwoch die Sitzung der Landesregierung in Bozen leiten. Wenn die 37 Tagesordnungspunkte abgehandelt sind, endet die Karriere des 72-Jährigen, der Südtirols Politik mehr als ein Vierteljahrhundert geprägt hat wie kein anderer vor ihm und Italiens nördlichste Provinz von einer ärmlichen Bergregion zum Wohlstandsland geführt hat.

"Ich hatte viele Möglichkeiten, etwas zu bewegen - und habe sie genutzt" , zieht der scheidende Landeshauptmann Bilanz. Mit der Wahl seines Nachfolgers Arno Kompatscher verfällt am Donnerstag das Mandat Durnwalders, der sich auch von einem letzthin erlittenen Herzinfarkt nicht abhalten ließ, seine Amtszeit regulär zu Ende zu führen. Die Ärzte im Bozner Krankenhaus, in das er am 16. Dezember eingeliefert wurde, hatten alle Mühe, den Arbeitswütigen zur Einhaltung der verordneten Ruhe zu bewegen.

Juristische Spätfolgen

Und auch seine am 13. Jänner beginnende Reha im Herzzentrum von Prissian bei Meran wird er am 31. Jänner unterbrechen, um sich Staatsanwalt Guido Rispoli zu stellen: Es geht um den Verdacht der Unterschlagung und der illegalen Parteienfinanzierung. Die Staatsanwaltschaft hält etliche Ausgaben aus dem üppigen Sonderfonds des Landeshauptmanns für gesetzeswidrig. Durnwalder hingegen beteuert, alles sei rechtens. Ob er Rispoli von der Absicht abbringen kann, Anklage zu erheben, bleibt fraglich.

Die letzten Jahre von Durnwalders Amtszeit waren durch Skandale und Affären getrübt, die Schatten auf die seit Jahrzehnten mit absoluter Mehrheit regierende Südtiroler Volkspartei warfen. So brachte die Betrugsaffäre um die landeseigene Energiegesellschaft Sel Durnwalders Landesrat Michl Laimer zwei Jahre Haft ein.

Sein machtbewusster Regierungsstil und sein brachiales Durchsetzungsvermögen bescherten dem Sohn einer elfköpfigen Bauernfamilie neben plebiszitärer Zustimmung auch wachsende Kritik. Im Gegensatz zu seinem asketischen Vorgänger Silvius Magnago (1961-1989) mischte sich Durnwalder liebend gern zum Kartenspiel unters Volk, frönte seiner Jagdleidenschaft, eröffnete Kindergärten und Betriebe.

Ihrem volksnahen Landesfürsten sah die Bevölkerung dessen Eskapaden augenzwinkernd nach - einschließlich einer späten Vaterschaft mit bereits 67 Jahren.

Pragmatiker am Werk

"Der Luis" - treffender könnte der Titel seiner Biografie kaum lauten. Der in Wien promovierte Agrarexperte entwickelte sich vom anfänglichen Gegner des Südtirol-Pakets zu einem Pragmatiker, der die Möglichkeiten der Autonomie voll ausschöpfte und auf deren stetige Erweiterung zielte. Dass die stramm antikommunistische SVP in Rom und Bozen mit dem Partito Democratico regiert, bezeugt diesen Pragmatismus, der auch die Selbstbestimmungsforderungen der erstarkten Rechten ins Reich der Träume verweist: "Das ist nicht wirklichkeitsnah. Da lacht uns die Welt ja aus. Niemand würde uns bei der Gründung eines neuen Staates unterstützen!"

Durnwalders ausgeprägtes Machtbewusstsein kannte eigenwillige Grenzen: Die Führung der Südtiroler Volkspartei überließ er stets neidlos anderen Politikern. 40 Jahre im Landtag, 37 in der Regierung, 25 Jahre Landeshauptmann: eine politische Laufbahn der Sonderklasse.

Bauern eng verbunden

Die Verdienste Durnwalders, der den Bauern stets eng verbunden blieb, bestreitet niemand. Kritiker betrachten den von ihm angehäuften Immobilienbesitz mit Unbehagen. Die Grünen sehen in ihm einen Vertreter der von der SVP verschuldeten "Filzokratie".

Die Umweltschützer, denen Durnwalders "Bauwütigkeit" entschieden zu weit geht, verzeihen ihm nicht, dass er noch auf der letzten Sitzung seiner Landesregierung ein heftig umstrittenes Projekt durchdrückte: eine Straße durchs letzte unberührte Hochtal der Antersac-Alm in den Dolomiten. Mit dem "Winterschlussverkauf für das Weltnaturerbe" beweise der scheidende Landesfürst "einmal mehr seinen ungebrochenen Starrsinn, alles durchzusetzen, was er sich in den Kopf gesetzt hat". Eine Kritik, die Durnwalder unter Hinweis auf seine wichtigste Klientel mit gewohnter Bauernschläue zurückweist: "Die Straße darf ja nur von Landwirten befahren werden." (Gerhard Mumelter aus Bozen, DER STANDARD, 7.1.2014)

  • Folklore und Lokalkolorit waren dem Südtiroler Langzeitlandeshauptmann Luis Durnwalder nie zuwider (im Bild beim Abschreiten einer Schützenkompanie im Jahr 2000).
    foto: apa/bernhard großruck

    Folklore und Lokalkolorit waren dem Südtiroler Langzeitlandeshauptmann Luis Durnwalder nie zuwider (im Bild beim Abschreiten einer Schützenkompanie im Jahr 2000).

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