Und ewig lockt das Eis

3. Jänner 2014, 18:03
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"Je dramatischer die damit verbundene Geschichte, desto teurer" gilt auch für Polar-Devotionalien

Es war nur eine der vielen Etappen der legendären Terra-Nova-Expedition (1910-13), die neben dem primären Ziel, (als Erster) den Südpol zu erreichen (siehe Wissen unten), auch die Erforschung der Polargebiete vorsah. Ein Teil der Mannschaft hatte sich im Juni 1911, also mitten im antarktischen Winter, auf den Weg zu einer Kolonie von Kaiserpinguinen gemacht. 97 Kilometer später galt es angebrütete Eier einzusammeln, um über die embryonale Entwicklung den Hinweis auf das Missing Link in der Evolution von Vögeln und Reptilien zu untersuchen.

Der Assistenz-Zoologe Cherry-Garrard und seine zwei Kollegen mussten ihre Transportschlitten mit einem Gesamtgewicht von etwa 400 Kilogramm und bei Temperaturen von bis zu minus 60 Grad selbst ziehen. In ihrer steif gefrorenen Kleidung kamen sie jedoch zeitweise weniger als drei Kilometer pro Tag voran: "Wären wir in Blei gekleidet, könnten wir unsere Arme und Köpfe besser bewegen als jetzt", notierte er rückblickend.

Diese Episode ist repräsentativ für die Widrigkeiten, die von damaligen Forschern heldenhaft überwunden werden mussten, woraus sich die spätere Bezeichnung "Heroic Age" ableitete. Im Gegensatz zu Expeditionsleiter Robert Falcon Scott und anderen Teammitgliedern überlebte Cherry-Garrard die Torturen.

Sein in Buchform publizierter Reisebericht (The Worst Journey in the World) zählt heute als Klassiker der Polarliteratur und in der Fachwelt als eine der besten und eindringlichsten Darstellungen. Aus heutiger Sicht mögen Aufwand und Ergebnis in keinerlei Verhältnis stehen, aber genau dies macht den Reiz und die Faszination aus den Pioniertagen der Polarforschung aus. Das erklärt, warum darauf spezialisierte Sammler - sofern Erinnerungsstücke der 16 zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und den 1920er-Jahren durchgeführten Expeditionen auf den Markt kommen - für Devotionalien Tausende von Euros springen lassen. Je dramatischer die Geschichte, je authentischer der Gegenstand, desto frenetischer das in Londoner Auktionssälen ausgetragene Bietgefecht. Und Terra-Nova-Objekte gehören zu den teuersten überhaupt.

Beispielhaft dafür stehen seit 2010 erzielte Spitzenwerte: darunter 67.250 Euro für 28 Briefe, die Cherry-Garrard vom Anfang bis zum bitteren Ende der Expedition an seine Mutter schrieb, oder etwas mehr als 200.000 Euro für drei Alben mit insgesamt mehr als 800 Abzügen des Expeditionsfotografen Herbert Pointing (Christie's). Den letzten Brief, den Scott wenige Tage vor seinem Tod im März an einen seiner Finanziers verfasste, ließ sich eine leidenschaftliche Privatsammlerin (bei Bonhams) wiederum stattliche 195.000 Euro kosten. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 4./5./6.1.2014)

Wissen: Antarktis-Expeditionen 1910-1917

Das "Goldene Zeitalter der Antarktisforschung" ist vor allem durch den Wettstreit zwischen einem Briten und einem Norweger in Erinnerung: Robert Falcon Scotts Terra-Nova-Expedition (1910-13) erreichte den geografischen Südpol am 18. Jänner 1912, Roald Amundsens Fram-Expedition (1910-12) jedoch schon 35 Tage zuvor. Während Amundsen in seiner Heimat als Held gefeiert wurde, überlebten Scott und seine vier Begleiter den Rückmarsch nicht. 1914 setzte sich der Brite Ernest Shackleton die erstmalige Antarktis-Durchquerung zum Ziel. Die Imperial Trans-Antarctic Expedition (1914-17) bestritten zwei Mannschaften: Während Shackleton mit der Endurance ins Weddell-Meer segelte, um von dort aus die Tour zu starten, sollte die Ross Sea Party (Kapitän Aeneas Mackintosh) mit der Aurora zur gegenüberliegenden Seite der Antarktis reisen und Versorgungsdepots anlegen. Shackleton erreichte sein Ziel jedoch nie: Die Endurance wurde vom Packeis zerdrückt, ein Teil der Crew verblieb auf Elephant Island, der Rest fuhr im Rettungsboot zur Insel Südgeorgien und fand in einer Walfangstation Hilfe. Die Mitglieder der Ross Sea Party - auch "Shackletons vergessene Männer" genannt - hatten weniger Glück: Im Mai 1915 riss bei einem Sturm die Verankerung der Aurora und trug sie mitsamt der Eisscholle hinaus aufs Meer. Die an Land verbliebene Mannschaft konnte im Jänner 1917 teils gerettet werden, drei der zehn Teammitglieder waren jedoch bereits verstorben. (dmz/kron)

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Dokumente des Scheiterns

  • Im Herbst 2011 gelangte ein Tagebuch von Robert Falcon Scotts zur Versteigerung. Zeitlich dokumentiert es die Vorbereitungen zur Terra Nova Expedition (1910-1913) und war einem Käufer umgerechnet 31.650 Euro wert.
    foto: christie's

    Im Herbst 2011 gelangte ein Tagebuch von Robert Falcon Scotts zur Versteigerung. Zeitlich dokumentiert es die Vorbereitungen zur Terra Nova Expedition (1910-1913) und war einem Käufer umgerechnet 31.650 Euro wert.

  • Der britische Polarforscher und Leiter der Terra Nova Expedition überlebte diese nicht: 100 Jahre später wechselte sein Kompass für umgerechnet 47.000 Euro in Privatbesitz.
    foto: christie’s

    Der britische Polarforscher und Leiter der Terra Nova Expedition überlebte diese nicht: 100 Jahre später wechselte sein Kompass für umgerechnet 47.000 Euro in Privatbesitz.

  • 2010 wechselte die originale britische Flagge, die schon bei der Discovery-(1901-1904) und später bei der Terra Nova Expedition zum Einsatz gelangte, für stolze 86.700 Euro den Besitzer.
    foto: christie’s

    2010 wechselte die originale britische Flagge, die schon bei der Discovery-(1901-1904) und später bei der Terra Nova Expedition zum Einsatz gelangte, für stolze 86.700 Euro den Besitzer.

  • Auch der Polarforscher Lawrence Oates sollte das Terra Nova Abenteuer nicht überleben. Als sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, wählte er an seinem 32. Geburtstag quasi den Freitod. Er verließ das Zelt und seine Kameradem mit den berühmten letzten Worten "Ich gehe nur raus und könnte etwas länger brauchen". Sein Leichnam wurde nie gefunden. Die Hülle seines Schlafsacks ersteigerte ein Sammler 2010 für umgerechnet 37.000 Euro.
    foto: christie’s

    Auch der Polarforscher Lawrence Oates sollte das Terra Nova Abenteuer nicht überleben. Als sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, wählte er an seinem 32. Geburtstag quasi den Freitod. Er verließ das Zelt und seine Kameradem mit den berühmten letzten Worten "Ich gehe nur raus und könnte etwas länger brauchen". Sein Leichnam wurde nie gefunden. Die Hülle seines Schlafsacks ersteigerte ein Sammler 2010 für umgerechnet 37.000 Euro.

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