Studie zu Arachnophobie: Angst steuert visuelle Verarbeitung im Gehirn

5. Jänner 2014, 11:58
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Keine Einbildung: Angstpatienten nehmen phobierelevante Reize stärker wahr als gesunde Menschen

Mannheim - Es klingt banaler als es ist: Wahrnehmung liegt im Auge des Betrachters. Psychologen der Universität Mannheim haben herausgefunden, dass Arachnophobiker Spinnen anders sehen als Menschen, die nicht an dieser Angststörung leiden. In ihrer Studie konnten die Forscher erstmals nachweisen, dass Angst die visuelle Verarbeitung im Gehirn steuern kann.

Dass der Mensch nur einen Bruchteil der Millionen von Sinnesreizen bewusst wahrnimmt, die sekündlich auf ihn einwirken, ist bekannt. Welche, entscheidet das Gehirn. Evolutionsbedingt filtert es vor allem jene Reize heraus, die für das Überleben wichtig sind – etwa Reize, die Gefahr signalisieren. Nur so ist es möglich, in Gefahrensituationen blitzschnell zu reagieren. 

Wahrnehmung ist keine Einbildung

Dieser Mechanismus gilt in besonderem Maße für Menschen mit Phobien, sei es die Angst vor engen Räumen, vor dem Autofahren oder vor Tieren wie großen Hunden oder Spinnen. Sie reagieren heftiger auf phobierelevante Reize als Menschen ohne diese Ängste. Personen mit Spinnenphobie berichten zudem häufig, dass sie die Tiere größer, beeindruckender und bedrohlicher wahrnehmen. Die Mannheimer Psychologen Georg Alpers und Antje Gerdes konnten nun zeigen, dass dies nicht nur Einbildung ist.

"Wir können mit unserer Studie belegen, dass phobierelevante Reize die visuelle Verarbeitung im Gehirn steuern. Es handelt sich bei den Angaben der Patienten also weder um Übertreibung noch um Einbildung", erklärt Alpers. "Alles deutet darauf hin, dass individuelle Unterschiede zwischen Menschen - in unserem Experiment waren es zwei Personengruppen - beeinflussen, wie sie ihre Umwelt wahrnehmen."

Spinnen häufiger, früher und länger wahrgenommen

In ihrer Studie testeten die Wissenschafter jeweils zwanzig Menschen mit und ohne Spinnenphobie. Dabei arbeiteten sie  mit der Methode der sogenannten binokularen Rivalität, bei der über ein Stereoskop jeweils auf das linke und das rechte Auge zwei unterschiedliche Bilder projiziert werden. Im Experiment war es das Bild einer Spinne oder einer Blume gepaart mit dem neutralen Bild einer geometrischen Form. "Es ist nicht möglich, dauerhaft zwei verschiedene Bilder gleichzeitig wahrzunehmen. Sie stehen in einem Wettstreit, den das Gehirn zu Gunsten eines Bildes entscheidet – ohne, dass wir darauf bewusst Einfluss nehmen können", so Alpers.

Während ein Bild zeitweise dominiert, wird das andere nicht wahrgenommen. Das Forschungsergebnis ist eindeutig: Die Personen mit Angst nahmen das Bild der Spinne früher, länger und damit dominanter wahr als gesunde Probanden. In der Hälfte aller Durchgänge sahen die Phobiker zuerst das Spinnenbild - doppelt so oft wie die gesunden Kontrollprobanden. Außerdem sahen sie es im Schnitt um die Hälfte länger. Bei der Variante mit dem Blumenbild gab es bei phobischen und nichtphobischen Probanden hingegen keine signifikanten Unterschiede in der Wahrnehmung.

Nutzen für therapeutische Praxis

Die Forscher führen das Ergebnis auf die emotionale Bedeutung der Spinnen für die Phobiker zurück. "An der Instanz im Gehirn, wo entschieden wird, welches Bild Einzug in die bewusste Wahrnehmung erhält, spielen Emotionen wie Angst offenbar eine große Rolle", so Gerdes. "Das Spinnenbild gewinnt bei Menschen mit Phobie dadurch früher und häufiger den Wahrnehmungswettstreit gegen das neutrale Bild."

Diese Erkenntnis sei für die therapeutische Praxis von großer Bedeutung, so Gerdes: "Unsere Ergebnisse können Therapeuten dabei helfen, ein größeres Verständnis für diese Krankheit aufzubringen. Die Patienten übertreiben nicht, wenn sie davon berichten, wie bedrohlich sie Spinnen wahrnehmen. Wir haben in unserer Studie gezeigt: Wenn ein Mensch sich vor etwas fürchtet, hinterlässt das bei ihm eine andere Wahrnehmung." (red, derStandard, 5.1.2014)

  • Emotionen spielen bei der Auswahl, welche Sinnesreize das Gehirn zulässt, offenbar eine wichtige Rolle.
    foto: ap/kirsty wigglesworth

    Emotionen spielen bei der Auswahl, welche Sinnesreize das Gehirn zulässt, offenbar eine wichtige Rolle.

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