"Der Tumor in diesem Körper, der Syrien heißt"

Interview3. Jänner 2014, 05:30
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Regisseur Mano Khalil erzählt in seinem Dokumentarfilm "Der Imker" von einem kurdischen Flüchtling, der sich den Respekt nicht nehmen lässt

STANDARD: Ihr Bruder floh mit seiner Frau und fünf Kindern aus Syrien in ein irakisches Flüchtlingslager. Wie geht es ihm?

Khalil: Gut, ich habe heute mit ihnen telefoniert. Momentan warten sie auf die Reise in die Schweiz. Im Flüchtlingslager ist es sehr kalt geworden, es sind extrem schwierige Bedingungen. Ich war Mitte November dort. Es gibt Tausende von Kindern, die völlig alleine sind - es ist unmenschlich zu wissen, dass ich nichts für sie tun, sondern nur versuchen kann, meine eigene Familie zu retten. Was mithilfe der Schweizer Regierung nun doch geglückt ist.

STANDARD: Verstehen Sie Europa in der Flüchtlingsthematik?

Khalil: Ich verstehe die Schweizer Regierung ein wenig. Es sind Tausende, die aus den unterschiedlichen Ländern kommen, dazu die katastrophale Situation in Lampedusa. Und man weiß, man kann nicht 24 Millionen Syrer nach Europa bringen. Das Fürchterliche daran ist: In Syrien herrschte keine Not, es gab keinen Hunger - die Menschen wollten in Freiheit leben, aber niemand hat ihnen dabei geholfen. Und nun ist es zu spät. Es ist wie ein Krebsgeschwür, wir hätten diesen Tumor von Anfang an entfernen müssen. Aber es war niemand daran interessiert. Und nun steht man vor dieser Flüchtlingssituation. Die Schweiz nimmt ein paar auf, Länder wie Österreich 500, das ist ein Tropfen im Meer. Wer sind denn diese 500? Wer bestimmt das?

STANDARD: Ibrahim Gezer, jener Imker, den Sie in Ihrem Film porträtieren, ist in seinem Dorf in der Türkei ein hochgeachteter Mann. Aufgrund des politischen Engagements von drei seiner Kinder muss er fliehen, und plötzlich wird ihm in der Schweiz der Stempel "Flüchtling" aufgedrückt. Darauf und auf die gesellschaftlichen Konsequenzen war er nicht vorbereitet. Eine Situation, die vergleichbar ist mit jener Ihres Bruders?

Khalil: Ich selbst bin seit 27 Jahren in Europa, habe in Bratislava Filmregie studiert und lebe seit 16 Jahren in Bern. Nach Syrien konnte ich nicht mehr, dort habe ich einen einzigen Film gedreht. Mein Bruder ist in Syrien geblieben, er führte ein normales Leben, ein gutes Leben. Plötzlich aber mussten er und seine Familie innerhalb von zehn Minuten fliehen. Erinnerungen, Fotos, Kleider, Vermögen, er musste alles zurücklassen. Und das ist tatsächlich wie im Imker. Weder Ibrahim noch mein Bruder haben je damit gerechnet, einmal fliehen zu müssen.

STANDARD: Es gibt eine Szene, die deutlich macht, wie viel man in so einer Situation vor allem an Würde verliert: als der Imker in einer Fabrik Schweizer Kräuterbonbons einpacken "darf". Er sei doch so gerne in der Natur, sagt der Beamte gar nicht zynisch, sondern wirklich wohlmeinend.

Khalil: Genau das wird jetzt womöglich auch mein Bruder durchmachen: Er ist jetzt einmal in Sicherheit - aber was kommt danach? Ich befürchte, dass er nicht so rasch nach Syrien zurückkann, und ich bin sicher, auch er wird in einem Beschäftigungsprogramm arbeiten müssen, damit er und seine Familie heißes Wasser und warmes Essen haben. Aber das ist dann auch alles. Darüber hinaus gibt es wenig.

STANDARD: Sie sind syrischer Kurde. Welche Rolle spielen Kurden in diesem Konflikt? Wollten sie sich möglichst lange heraushalten?

Khalil: Zwar sind die Kurden in Syrien als Minderheit Repressionen ausgesetzt. Gleichzeitig ging von den Kurden für Assad nie eine Gefahr aus. Als nun die Aufstände gegen das Regime begannen und Menschen für Freiheit und Demokratie auf die Straße gingen, da sah Assad auch eine Chance für sich darin, diese Auseinandersetzung rasch zu einem "Bruderkrieg" zu machen. Er spielte Gruppen gegeneinander aus, versprach syrischen Kurden etwa, ihre Dörfer nicht anzugreifen, und so weiter. Und ja, viele Kurden dachten, sie könnten sich heraushalten aus diesem Konflikt, vor allem aber wollten sie nicht gemeinsam mit Islamisten kämpfen. Deshalb hieß es, die Kurden seien auf der Seite des Regimes. Aber mittlerweile geht es ohnehin längst nicht mehr um das syrische Volk und Freiheit in Syrien: Mittlerweile kämpfen islamistische Terroristen aus Pakistan, Afghanistan, Saudi-Arabien, Jemen und Taliban-Krieger auf der einen Seite und auf der anderen Terroristen der libanesischen Hisbollah und irakische Milizen gegen das Volk.

STANDARD: Wie kann es weitergehen? Gibt es eine Lösung?

Khalil: Ich sehe schwarz, ich bin sehr pessimistisch, Syrien wird wohl eingeteilt werden in Regionen und unter Stammesvölkern aufgeteilt. Ich habe die Befürchtung, Syrien könnte das Somalia des Nahen Osten werden.

STANDARD: Können Sie sich vorstellen, auch die Situation Syriens - die ja auch die Ihrer eigenen Familie ist - filmisch zu bearbeiten?

Khalil: Doch, ja, ich habe auch schon vorgefühlt und habe eine Idee. Ich arbeite allerdings bis Mai 2014 noch an einem anderen Projekt, einem Spielfilm. Aber ich möchte auf alle Fälle über Syrien einen Film machen, ich warte ja darauf, nach Syrien gehen zu können.

STANDARD: Wann wird das sein?

Khalil: Das ist noch nicht absehbar - aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Wie gesagt, die einzige Chance wäre gewesen, gleich zu Beginn der Aufstände einzugreifen, das syrische Volk in seinem Freiheitskampf zu unterstützen. Nun aber ist der Tumor zu groß geworden in diesem Körper, der Syrien heißt. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 3.1.2014)

Mano Khalil wurde 1964 im kurdischen Teil Syriens geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und Geschichte in Damaskus, von 1987 bis 1994 Regie an der Film- und Fernsehakademie in Bratislava. Seit 1996 lebt er als Regisseur und Produzent in der Schweiz.

  • Hat nie damit gerechnet, einmal fliehen zu müssen: Ibrahim Gezer in der Doku "Der Imker".
    foto: bernfilm

    Hat nie damit gerechnet, einmal fliehen zu müssen: Ibrahim Gezer in der Doku "Der Imker".

  • Sieht für Syrien schwarz: Mano Khalil.
    foto: privat

    Sieht für Syrien schwarz: Mano Khalil.

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