Textilproduktion in Billigländern: Der Kampf geht weiter

Kommentar2. Jänner 2014, 17:03
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Die Regierung in Kambodscha hofiert chinesische Investoren

Wer einen Sportschuh von Adidas im Winterschlussverkauf ergattert, hält ziemlich sicher ein Produkt aus Kambodscha in den Händen. Ebenso ist es der Pullover von Puma oder die Jeans von Levi’s. Auch die Firmen Hennes & Mauritz, Hofer, Lidl und Eduscho lassen viele ihrer Produkte in dem ostasiatischen Königreich herstellen. Fast 800 Textil- und Schuhfabriken befinden sich in einem der ärmsten Länder der Welt, Hauptabnehmer sind die USA und Europa.

Anders als Indien oder Bangladesch, wo 2012 mehr als 1100 Fabrikmitarbeiter bei einem Gebäudeeinsturz starben, galt Kambodscha lange als Produktionsland mit ethischer Basis: Ende der 1990er-Jahre wurde der Mutterschutz eingeführt, Kinderarbeit für unter 15-Jährige ist seither verboten. Zusammen mit Löhnen, die unter dem Niveau von China liegen, avancierte die Textilindustrie mit fünf Milliarden US-Dollar Jahresumsatz zur wichtigsten Exportindustrie der Nation.

Was nicht mitgewachsen ist, sind die Mindestlöhne. Selbst mit der im Dezember verkündeten Erhöhung von 80 auf 95 US-Dollar (70 Euro) im Monat können die Lebenskosten der rund 600.000 Näherinnen und Näher nicht abgedeckt werden. In Kambodscha fehlt es an Infrastruktur, der Großteil der Waren muss teuer aus dem Ausland importiert werden.

Im Gegensatz dazu profitieren ausländische Investoren - allen voran Chinesen, denen ein Großteil der Textilfabriken gehört - von den „Special Economic Zones“ der kambodschanischen Regierung: Massenproduktion im Akkord wird durch Steuernachlässe, günstigen Strom und lokale Arbeitskräfte zum Nulltarif gefördert.

Billiger als Thailand und China

Nicht erst seit zwei Wochen, sondern schon das ganze Vorjahr hindurch protestieren die Arbeiter für angepasste Löhne. Dass die Hälfte der Bevölkerung sechs Tage die Woche oft 12 Stunden am Tag arbeitet und trotzdem in Armut lebt, ist sozialer Sprengstoff. Tausende Arbeiterinnen brachen in den vergangenen zwei Jahren ohnmächtig vor Erschöpfung zusammen, weil sie mit Überstunden über die Runden kommen wollen.

116 Euro Mindestlohn im Monat fordern die Gewerkschaften. Die Regierung antwortet darauf mit Schlagstöcken und Elektroschockern, die Textilindustrie warnt mit Abwanderung in noch billigere Länder. Doch viele Eldorados der Billigproduktion bleiben nicht mehr übrig, auch Thailand und China lassen mittlerweile in Kambodscha produzieren. 

Ein Imageschaden ist immer noch der Albtraum jedes Konzerns. Das Entsetzen, dass der Fabrikeinsturz in Bangladesch bei vielen Konsumenten ausgelöst hat, führte zu einer Reihe von Verbesserungen. Zahlreiche große Modeketten wie C&A oder Primark verpflichteten sich zu strengeren Gebäudeschutzregeln und kündigten Verträge mit windigen Produzenten.

Mit dem gleichen Druck sollten wir Konsumenten auch auf Gewalt und Repression reagieren, mit der Löhne unter dem Existenzminium erzwungen werden. Und wenn sich die Konsumenten ihrer Rolle bewusst werden und ein paar alte Einkaufsgewohnheiten überdenken, könnte sich noch mehr zum Besseren wenden.  (Julia Herrnböck, derStandard.at, 2.1.2014)

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