Abes riskanter Kurs

Kolumne6. Jänner 2014, 17:13
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Mit seinem Besuch des Yasakuni-Schreins als kalkulierter Provokation versucht Shinzo Abe Japan politisch und militärisch wieder stark zu machen

Publizisten und Politologen, vor allem in den USA, sind über die verschärften Spannungen im Dreieck China-Japan-Korea zunehmend besorgt, und manche ziehen bereits Vergleiche mit dem vom verblendeten Nationalismus gesteuerten Kollisionskurs europäischer Regierungen, der schließlich den Ersten Weltkrieg ausgelöst hat. Dass die Unberechenbarkeit der Diktaturen in unterschiedlicher Verkleidung als globales Sicherheitsrisiko gilt, ist keine neue Erkenntnis.

Anders liegen die Dinge im Falle pluralistischer Demokratien, die über ein stabiles Mehrparteiensystem, freie Medien und eine funktionierende Marktwirtschaft verfügen. Japan, der besiegte Aggressor, schien mit seinem amerikanisch dominierten Nachkriegskonsens, mit seinen pazifistischen Werten und mit dem allgemein bewunderten Wirtschaftsaufstieg auf dem Weg zur Nummer eins in der Welt ein glanzvolles Beispiel für die amerikanische Besatzungspolitik zu sein. Auf meinen Vortrags- und Studienreisen in den Siebziger-, Achtziger-, ja sogar in den frühen Neunzigerjahren hatte ich berechtigten, fast ungezügelten Optimismus in Tokio, Osaka und Kioto gespürt.

Keine ernsthafte Auseinandersetzung mit Vergangenheit

Allerdings gab es schon damals die tiefe, fast unüberbrückbare Kluft zwischen der umfassenden Aufarbeitung der Last der Geschichte in der Bundesrepublik und dem schamhaften Schweigen, aber auch der weitverbreiteten Ignoranz über die von der japanischen Armee begangenen Verbrechen, vor allem in China (zum Beispiel das Massaker in Nanking mit mehreren Hunderttausenden Opfern im Jahre 1937), aber nicht nur dort. In Korea wurden auch zehntausende Frauen als Zwangsprostituierte in die Feldbordelle der japanischen Armee verschleppt. All das wird in der letzten Zeit zwar nicht geleugnet, aber die gelegentlichen halbherzigen und gewundenen Entschuldigungen diverser japanischer Regierungen bedeuten keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Nur vor dem historischen Hintergrund kann man die leidenschaftlichen Proteste in China und Korea und die öffentliche Kritik aus Singapur und Washington nach dem demonstrativen Besuch des Regierungschefs Shinzo Abe im umstrittenen Yasakuni-Schrein im Zentrum Tokios verstehen. Dort gedenkt Japan nicht nur der 2,5 Millionen Kriegsopfer, sondern auch ausdrücklich der Seelen von 14 verurteilten schweren Kriegsverbrechern des Zweiten Weltkrieges. Der Schrein wird als Symbol jenes japanischen Militarismus gesehen, unter dem Chinesen und Koreaner zu leiden hatten.

Warum verärgert Abe die Nachbarländer? Trotz seiner Beteuerungen über "den ewigen Frieden" sehen Beobachter seinen Besuch als kalkulierte Provokation, als symbolischen Teil seines Programms, Japan nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch und militärisch wieder stark zu machen. Deshalb werden statt der dringend nötigen Strukturreformen die Militärausgaben erhöht und nationalistische Gesten forciert. Chinas einseitig deklarierte Luftraumüberwachungszone über eine umstrittene Inselgruppe, die sich mit der japanischen überschneidet, und Säbelrasseln in Peking zeigen, dass sich japanischer und chinesischer Nationalismus gegenseitig hochschaukeln. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 7.1.2014)

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