Wie reich ist Österreich: Die Vermessung des Wohlbefindens

4. Jänner 2014, 09:52
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Die Kennzahl des Bruttoinlandsproduktes liefert eine schnelle Antwort, greift jedoch für viele Ökonomen zu kurz

Mit Glück und Zufriedenheit hat die Ökonomie wenig am Hut. Als "dismal science", trostlose Wissenschaft, ist sie im englischen Sprachraum verschrien. Doch die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise hat auch die Einstellung von so manchem Volkswirt erschüttert. Plötzlich ist die Glücksforschung in aller Munde, "Happiness"-Indikatoren werden erhoben, und statt des Wirtschaftsprodukts steht das Wohlbefinden im Zentrum ökonomischer Studien.

Foto: AP/Stratenschulte

Im Kern geht es um eine große Kluft. Das Bruttoinlandsprodukt, eine Kennzahl über die in einer Volkswirtschaft produzierten Güter und Dienstleistungen, ist zwar ein guter Maßstab für die wirtschaftliche Entwicklung und der zentrale Maßstab für die Politik, aber nicht wirklich für die Zufriedenheit und den Wohlstand der Bürger in einer Gesellschaft. Vom BIP-Wachstum muss der Durchschnittsbürger noch nichts haben. Auch die Aufräumarbeiten nach einer Naturkatastrophe sind etwa gut fürs BIP. Dienstleistungen hingegen, die in der Familie erbracht werden, werden dafür beim BIP statistisch nicht erfasst.

"Das BIP war nie als Wohlstandsindikator konzipiert", sagt Paul Schreyer. "Der ganze Lebensbereich außerhalb des Marktes wird nicht im BIP abgebildet." Der Österreicher ist stellvertretender Leiter des OECD-Statistikdirektorats.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung veröffentlicht mit dem Bericht "How's Life" eine der zentralen Studien, die sich mit der Wohlstandsdefinition abseits des BIP beschäftigen. Darüber hinaus erarbeitet die OECD einen Better Life Index.

Österreich alternativ gesehen

Nach dem traditionellen BIP ist Österreich das zweitreichste Land der Europäischen Union, mit knapp 33.000 Euro pro Kopf an Wirtschaftsleistung, mehr schafft nur Luxemburg. Das geht aus Zahlen von Eurostat hervor, die kaufkraftbereinigt sind.

Doch ein Blick hinter das BIP offenbart auch so manche Schwäche: Dem Standard liegt exklusiv eine Studie zur österreichischen Wohlstandssituation vor, der NeuWInd ("Neuer Wirtschaftsindikator"). Die Studie wurde von Peter Hajek, Meinungsforscher und Geschäftsführer der Peter Hajek Public Opinion Strategies, und Josef Obergantschnig, Gründer der Agentur für Risikomanagement, Unternehmensentwicklung und Standortsicherung (Arus), berechnet. Die beiden zeigen, dass Österreich zwar aktuell gut dasteht, allerdings bei zukunftsweisenden Bereichen ins Hintertreffen geraten ist:

Der Indikator NeuWInd ist in einem zweistufigen Prozess entstanden. Erstens fragte Meinungsforscher Hayek, was denn für die Österreicher wichtig ist für Zufriedenheit und Glück. Das Ergebnis der Umfrage: Das soziale Umfeld, die persönliche Gesundheit und die berufliche Tätigkeit hätten den größten Einfluss auf das Glücksempfinden. Das wirtschaftliche Umfeld kommt ebenso auf den hinteren Rängen wie die finanzielle Situation der Befragten oder aber auch die Sicherheitslage. "Doch in vielen Bereichen wie der Arbeitssituation spielen Wirtschaftsfragen eine wichtige Rolle", betont Obergantschnig.

In einem zweiten Schritt wurden die Indikatoren für die zwölf Themenfelder erhoben, die der Bevölkerung wichtig sind: etwa für den Bereich Fairness die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen. Für den Bereich Arbeitsmarkt wurden die Arbeitslosigkeit, die Jugendarbeitslosigkeit und die Erwerbsquote herangezogen. Aus den Indikatoren wurde für alle EU-Länder eine Gesamtziffer errechnet.

"Bei den vergangenheitsbezogenen Indikatoren schneidet Österreich sehr gut ab", sagt Obergantschnig zum Ergebnis. Das lasse sich etwa an der geringen Arbeitslosigkeit oder der relativ geringen Armutsgefährdung ablesen. Doch bei zukunftsgewandten Kennzahlen rangiert Österreich immer wieder schwächer im EU-Vergleich: Etwa bei Unternehmensgründungen, den gesamten Bildungsjahren oder der Kinderbetreuung schneidet Österreich schlechter ab. Auch beim Korruptionsindex hat es zuletzt ein deutliches Absacken gegeben. "In einigen zukunftsträchtigen Bereichen sieht man Nachholbedarf", urteilt Obergantschnig. Gerade die skandinavischen Länder wie Schweden oder Dänemark würden es schaffen, bei beiden Kategorien die vorderen Plätze zu belegen.

Auch das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und die Statistik Austria ermitteln neue Indikatoren, die neben dem BIP auch andere Kennzahlen zum gesellschaftlichen Wohlstand ermitteln. Dazu zählen etwa Umweltindikatoren. "Österreich steht auch nach alternativen Maßstäben gut da", sagt zwar Wifo-Chef Karl Aiginger. Doch auch er sieht eine Reihe von Verbesserungsmöglichkeiten, vom Bildungs- bis zum Gesundheitsbereich.

So könnte etwa für Gesundheitsfragen stärker auf die "gesunden Lebensjahre" Bezug genommen werden, nicht nur auf die Ausgaben für das Gesundheitssystem oder die Lebenserwartung. Das sollten auch die neuen Leitplanken für die Politikgestaltung sein. "Die Politik sollte stärker an den alternativen Indikatoren gemessen werden", sagt Aiginger. (Text: Lukas Sustala, Grafik: Florian Gossy, DER STANDARD, 4.1.2014)

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