Warum die Zukunft nicht allein nur E-Learning ist

4. Jänner 2014, 10:00
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Die Zeit der passiven Passagiere auf starren Schienen ist vorbei. Die wunderbare Welt selbstgemixten Online-Lernens ist nur ein Baustein im Prozess

Neues Jahr, neues Glück heißt es in vielen Lebensbereichen. Die Trendforscher geben auch für das Bildungswesen ihre Prognosen: Wie in den letzten Jahren auch prognostizieren Experten, dass das E-Learning nicht nur den Durchbruch schafft, sondern die Bildungslandschaft in seinen Grundfesten erschüttern wird. Doch wird es das wirklich?

Je mehr wir über Lernen lernen, desto mehr erkennen wir, dass es sich um einen sehr, sehr persönlichen Prozess handelt. Wenn Sie und ich exakt denselben Lernstoff im selben Kurs - egal ob virtuell oder real - lernen, bringen wir gänzlich unterschiedliche Rahmenbedingungen mit: unterschiedliches Vorwissen, andere Erfahrungen, divergierende Einstellungen und ein individuelles Lerntempo. Wir alle haben noch die klassischen Lernkonzepte im Kopf, in denen die Lernenden passive Passagiere auf den Schienen eines vorgezeichneten Bildungswegs waren. Heute zeigt sich aber deutlich, dass sich die Menschen beim Thema Weiterbildung zunehmend an den eigenen Interessen und Fähigkeiten orientieren und selbstmotivierter agieren.

Das traditionelle Bildungskonzept von "One size fits all" rückt immer mehr in den Hintergrund. Der Wissbegierige pickt sich vielmehr die Rosinen aus dem Wissenskuchen, statt Bildung von der Stange zu kaufen. Wissensvermittlung in selbst zusammenstellbaren Modulen wird also verstärkt an Bedeutung gewinnen.

Trend zur individualisierten Bildung

Tritt damit das E-Learning endgültig seinen Siegeszug an? Der Trend zur individualisierten Bildung wird natürlich auch durch die neuen Medien gefördert. Lerntypen, die auf "Selftutoring" setzen, können sich schon jetzt maßgeschneidertes Wissen etwa mittels "How to"-Videos auf Youtube oder in "Webinaren" aneignen und Wissenserwerb über informelle Kanäle wird auch in der beruflichen Weiterbildung durchaus an Bedeutung gewinnen.

Aber so weit wie manche Experten, die bereits jetzt die "Revolutionierung der Bildung" ausrufen, würde ich dann doch nicht gehen: Natürlich werden E-Learning und die fortschreitende Digitalisierung von Lehrmitteln und Lehrmethoden weiter an Bedeutung gewinnen. Und es ist natürlich begrüßenswert, dass so vielen Menschen wie möglich der Zugang zu Bildung erleichtert wird. So können etwa die sogenannten "Massive Open Online Courses" - die vor allem in den USA zunehmend populären Massenvorlesungen im Netz - sicherlich eine neue Klientel und neue Zielgruppen für Bildung gewinnen, weil allfällige Restriktionen durch mangelnde Mobilität oder zeitliche Einschränkungen durch starre Termine online nicht mehr gegeben sind.

An diesem Punkt muss jedoch das große "Aber" folgen: Denn auch die Themen Vernetzung, Atmosphäre und soziale Interaktion sollte man im Zusammenhang mit Bildung keinesfalls aus den Augen verlieren. Zwar können Facebook und Co ergänzend einspringen und räumliche Distanz überbrücken - den persönlichen Kontakt und die Gruppendynamik einer Präsenzveranstaltung können sie aber nur bedingt ersetzen. Lernen ist ein sehr sozialer und emotionaler Prozess.

Gerade beim Lernen profitiert man doch auch sehr stark vom "Miteinander" . Daher spielt auch das Klima, das "Biotop", in dem Wissen vermittelt wird, eine große Rolle. Es geht darum, einen Ort zu schaffen, an dem Lernen Spaß macht - einen Ort, an dem der Lernende nicht als Objekt, Nummer oder IP-Adresse, sondern als Individuum betrachtet wird.

"Best of both worlds"-Konzept

Ich bin daher der Ansicht, dass E-Learning mittel- wie langfristig das Lernen in der Gruppe - also das Zusammenkommen in explizit dafür gebauten, nicht nur virtuell existierenden Bildungseinrichtungen - nicht ersetzen kann. Die Zukunft liegt in einem "Best of both worlds"-Konzept - dem sogenannten "Blended Learning". Blended Learning bringt sowohl die Flexibilität als auch die Effektivität der multimedialen Lernformen mit den sozialen und den "begeisterungstechnischen" Gesichtspunkten der Face-to-Face-Kommunikation sowie dem praktischen Erlernen von Tätigkeiten zusammen. Das bringt natürlich neue Herausforderungen sowohl für die Bildungsinstitutionen als auch die Lernenden mit sich - gilt es doch, beide Teildisziplinen zu beherrschen. Zudem steigt mit der wachsenden Autonomie und Autarkie der Kursteilnehmer auch der Beratungsaufwand im Vorfeld. Die Kursbesucher werden immer kritischer und wollen vorab sehr gut informiert werden. Bildung kostet schließlich Geld. Und dieses Geld soll so gut wie möglich investiert werden. Die Bildungseinrichtungen mutieren daher zunehmend vom reinen Bildungsvermittler zum Bildungsbegleiter. Und diese Rolle will erst gelernt werden. (Valerie Höllinger, DER STANDARD, 4./5.1.2014)

Valerie Höllinger führt gemeinsam mit Franz-Josef Lackinger seit 2011 die Geschäfte des Wiener Berufsförderungsinstitut (BFI).

  • Valerie Höllinger.
    foto: bfi

    Valerie Höllinger.

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