Kritik an Teilpension: Statt Einsparung nur "Ergebniskosmetik"

6. Jänner 2014, 17:39
289 Postings

Der Sozialminister erhofft sich von der Idee einen Schub in Richtung eines höheren Pensionsantrittsalters: Eine Teilpension soll älteren Arbeitnehmern ermöglichen, Berufsleben und Ruhestand zu vereinen. Der Nutzen des Modells ist allerdings umstritten

Wien - Es ist ein Angebot für ältere Menschen, die gerne weiter arbeiten, sich aber nicht mehr das volle Programm antun wollen oder können: Wer sich nicht zwischen Berufsleben und Ruhestand entscheiden kann, dem steht künftig beides gleichzeitig offen. Möglich machen soll den Spagat die neue "Teilpension", die SPÖ und ÖVP im Regierungspakt versprechen.

Das Prinzip: Werktätige schrauben ihre Arbeitszeit zurück und greifen im Gegenzug auf einen Teil ihrer Pension vor. Um mindestens 30 Prozent müssten Pensum und Einkommen reduziert werden, heißt es im Koalitionspapier. Zur finanziellen Kompensation wird ein dem Ausmaß der Reduzierung entsprechender Anteil des Altersbezugs ausbezahlt.

Anreiz zum Teilzeitjobben

Voraussetzung ist aber, dass bereits das Antrittsalter für eine Pensionsform erreicht ist. Männern etwa steht das neue Modell also erst ab jenen 62 Jahren offen, die bei Erfüllung bestimmter Bedingungen für den Gang in die Hackler- oder Korridorfrühpension berechtigen. Die bei der jeweiligen Variante anfallenden Abschläge schlagen selbstverständlich auch auf die Teilpension durch.

Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) hofft, dass das Angebot viele Arbeitnehmer zum Teilzeitjobben reizt, die sonst ganz in den Ruhestand entfleucht wären - was die Regierung ihrem Generalziel einen Sprung näher brächte: Bis 2018 sollen das tatsächliche Pensionsantrittsalter und Erwerbsquoten der Älteren beträchtlich steigen (siehe Grafik).

Experte rätselt über den Sinn

Realistische Hoffnungen? Ulrich Schuh bewertet die Erfolgschancen der Teilpension weit weniger optimistisch als der Sozialminister. "Ich frage mich, was man damit bezweckt", sagt der Chef des industrienahen Wirtschaftsforschungsinstituts Eco Austria, dem sich der Verdacht der "Ergebniskosmetik" aufdrängt. Weil Teilpensionisten in der Statistik wohl kaum als vollwertige Ruheständler angerechnet werden, möge die Teilpension durchaus zu einem steigenden Antrittsalter beitragen, sagt Schuh, doch das sei ja kein Selbstzweck. Erstrebenswert sei das Ziel dann, wenn das Pensionssystem finanziell entlastet werde, "doch dafür bringt die Teilpension gar nichts".

Schuh verweist darauf, dass die Regierung selbst von einem "versicherungsmathematisch neutralen" Modell schreibt. Zwar erspart jemand, der in Teil- statt in Vollpension geht, der Pensionsversicherung kurzfristig Geld, da er länger Beiträge einzahlt und eine geringere Leistung bezieht. Dafür erwirbt der Versicherte für die Zukunft aber höhere Pensionsansprüche. "Das Problem wird damit nur ein paar Jahre verschoben", urteilt der Experte. Wenn die Regierung die Pensionsreform nach dieser Logik anpacke, könne es eines Tages heißen: "Hurra, wir haben das Antrittsalter angehoben - und sind trotzdem pleite."

Positiver psychologischer Effekt

Direkte Entlastung für das System sieht auch Bernd Marin keine, hält die Teilpension aber dennoch für "eine gute Idee". Abgesehen vom individuellen Nutzen für Menschen, die sich im gesteigerten Alter "nicht mehr die Seele aus dem Leib arbeiten" wollen, verspricht sich der Leiter des Zentrums für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung einen psychologischen Effekt: "Es ist ein Signal für eine Trendwende, dass es nicht mehr als das Normalste der Welt gilt, so früh wie möglich in Pension zu gehen." Angebote wie dieses könnten zur Belebung des derzeit "komatösen" Arbeitsmarktes für Ältere beitragen.

Dafür sollte aber die bestehende Altersteilzeit abgeschafft werden, sagt Marin. Im Gegensatz zur Teilpension steht diese nicht erst ab dem Pensionsalter, sondern bereits ab 53 (Frauen) und 58 Jahren (Männer) offen, ebenso wenig funktioniert sie kostenneutral. Der Staat schießt Fördergeld zu, damit Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit um 40 bis 60 Prozent verringern können, aber 70 bis 80 Prozent des bisherigen Einkommens erhalten; unter bestimmten Umständen können Arbeits- und Freizeit hintereinander im Block konsumiert werden. "Eine hochsubventionierte Frühpension", kritisiert Marin, die vor allem Besserverdiener aus privilegierten, staatsnahen Betrieben nützten. (Gerald John, DER STANDARD, 7.1.2014)

  • Das Modell der Teilzeitpension sieht vor, sich in Zukunft nicht mehr zwischen Berufsleben und Ruhestand entscheiden zu müssen. Die Regierung hofft, dass viele Senioren diesen Joker ausspielen.
    foto: apa/schneider

    Das Modell der Teilzeitpension sieht vor, sich in Zukunft nicht mehr zwischen Berufsleben und Ruhestand entscheiden zu müssen. Die Regierung hofft, dass viele Senioren diesen Joker ausspielen.

  • Artikelbild
    grafik: der standard
Share if you care.