Wirtschaft und Wissenschaft: Wer ist stärker? I oder i?

Kommentar der anderen3. Jänner 2014, 18:41
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Österreich war im vergangenen Jahrhundert eine verspätete Wissenschaftsnation. Erst durch liberale Reformen und umfassende Innovation kam auch die Wirtschaft des Kaiserreichs in Schwung

"Was stört eigentlich an dieser Ressortzusammenlegung?", fragt Hendrik Ankersmit (DER STANDARD, vom 27. 12. 2013), zumal die Verbindung von Wissenschafts- und Wirtschaftsagenden doch ohnehin dem "Zeitgeist" entspreche. Gewiss sollte man Organisatorisches nicht überbewerten, aber Ankersmit schildert seine Sicht der Dinge ausschließlich aus der Medizinperspektive, nicht zufällig kommen die schärfsten Kritiker des neuen Superministeriums aus den Geisteswissenschaften.

Die Medizin hat klar definierte, anwendungsbezogene Aufgaben, die sich ohne eine enge Koordination auch mit wirtschaftlich-industriellen Interessen heute kaum mehr erfüllen lassen. Problematisch wird es allerdings dort, wo solche Interessen auch als Kenngröße für das herhalten sollen, was Ankersmit als "Relevanz für die Gesellschaft" bestimmt. Welche "gesellschaftliche Relevanz" hat demnach etwa die Psychoanalyse - übrigens einer der größten "Exportschlager" der österreichischen Wissenschaftsgeschichte? Bemisst sich ihr Erfolg an der Verringerung von Krankenstandstagen und der Einsparung von Medikamenten? Oder ist es die ursprüngliche humanistische Zielvorstellung des autonomen Individuums, die sie befördern soll?

Der Markt für Ideen und Theorien ist im realen ökonomischen Markt nicht abbildbar. Aus gutem Grund hat sich so in der deutschsprachigen Wissenschaftsbürokratie eine Tradition herausgebildet, die Wissenschaft/Forschung-Agenden im Fall ministerieller Zusammenlegungen entweder mit Unterricht/Bildung oder mit Kunst/ Kultur kombiniert - eine Tradition, mit der Österreich nun bricht. Minister Mitterlehner hat auf die Schweiz und "einige deutsche Bundesländer" verwiesen, die ebenfalls Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam administrieren. Doch die Schweiz kennt auf nationalstaatlicher Ebene überhaupt nur sieben Superministerien, die Kompetenzen so stark bündeln, dass etwa die Wissenschaft (mit Staatssekretariat für Forschung und Bildung) gemeinsam mit der Landwirtschaft ressortiert; und die "einigen" deutschen Bundesländer schrumpfen nach kurzer Recherche auf Sachsen-Anhalt zusammen.

Wie sehr die Fokussierung auf einen vorgeblichen kurzfristigen Nutzen langfristige Innovationen blockieren kann, zeigt nicht zuletzt übrigens auch ein Blick auf die österreichische Wissenschaftsgeschichte selbst, denn diese startet mit einer charakteristischen Verzögerung. Im "System Metternich" wurden alle wissenschaftlichen Ideen, die einem solchen unmittelbaren Nutzenkalkül nicht folgten, argwöhnisch beäugt. Eine Folge dieser Strategie war die "verspätete Wissenschaftsnation" Österreich, die auch ökonomisch nicht auf die Beine kam. Erst die Reformen der liberalen Ära mit ihrem umfassenden Interesse an Innovation ermöglichten parallel zum Aufstieg der österreichischen Wissenschaften ab etwa den 1870er-Jahren auch einen wirtschaftlichen Aufholprozess, der die österreichische Wirtschaftsleistung in den letzten Jahren der Monarchie bis auf ein Prozent auf die damalige wirtschaftliche und wissenschaftliche Supermacht Frankreich aufschließen ließ (Rückstand 1870: 20 Prozent).

Einstige Geistesmetropole

Dabei war der Hauptteil der wissenschaftlichen Innovationen dieser Zeit in keiner Weise wirtschaftsnah - nicht einmal die österreichische Schule der Nationalökonomie (ein weiterer wissenschaftlicher Exportschlager Österreichs) verdankt ihre Entstehung dem Interesse an praktisch-anwendungsbezogenen Fragen. Millionen von Touristen strömen jedes Jahr in die einstige Geistesmetropole Wien. Sie werden nicht von Schiffsschraube und Glühstrumpf angelockt, sondern von der faszinierenden Atmosphäre einer Stadt, in der Wissenschaft, Kunst und Literatur umfassende Wertschätzung genossen und sich gegenseitig befruchteten. Der ökonomische Nutzen dieser Ära ist auch heute noch beträchtlich, auch wenn - ja eigentlich weil - sein Impetus viel stärker aus den humanistischen Disziplinen stammt als aus anwendungsbezogenen Fragen.

Absurde Ressortzusammenlegungen kennt freilich auch die österreichische Geschichte. Die Zusammenführung von Unterricht und Wissenschaft mit Religionsagenden 1849 führte zu heftigen Protesten; Franz Grillparzer quittierte sie mit den Worten: "Einen Selbstmord hab' ich euch anzusagen: Der Cultusminister hat den Unterrichtsminister todtgeschlagen." Man fragt sich, welche Steigerung dieses durchaus drastischen Bildes Grillparzer noch eingefallen wäre, hätte er Ressortzusammenlegungen wie jene von Kultur und Beamten, Unterricht und Frauen und Wissenschaft und Wirtschaft miterlebt. Es gibt gute Gründe, den ökonomischen Druck, dem Wissenschaft heute ausgesetzt ist, ähnlich kritisch zu beäugen. Auch er ist ein Einbruch wissenschaftsfremder Bewertungskriterien, die den theoretischen Fragehorizont verengen können. Minister Mitterlehner ist jedenfalls zu wünschen, dass es ihm nicht so ergehen möge wie dem Nestroy'schen Holofernes, der sich schließlich selbst vor die Frage gestellt sieht, "wer stärker is', i oder i". (Christoph Landerer, DER STANDARD, 4.1.2014)

CHRISTOPH LANDERER ist Psychologe und Kulturwissenschafter in Salzburg.

  • Herr Freud und seine Couch: Die Psychoanalyse ist der größte Exportschlager in der österreichischen Wissenschaftsgeschichte. Aber wie ist ihr Erfolg zu messen?
    foto: ap/sigmund freud museum

    Herr Freud und seine Couch: Die Psychoanalyse ist der größte Exportschlager in der österreichischen Wissenschaftsgeschichte. Aber wie ist ihr Erfolg zu messen?

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