Lost & Found

Glosse7. Jänner 2014, 05:30
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Weil es sie nicht mehr gibt, darf ich ihren einst stolzen Namen nennen: Sabena. Auch ich bin im Winter 2000, für wenige Monate ein "Sabeniene" und trage die blaue Uniform einer der ältesten Fluggesellschaften Europas. Allerdings fliege ich kein einziges Mal mit der SABENA, sondern sitze am Lost-And-Found-Schalter in Wien Schwechat

Wem es schon mal nach einem Flug geschehen ist, dass sein Gepäck nicht auf dem Förderband steht, kennt die Prozedur. Man geht zum L&F-Schalter und bekommt die Chance von 99,8 Prozent, dass das verlorene Gepäck wieder gefunden wird. Allerdings müssen wir Sabenienes für dieses Happy-Ending manchmal Schwerwiegendes ertragen.

Donna Pompadura

Knapp vor dem Untergang beider, beschließen Swissair und Sabena die Fusion, wobei das L&F-Ressort von uns Blauröcken betreut wird. Und die frisch gebaute, neueste, modernste und intelligenteste Anlage zur Gepäcksortierung, die damals in Zürich steht, beschert uns eine Menge Arbeit. Weil sie 99,8 Prozent aller Gepäckstücke ins Nirwana, statt nach Wien schickt. So bilden sich bei jedem Flug der aus oder über Zürich führt, lange Schlangen vor unseren Schaltern.

Die meisten dieser schlecht aufgelegten Reisenden sind trotz Unbill geduldig und vernünftig. Doch manche sind schlicht der Meinung, ich persönlich hätte ihren Koffer verloren. Und diese benehmen sich nicht geduldig und vernünftig. So wie eine sehr geschminkte, sehr botoxhaltige und zum platzen aufsilikonierte Dame aus dem fernen Medellin. In Kolumbien. Donna Pompadura – so beschließe ich sie zu nennen, als ich sie in der Warteschlange erblicke – beharrt darauf, ich solle ihren Koffer sofort finden, und nicht erst in zwei Stunden, wenn die nächste Maschine aus Zürich, die ihr Gepäck bereits an Bord hat, in Wien landet.

Als Donna Pompadura mit ihren Fäusten auf mein Pult zu schlagen beginnt, klimpern die vielen Armreife auf ihren Handgelenken lauter, als zehn Sekunden davor, als sie versucht mir die Augen auszukratzen. Zwei Jungs der Security müssen Pompadura mit Pfefferspray und Polizei drohen, bevor sie sich zum Taxi begleiten lässt. Etwas später, Pompadura ist wohl gerade in ihrem Hotelzimmer angekommen, beginnt sie meinen L&F-Schalter mit Anrufen zu bombardieren. Beim Ersten lege ich auf, als sie sagt, sie sei eine sehr mächtige Frau. Beim Zweiten, lege ich auf, als sie mir mit einem kolumbianischen Killerkommando droht. Beim Dritten Anruf hebt Valdez, mein Supervisor, der fließend Spanisch spricht, den Hörer ab. Er legt auf, als Pompadura auf seine Mutter zu sprechen kommt. Schweigend deaktiviert Valdez meinen Telefonanschluß.

Herr und Frau Nervensäge

Die meisten unserer "Kunden" sind einsichtig. der zeitweilige Gepäckverlust sei zwar ein Ärgernis, aber ein minderes, zumal ja schon beim nächsten Flug all die verlorenen Koffer, Trolleys, Taschen und Rucksäcke auftauchen und kostenlos zum Wohnort zugestellt werden.

Doch erstaunlich viele dieser einsichtigen Menschen greifen trotzdem zum Telefon und rufen meinen Schalter an. Genau zu der Sekunde, zu der laut Flugplan, die nächste Maschine aus Zürich gerade erst mit ihren Reifen beim Landen den Runway von Schwechat schwarz rubbelt. Und wollen wissen, ob ihr Gepäck schon im Taxi nach Amstetten, Simmering oder Wiener Neustadt ist.

