Thomas Diethart und die entscheidende Frage

2. Jänner 2014, 18:17
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Aus der Vier- könnte eine Dreischanzentournee werden, wegen Föhnsturms droht Innsbruck eine Absage. Den Führenden Thomas Diethart ficht das nicht an

Innsbruck - Auf die Experten der ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) in Innsbruck ist üblicherweise Verlass. Ergo müssen die Veranstalter des am Samstag geplanten Bergisel-Springens eine Absage befürchten. Es wäre die zweite nach 2008, wie damals könnte der dritte Bewerb der Vierschanzentournee nach Bischofshofen verlegt werden, wo am Sonntag und am Montag gesprungen werden würde. Die Quali am Freitag könnte plangemäß über die Innsbrucker Bühne gehen, aber dann, aber dann. "In der Nacht auf Samstag wird der Wind anziehen", sagt Monika Weis von der ZAMG, "und sich auf dem Bergisel bis zum Orkan entwickeln." Sturmspitzen von 100 km/h werden erwartet.

Wer den Niederösterreicher Thomas Diethart, der vor dem Kärntner Thomas Morgenstern und dem Schweizer Simon Ammann insgesamt führt, im Verlauf dieser Tournee verfolgt hat, den wird es nicht wundern, dass Diethart bleibt, wie er ist. "Ich bleibe gelassen", sagte der 21-Jährige am Donnerstag. "Zumindest vesuche ich, gelassen zu bleiben." Sein souveräner Sieg zu Neujahr hat die Konkurrenten schwer beeindruckt, auch Alexander Stöckl, den aus Sankt Johann in Tirol stammenden Cheftrainer der Norweger. "Thomas war", sagt Stöckl, "eine Klasse für sich. Er ist wie selbstverständlich gesprungen, ganz so, als ob er nicht nachdenken würde."

Doch genau jetzt, sagt Stöckl, stellt sich die entscheidende Frage. Die da lautet: "Wird der Thomas nachzudenken beginnen?" Stöckl würde sich darüber nicht wundern, und müsste er zu diesem Zeitpunkt auf den Tournee-Gesamtsieger setzen, so hieße sein erster Tipp Thomas Morgenstern. "Wobei Bardal, Ammann und natürlich auch Diethart etwas dagegen haben könnten."

Erinnerungen

Vor Jahren, am Skigymnasium in Stams, ist Diethart auch durch Trainer Stöckls Hände gegangen. Dieser erinnert sich an einen "sehr talentierten, extrem sprungkräftigen jungen Athleten mit tollen Voraussetzungen, koordinativ sehr gut, turnerisch sehr gut". Allein die schulischen Leistungen Dietharts ließen zu wünschen übrig, das war der Hauptgrund dafür, dass er der sogenannten Kaderschmiede vorzeitig, nach vier Jahren, den Rücken kehrte. "In Stams gibt es halt nicht nur die sportliche Säule, sondern auch eine schulische Komponente", sagt Stöckl. "Und wenn einer da oder dort nicht entspricht, wird sein Vertrag nicht verlängert." Diethart, erinnert sich Stöckl, sei "kein Unguter gewesen, aber als Schüler schon eine gewisse Herausforderung. Er hatte sehr viel Energie. Aber die, die nicht die Einfachsten sind, entpuppen sich später halt oft als die Besten."

Thomas Diethart, und das erinnert leicht an einen gewissen Hermann Maier, ist nicht auf der typischen ÖSV-Schiene geblieben, er hat einen Umweg genommen - sowohl in der schulischen Ausbildung, die erst im Vorjahr mit der abgeschlossenen Lehre (Industriekaufmann) endete, wie auch in der sportlichen. "Seine sprungtechnische Entwicklung hat etwas länger gedauert", sagt Stöckl, der "die Arbeit der ÖSV-B-Kader-Trainer" hervorhebt. Schon Dietharts Vater Gernot hatte diesen Betreuern, Florian Liegl und Andreas Mitter, in Garmisch gedankt. Sie hatten Diethart in der zweiten Liga (Kontinentalcup) für die erste Liga (Weltcup) präpariert.

Und als Diethart kurz vor Weihnachten nicht zuletzt dank des verletzungsbedingten Ausfalls von Morgenstern seine Weltcupchance bekam, nützte er sie mit den Plätzen vier und sechs in Engelberg. So gesehen ist Dietharts Erfolg dem österreichischen Cheftrainer Alexander Pointner in den Schoß gefallen, wobei dieses Glück ja auch nicht irgendwoher kommt, sondern Ergebnis von Strukturen und Trainerausbildung ist.

Im Fall des Falls

Den ersten Sieg hat Thomas Diethart in seinem erst sechsten Weltcupspringen gefeiert. Ein zweiter Sieg dürfte folgen, früher oder später. Folgt er schon in Innsbruck und/oder in Bischofshofen, so könnte damit auch der erste niederösterreichische Tourneesieger vom Himmel fallen. Im Fall des Falls wird man sich an Dietharts Erfolg länger als an eine Innsbrucker Absage erinnern. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 03.01.2013

  • Thomas Diethart stiehlt den Überfliegern Morgenstern und Ammann die Show.
    foto: ap/ matthias schrader

    Thomas Diethart stiehlt den Überfliegern Morgenstern und Ammann die Show.

  • Der zweifache Vierschanzentournee-Sieger Gregor Schlierenzauer (li) und sein potenzieller Nachfolger.
    foto: epa/daniel karmann

    Der zweifache Vierschanzentournee-Sieger Gregor Schlierenzauer (li) und sein potenzieller Nachfolger.

  • Alexander Stöckl denkt, dass Diethart noch nachdenken wird.
    foto: reuters/ebenbichler

    Alexander Stöckl denkt, dass Diethart noch nachdenken wird.

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