Woran krankt es in den entwickelten Ökonomien?

Kolumne3. Jänner 2014, 17:10
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Ist das derzeitige langsame Wachstum in den Industrieländern die Fortsetzung einer langfristigen Talfahrt?

Ist das derzeitige langsame Wachstum in den Industrieländern die Fortsetzung einer langfristigen Talfahrt oder Ausdruck der normalen Folgen einer tiefen, systemischen Finanzkrise?

Auf einer kürzlich abgehaltenen Konferenz des Internationalen Währungsfonds (IWF) argumentierte der ehemalige US-Finanzminister Lawrence Summers, dass der heutige Katzenjammer hinsichtlich des Wirtschaftswachstums tiefe Wurzeln habe, die bereits in die Zeit vor der globalen Finanzkrise zurückreichen. Besonders hob Summers die Notwendigkeit verstärkter Investitionen in die Infrastruktur hervor. Dieses Gefühl teilen die meisten Ökonomen aus ganzem Herzen, vor allem wenn man sich dabei auf wirklich produktive Investitionen bezieht.

Andere betrachten den langfristigen Abschwung ebenfalls mit Sorge, obwohl die meisten den Schwerpunkt eher auf die Angebots- als auf die Nachfrageseite legen. Der Ökonom Jeffrey Sachs beispielsweise argumentiert, dass die US-Wirtschaft mit einer Fülle von strukturellen Hindernissen konfrontiert ist, die einem nachhaltigen Wachstum im Weg stehen wie etwa die Auslagerung der Produktion ins Ausland, das Ungleichgewicht zwischen Qualifikationsangebot und -nachfrage sowie eine verfallende Infrastruktur.

Der Internetunternehmer Peter Thiel und der legendäre Schachweltmeister Garri Kasparow behaupten ebenso wie der Ökonom Robert Gordon, dass die Malaise sogar noch tiefer reicht. Sie meinen, dass dem Technologiemotor, der der Menschheit in den letzten 200 Jahren einen ökonomischen Höhepunkt nach dem anderen bescherte, nun die Energie ausgehe. Einfach gesagt: Das Internet mag zwar eine coole Sache sein, aber kaum von so entscheidender Bedeutung wie fließendes Wasser, Elektrifizierung oder der Verbrennungsmotor.

Die Gordon-Kasparow-Thiel-These ist überaus interessant, obwohl ich ihre negativen Schlussfolgerungen sowohl schriftlich als auch im Rahmen einer Diskussion in Oxford hinterfragt habe. Persönlich bin ich der Ansicht, dass die größere Gefahr in einer zu raschen Beschleunigung des technologischen Fortschritts besteht, an die sich die Gesellschaft nicht anpassen kann, obwohl die Erfahrungen bisher grundsätzlich positiv ausfielen.

Natürlich müssen sich die entwickelten Ökonomien von heute dringend allen Arten technologischer, sozialer und politischer Unzulänglichkeiten annehmen. Dennoch zeigt das unterdurchschnittliche Wachstum der letzten fünf Jahre noch immer alle Anzeichen einer typisch schleppenden Erholung von einer tiefen, systemischen Finanzkrise, wie Carmen Reinhart und ich in unserem 2009 erschienenen Buch Dieses Mal ist alles anders darlegen.

Selbstverständlich sind nach einer Finanzkrise Strukturreformen von ebenso entscheidender Bedeutung wie Strategien zur Erhaltung der Gesamtnachfrage in Zeiten der wirtschaftlichen Erholung. Der aus meiner Sicht schwerste Fehler der Wirtschaftspolitik nach 2008 bestand in der Unfähigkeit der Staaten, kreative Möglichkeiten zur Abschreibung untragbarer Schulden, beispielsweise auf dem US-Hypothekenmarkt und der europäischen Peripherie, zu finden. Dazu zählt auch, dass man es verabsäumte, öffentliche Schuldtitel zu begeben, wo dies zur Erleichterung der Restrukturierung notwendig gewesen wäre, vor allem wenn man dadurch die gesamten Schulden einer Ökonomie (oder der Eurozone) hätte verringern können.

Doch Summers hat sicher recht, dass Investitionen in produktive Infrastruktur der einfachste Weg wären. Allem politisch aufgeladenen und polemischen Unsinn zum Trotz sollten die Regierungen natürlich den langfristigen Kurs der Staatsschulden im Auge behalten. Doch Investitionen in produktive Infrastruktur, die langfristiges Wachstum schaffen, zahlen sich aus, weswegen nicht unbedingt ein Konflikt zwischen kurzfristiger Stabilisierung und langfristiger Tragbarkeit von Schulden entstehen muss. Angesichts aktuell ultraniedriger Zinsen und hoher Arbeitslosigkeit sind öffentliche Investitionen kostengünstig, und zahlreiche Projekte versprechen hohe Rentabilität: die Reparatur von Brücken und Straßen, die Modernisierung völlig veralteter Stromnetze und die Verbesserung von Massentransportsystemen, um nur einige prominente Beispiele zu nennen.

Außerdem ist es alles andere als klar, warum praktisch die gesamte Infrastruktur öffentlich finanziert werden muss. Es bestehen noch immer enorme und nicht genützte Privatvermögen, die rasch mobilisiert werden könnten, um produktive Infrastrukturmaßnahmen zu unterstützen. Der Staat muss vor Beginn der Bautätigkeiten mit Wegerechten helfen und danach mit strikten Bestimmungen für den Schutz des öffentlichen Interesses sorgen.

Während seiner ersten Amtszeit regte US-Präsident Barack Obama die Schaffung einer Infrastruktur-Bank zur Förderung von öffentlich-privaten Partnerschaften an. Das ist noch immer eine gute Idee, vor allem wenn die Bank über professionell agierende Mitarbeiter verfügen würde, die die Interessen der Öffentlichkeit im Hinblick auf Kosten und Nutzen unterstützend leiten. Selbst wenn sich die keynesianischen Multiplikatoren wirklich an der oberen Grenze dieses Konsenses befinden, bietet die Mobilisierung privaten Kapitals für Investitionen auch die meisten Vorteile der Begebung von öffentlichen Schuldtiteln.

Eine Einschränkung ist angezeigt. Manche Kommentatoren weisen darauf hin, dass der Hauptgrund für den langfristigen Abschwung sowie auch die wichtigste Erklärung ultraniedriger Zinsen die geringen Geburtenraten in den Industrieländern sind. Wenn das zutrifft, wären die Argumente für jede Art von Investitionen - öffentlich oder privat - etwas komplexer. Um Kapital einzusetzen, bedarf es Arbeitskräften. Doch ich vermute, dass niedrige Geburtenraten nicht die Hauptursache für das derzeitig langsame Wachstum und die niedrigen Zinssätze sind, wodurch sie kein Hindernis darstellen sollten. (Kenneth Rogoff, DER STANDARD, 4.1.2014)

Kenneth Rogoff ist ehemaliger Chefökonom des IWF sowie Professor für Ökonomie und Public Policy an der Universität Harvard. © Project Syndicate, 2013. Übersetzung: Helga Klinger-Groier

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