Während ich Dutzenden ganz normaler Menschen erkläre, dass Geschwindigkeit bei uns in der Fliegerei ganz viel mit Weg und vor allem mit Zeit zu tun hat, bildet sich vor meinem Schalter wieder eine Schlange leicht verärgerter, aber meist einsichtiger und vernünftiger Menschen, deren Gepäck zwischenzeitlich auf das Züricher Förderband ins Nirwana geraten ist.

Blondie riecht gut

Tatsächlich nennt der Hundeführer seinen Polizeihund, wie einst Adolf Hitler seine Schäferhündin. In unregelmäßigen Abständen kommen "Adolf & Blondie" zu unseren Schaltern und in das Lager für die nicht abgeholten Gepäckstücke. Damit auch kein Gramm Suchtgift verloren geht, auch wenn die Besitzer ihre Koffer schon längst vergessen haben sollten.

Bei einem der Besuche von "Adolf & Blondie" bin ich neugierig. Ich frage den Hundeführer, ob ein L&F-Mitarbeiter, nicht der ideale Drogenkurier sei. Wir kommen ja durch die Schleuse mit unserer Magnetkarte, oft mit Rucksack oder Tasche. Ein Komplize müsste lediglich seinen Drogen-Koffer auf dem Förderband "vergessen". Dann bringt der fiktive L&F-Mitarbeiter, die Drogen aus der Sicherheitszone mit dem Taxi in unsere große, kalte Stadt. Ich sehe in meinem inneren Kino-Auge schon einen deutsch-österreichischen Actionfilm über einen armen Schlucker vom L&F, der in einer Treibjagd zwischen guten Cops, bösen Cops und Paulus Manker als psychopatischem Gangsterboss, aufgerieben wird.

"Adolf" hört mir aufmerksam zu, nickt und sagt: "Interessant". Blondie schnüffelt an meinem Hosenbein. Dann gehen beide. Schon zwei Tage später, als ich aus der Sicherheitsschleuse trete, hält mich "Adolf" auf. Dann schnuppert Blondie an meinem Rucksack, meinen Schuhen und meinem Mantel. Es dauert gut drei Wochen, bis "Adis" grinsendes Misstrauen verfliegt und er aufhört mir mit Blondie an der Schleuse aufzulauern.

Valdez kommt!

Mein Supervisor ist ein Sprachentalent. Ihrer acht spricht er fließend. Sein Stammbaum ist ein Migrations-Chaos denn Valdez Ahnen migrieren in nur zwei Generationen aus einem Nest an der dalmatinischen Adriaküste über Frankreich, Portugal und diverse Länder Südamerikas nach Alaska, wo es dem jungen Valdez zu kalt ist, weswegen er einfach nach Angola, Brasilien, Argentinien und Spanien migriert und später in Wien heiratet. Deutsch kann Valdez schon als Kind, weil einer seiner Stiefväter ein Deutscher ist.

Der große, blaue Himmel, ist Valdez einsame Liebe und so oft er kann, mietet er eine kleine Cessna und summt über Niederösterreich. Damit das Cockpit seines froschgrünen 2CV ein wenig heimeliger wird, baut Valdez noch einen Öldruckmesser und einen Öltemperaturthermometer neben das dürre Lenkrad ein. Seine Tochter soll Tristar heißen, so wie das Verkehrsflugzeug von Lockheed. Doch seine Frau spielt da nicht mit. Also heißt die Tochter jetzt Electra. Wie ein anderes Verkehrsflugzeug von Lockheed.

Wie es kommt, dass ausgerechnet Valdez ein übler Rassist und Antisemit ist, weiß ich nicht. Als er beginnt, mir zu erklären, warum man bei "Negern" und "Arabern" jeden Alters und beiderlei Geschlechts verpflichtende anal (und vaginal) "Durchsuchungen" bei der Einriese in die EU durchführen sollte und warum man Juden mit Zöpfen gar nicht erst einreisen lassen sollte, höre ich auf, mit Valdez privat zu kommunizieren. Kurz später kündige ich. (Bogumil Balkansky, 7.1.2014, daStandard.at)

  • Symboldrogenhund, nicht Blondie.
    foto: apa

    Symboldrogenhund, nicht Blondie.

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