Krieg schauen im Libanon für einen Dollar

Reportage6. Jänner 2014, 09:29
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Klettern auf Panzern, Raketen zum Anfassen: Die Hisbollah hat sich nahe Beirut ein 60.000 Quadratmeter großes Freilichtmuseum gegönnt

Besucher aus aller Welt sollen auf 60.000 Quadratmetern über die Geschichtsversion der Miliz unterrichtet werden. Für die Kinder gibt es Panzer zum Klettern, für die Eltern Kaffee und Snacks.

Wenn der Sprecher des weltweit einzigen Hisbollah-Freilichtmuseums über seine Neujahrswünsche redet, wird es etwas pa­thetisch: "Ich wünsche mir, dass sich Vertreter aller Religionen und Nationen zusammensetzen und friedlich miteinander diskutieren" , sagt Ahmad Mansour. Hinter ihm flattern die Fahnen der Hisbollah mit ihrem grünen Logo – Schriftzug samt Schnellfeuergewehr. Kurze Pause, ein Blick in die Ferne: "Denn alle Menschen sehnen sich doch nach einem Zuhause" , so Mansour.

Der 43-Jährige mit Dreitagebart, Wollmütze und Sportjacke schaut über die Hügel und Dörfer seiner südlibanesischen Heimat, der "zionistische Feind"  Israel ist nur 30 Kilometer entfernt.

Der Weg in die bizarre Erlebnisanlage Mleeta führt über eine schmale Straße durch wunderschöne Gebirge auf einen alten Kommandostand, auf mehr als 1000 Meter Höhe 50 Kilometer von der Hauptstadt Beirut entfernt. Für die Hisbollah, "die "Partei Gottes" , ist dies der Ort, "wo die Erde zum Himmel spricht" , wie auf der Homepage der Parks steht.

Auf 60.000 Quadratmetern inszeniert die Schiiten-Miliz ihre Version der israelisch-libanesischen Kämpfe. "Touristisches Wahrzeichen des Widerstands"  prangt auf den Schildern in Mleeta. Widerstand, damit ist der Konflikt mit Israel gemeint – im Libanon wird der Nachbar "besetztes Palästina"  genannt. Seit der Eröffnung der Propaganda-Ausstellung im Mai 2010 kommen nach eigenen Angaben mehrere Tausend Besucher pro Woche, das Publikum sei international.

Während Israel und die Vereinigten Staaten die Miliz schon seit Jahren als Terrororganisation führen, setzte die EU den militärischen Teil der Hisbollah erst im Juni 2013 auf die Liste terroristischer Organisation. Ganz anders schaut es im Libanon aus, hier sitzen die Islamisten nicht nur im Parlament, sie sind auch eine soziale Bewegung, die Waisenhäuser, Bildungseinrichtungen und Krankenhäuser unterhält.

Raketen zum Anfassen

Der militärische Arm der Organisation ist besser ausgerüstet als die libanesische Armee. So gelang es der Hisbollah – nach eigener Interpretation jedenfalls – im letzten Krieg 2006, Israel eine empfindliche Niederlage zuzufügen. Damals hatten die Kämpfer der Hisbollah ihre Raketen unter anderem aus Mleeta abgeschossen, wo es heute für einen US-Dollar Eintritt Kriegsgerät zum Anschauen gibt. Von den tausenden Zivilisten, die den Kampf der Hisbollah mit ihrem Leben bezahlen mussten, wird in Mleeta allerdings nichts erzählt.

Ein abgesperrter Schützengraben mit Bildern von Sayyid Abbas al-Musawi erinnert an den 1992 ermordeten Generalsekretär der Bewegung, der sich hier einst versteckt haben soll. Besucher haben Modeschmuck und Schleifen als Geschenk an das Gitter befestigt. "Auch al-Musawis Familie haben die Israelis umgebracht" , sagt Mansour und schaut betroffen auf den Boden. Mansour war früher PR-Manager bei dem britischen Kosmetikkonzern Body Shop. "Mein Land braucht mich" , erklärt er knapp seinen Wechsel vom Kapitalismus zum Nationalismus.

Auch der 23-jährige Achmed fühlt sich von der Hisbollah gebraucht und arbeitet deswegen als Touristenführer in Mleeta. "Hier kann ich der Welt zeigen, wie stark unser Widerstand gegen das ‚zionistische Gebilde' ist." Doch die Liebe für seine Heimat hat seine Grenzen. Der Libanese heißt anders, will aber anonym bleiben. Denn der junge Mann wurde in Hamburg geboren und will wieder dorthin, "weil im Libanon alles unsicher ist. Ich vermisse die deutsche Ordnung", sagt er in geradebrechtem Deutsch. Ein Job bei der Hisbollah kommt da vielleicht im Lebenslauf nicht so gut.

Während er spricht, steht die ganze Zeit Pressesprecher Mansour neben ihm, nickt ihm wohlwollend zu und unterstützt ihn, wenn er bei irgendeinem Exponat Angst hat, etwas Falsches zu sagen. Etwa auf dem betonierten Rundweg – genannt "Der Abgrund". In einem Kreise liegen Reste israelischer Truppen, Helme, Munition und ein zerstörter Merkava-Panzer.

Woher die Bezeichnung "Der Abgrund"  für diese Installation stammt? Achmed zögert, Aufpasser Mansour ermutigt ihn, zu antworten. "Das Rondell symbolisiert einen Wirbelsturm, der die israelischen Truppen zermalmt", sagt er dann endlich und schiebt hinterher: "Die Hisbollah kann niemand zerstören."

Weil die Menschen sich im Freizeitpark der Islamisten auch vergnügen sollen, dürfen Kinder auf dem Panzer rumklettern, viele Exponate sind zum Anfassen – von der Drohne bis zur Handgranate. Besucher können auf einem Guerillapfad unter Tarnnetzen den Hang auf und ab spazieren. Entlang des Weges stehen hinter Sandsäcken Waffensysteme, etwa eine Katjuscha-Rakete, ausgerichtet in Richtung Israel.

Im unterirdischen Bunker befindet sich die einstige Kommandozentrale mit dem alten Computer. Wem kalt wird, der kann sich in der Cafeteria mit Getränken und Snacks aufwärmen, anschließend im futuristischen Kino bei einem Mleeta-Werbefilmchen ausruhen. In diesem hetzt Parteichef Hassan Nasrallah gegen Israel – unterlegt ist das Ganze mit arabischer Marschmusik und religiös-nationalistischen Texten.

Souvenir mit Hisbollah-Logo

Einen letzten skurrilen Eindruck gibt es im Souvenirladen, vollgestopft mit Kommerz: gelbe Kleidung und Geschirr mit dem grünen Hisbollah-Logo, Schlüsselanhänger, Teller, Uhren und Poster mit Bildern von Nasrallah. Achmed und Ahmad Mansour verabschieden sich winkend, als gläubige Muslime weigern sie sich, fremde Frauen zu berühren. "Wir schütteln keine Hände, wir schütteln Herzen" , sagt der Ältere, lächelt und wünscht einen guten Rutsch ins neue Jahr. (Cigdem Akyol aus Beirut /DER STANDARD, 4.1.2014)

  • Die Mudschahid sollen hier gegen Israel gekämpft haben. Jetzt ist das ganze Gelände als "Museum des Widerstands" angelegt. 
    foto: lebanese association for tourism & tradition

    Die Mudschahid sollen hier gegen Israel gekämpft haben. Jetzt ist das ganze Gelände als "Museum des Widerstands" angelegt. 

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