Eine aussterbende Spezies

Blog3. Jänner 2014, 09:39
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Die Eishockey-Liga kommt seit knapp acht Jahren ohne österreichische Trainer aus, eine Ausbildungsoffensive soll diese Durststrecke beenden

Die Neugründung der österreichischen Eishockey-Liga im Jahr 2000, als sich de-facto die damals einzigen noch verbliebenen Profivereine KAC und VSV der zweiten Leistungsklasse anschließen mussten, stellt eine Zäsur in der Entwicklung des Ligensystems der Alpenrepublik dar. Diese brachte auch massive Veränderungen am Transfermarkt mit sich: Von der Saison 1999/00 zur Spielzeit 2000/01 hat sich die Zahl an mit österreichischen Spielern besetzten Arbeitsplätzen im (sportlich dann freilich deutlich schwächeren) Oberhaus mehr als verdreifacht. Durch die internationale Öffnung der seit Oktober 2005 vom ÖEHV gelösten EBEL sowie die Einführung der Punkte- und Kaderregel wandelte sich die Marktsituation für österreichische Spieler erneut, sie ist heute trotz einzelner kontraproduktiver Aspekte im Regelwerk stabiler als je zuvor im modernen Eishockey-Zeitalter. In der laufenden Saison setzte jeder der acht rot-weiß-roten Profiklubs im Schnitt 18 für das Nationalteam spielberechtigte Cracks ein.

Seit 2006 kein Österreicher mehr

Während die Anzahl einheimischer Spieler in der EBEL zuletzt weitestgehend konstant blieb, sind österreichische Trainer nahezu gänzlich von der Bildfläche verschwunden. Von den 91 Coaches, die seit 2000 in Begegnungen der höchsten Spielklasse an der Bande standen, wurden nur 14 in Österreich geboren, rund die Hälfte davon fungierte lediglich als Interimslösung. Seit der Beurlaubung Kurt Harands beim EHC Linz im Februar 2006 wurde kein einziger gebürtiger Österreicher mehr zum Head Coach eines EBEL-Teams ernannt.

Den Stil des in der Liga gespielten Eishockeys prägen nordamerikanische Trainer, aus Kanada und den USA stammende Übungsleiter kommen seit dem Jahr 2000 auf mehr als 3.800 EBEL-Karrierespiele - mehr als das Zehnfache aller rot-weiß-roten Coaches zusammen (375 Einsätze). Erst in den letzten Jahren verstärkt hat sich der Trend, nordeuropäische Instruktoren anzustellen: Immerhin ein Drittel der derzeitigen Cheftrainer in der Liga stammt aus den beiden Vorzeige-Eishockeynationen Schweden und Finnland.

Wenig Vertrauen, schlechte Ausbildung

Österreichische Trainer gehören in der Erste Bank Eishockey Liga nicht zu einer bedrohten, sondern faktisch bereits zu einer ausgestorbenen Spezies. Ein ähnlicher Trend - Imports auf Schlüsselpositionen - lässt sich zwar auch für die Situation am Eis skizzieren (z.B. Besetzung der vorderen Sturmlinien, der Powerplay-Formationen oder der Torhüter-Positionen), dort kommen jedoch zumindest noch teilweise einheimische Akteure zum Zug.

Dass die österreichischen Profiklubs in der Alpenrepublik geborenen und geschulten Coaches wenig bis kein Vertrauen entgegenbringen, überrascht nicht: Das Niveau der Trainerausbildung hierzulande hinkt seit Jahrzehnten jenem größerer europäischer Eishockeynationen hinterher. Trainer wurden und werden in der Regel ehemalige Spieler, an die nur geringe formelle Anforderungen hinsichtlich Aus- und Weiterbildung gestellt werden und die dadurch dazu tendieren, lediglich die Erfahrungen aus ihren (oft längst vergangenen) Zeiten als Aktive zu reproduzieren. Diesen fortschrittsfeindlichen und innovationshemmenden Kreislauf durchbrach erst der im Sommer 2012 zum ÖEHV-Sportdirektor ernannte Alpo Suhonen. Bereits in seiner Antrittspressekonferenz erhob der Finne die Verbesserung der Trainerausbildung zum Kernthema seiner Amtsführung.

Internationales Input

Der erste große Schritt am initiierten Reformweg war die Etablierung der Coaches Clinics, den turnusmäßigen Treffen aktiver Trainer verschiedener Levels (EBEL, Nationalteams, Auswahlmannschaften), bei denen neben gegenseitigem Erfahrungsaustausch vor allem die Weiterbildung im Vordergrund steht. Parallel arbeitet der ÖEHV an einer Modernisierung und Ausdifferenzierung der Inhalte der formellen Trainerausbildung aller Ebenen. Wesentliche Impulse holt sich der Verband dabei aus dem Ausland: Im Januar werden die Ausbildungschefs der Verbände der Schweiz und Finnlands in Österreich zu Gast sein und in Workshops Verbesserungsvorschläge liefern.

Suhonens professionelle und profunde Herangehensweise und die von ihm bereits eingeleiteten Maßnahmen legen die Vermutung nahe, dass mittelfristig deutlich besser qualifizierte Coaches aus dem Schulungssystem hervorgehen werden. Doch damit wären erst die formellen Grundlagen geschaffen, wie der ÖEHV-Sportdirektor im Gerspräch mit derStandard.at betont: "Effektiv lernen kann man nur bei der tatsächlichen Ausübung des Trainerberufs, also muss es unser Ziel sein, die Anzahl der österreichischen Coaches zu steigern. Dazu müssen wir auch Modelle entwickeln, mit deren Hilfe es uns gelingt, mehr ehemalige Spieler und deren Erfahrungsschatz in unser System zu integrieren."

Ein österreichischer Co-Trainer pro Klub

Angefangen hat der Verband dabei in den eigenen Reihen, zur laufenden Spielzeit wurden sämtliche Nachwuchs-Nationalteams mit rein österreichischen Trainerstäben besetzt. Der Großteil dieser Coaches sind Ex-Spieler, so führen mit Dieter Kalt, Christoph Brandner, Reinhard Divis und Herbert Hohenberger gleich vier der sechs Mitglieder des "ÖEHV-Jahrhundertteams" die U20-Auswahl. Der nächste Schritt gilt nun dem Klubeishockey: "In der EBEL gibt es sehr viele gute und erfahrene Trainer, gleichzeitig aber nur sehr wenige Österreicher. Unser Ziel ist es, dass mittelfristig in jedem unserer Profiklubs mindestens ein Österreicher als Assistenztrainer arbeitet", so Suhonen.

Als solcher bewährt hat sich in den letzten Jahren Philippe Horsky bei den Vienna Capitals, dem es in absehbarer Zeit ebenso wie Dieter Kalt zuzutrauen ist, auch als Head Coach eines EBEL-Teams erfolgreich sein zu können. Mit Mario Kogler (Thurgau), Paul Ullrich (Vienna Capitals), Alexander Mellitzer (KAC) oder Martin Hohenberger drängen weitere, noch recht junge Trainer nach, die sich in den vergangenen Monaten und Jahren - teilweise durchaus überraschend - einen guten Namen in der Szene gemacht haben.

Gelingt es Alpo Suhonen, den eingeschlagenen Weg einer reformierten und modernisierten Trainerausbildung im Verband fortzusetzen, werden sich über kurz oder lang auch wieder österreichische Trainer für Anstellungen in der Erste Bank Eishockey Liga aufdrängen. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 3.1.2014)

  • Im Februar 2006 wurde Kurt Harand in Linz beurlaubt, seither wurde kein in Österreich geborener Coach mehr Cheftrainer eines EBEL-Klubs.
    foto: apa/fohringer

    Im Februar 2006 wurde Kurt Harand in Linz beurlaubt, seither wurde kein in Österreich geborener Coach mehr Cheftrainer eines EBEL-Klubs.

  • Die "Top Ten" der 91 seit Liganeugründung (2000) in der EBEL aktiven Trainer, gelistet nach der Anzahl ihrer Spiele.

    Die "Top Ten" der 91 seit Liganeugründung (2000) in der EBEL aktiven Trainer, gelistet nach der Anzahl ihrer Spiele.

  • Alpo Suhonen, ehemaliger Nationaltrainer Finnlands und Head Coach der Chicago Blackhawks, weist die neuen Wege in der Trainerausbildung.
    foto: apa/fohringer

    Alpo Suhonen, ehemaliger Nationaltrainer Finnlands und Head Coach der Chicago Blackhawks, weist die neuen Wege in der Trainerausbildung.

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