The Numbers Game: Die Vermessung des Fußballs

Rezension2. Jänner 2014, 16:44
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Ein neues Buch über Analyse im Fußball erhebt den Anspruch, das Denken über das Spiel grundlegend zu verändern

Das in den letzten Jahren gewachsene öffentliche Gespräch über die Analyse des Fußballs läuft manchmal in schiefen Bahnen. Es vermittelt aus seiner theoretischen Herangehensweise eine Allmacht von Trainern und mögliche Fehlerlosigkeit von Spielern. Manchmal geht auch in diesem Blog und seinen Foren in der gebotenen Kürze wider besseren Wissens wohl unter, dass der Fußball zwar ein von Detailarbeit geprägtes Spiel ist, aber nicht gänzlich kontrollierbar.

Ein neues Buch von Chris Anderson und David Sally macht auf diesen Umstand mit einer Statistik besonders eindrücklich aufmerksam. Ein einzelnes Fußballspiel werde zu 50 Prozent durch Können entschieden. 50 Prozent hingegen seien reines Glück - also Dinge, die nicht planbar scheinen. Und die Trainer, von denen ein Wunderwuzzitum erwartet wird, machen in einer Meisterschaft etwa 15 Prozent der Endplatzierung aus.

Das ist in einem Spiel von kleinen Unterschieden aber durchaus bedeutsam, und ein solches ist der Fußball. 15 Prozent entscheiden über Abstieg oder Klassenerhalt, Europapokalstartplatz oder internationaler Abstinenz, ersehntem Meisteritel oder einem weiteren, qualvollen Jahr Wartezeit.

Imaginäre Reibbäume

Besagtes Buch, in dem solche Statistiken meist ziemlich und manchmal etwas weniger überzeugend argumentiert und erklärt werden, heißt "The Numbers Game: Why Everything You Know About Football Is Wrong".  Wie der Titel schon andeutet, mangelt es dem Text nicht an Provokation. Manchmal rittern die Autoren gegen Windmühlen, wenn sie gegen vermeintlich eindimensionale Narren, und deren fehlerhafte Weisheit anschreiben.

So gibt es wohl die Karikaturen nicht, die gar nicht an Analyse, Strategie und Taktik glauben, genausowenig wie die Fußballnerds, die denken jeden Zufall ausschalten zu können. Die grauenhafte Flanke einer klar unterlegenen Mannschaft, die sich abgefälscht plötzlich zum entscheidenden Treffer ins lange Eck senkt. Der hereinflatternde Wasserball, der plötzlich einen Schuss gegen jede Regel und Erwartung ins Tor lenkt. Das sind nicht zu leugnende oder kontrollierbare Ereignisse. Und auch den Nutzen einer guten Neuverpflichtung oder eines zusätzlichen Stürmers in Rückstand erschließt sich jedem Fußballfan.

Die Veränderung passiert

In Wahrheit findet die Debatte nicht zwischen Dinosauriern (die ja die Eigenschaft haben, mit der Zeit auszusterben) und Supergeeks statt, sondern zwischen Leuten die (freilich mehr oder weniger qualifiziert) über das Ausmaß der unterschiedlichen Einflüsse streiten oder manchmal sogar nur dieselben Dinge unterschiedlich ausdrücken. Und so provozieren die Autoren immer wieder ins Leere, wenn sie sich an diesen unterstellten Antipoden reiben.

Die Lektüre von "The Numbers Game" wird trotz allerhand Zahlenmaterial nie zu trocken und diese Polarisierung trägt ein Schäufchen dazu bei. Sie ist aber auch unnötig und hat den Nachteil, dass die revolutionäre Pose der Autoren überzeichnet wirkt. Vor allem, weil gerade in den analysierten Top-Ligen die geforderte Revolution, mehr Daten anzuhäufen, längst zum Alltag gehört. Und mag diese Entwicklung in kleineren Ligen zwar manchmal auch an der Engstirnigkeit gestriger Romantiker scheitern, so ist es meist wohl eher ein Ressourcenmangel.

Entgegen seiner oberflächlichen Heilsversprechung wird das Buch das Denken über den Fußball tatsächlich nur bei den wenigsten Lesern signifikant verändern. Dafür bietet es aber spannendes Material, hilft den Horizont zu erweitern. Manch Mythos wird widerlegt, manch anderer mit erstaunlich präzisen Zahlen untermauert. Und einige Trends werden aufgezeigt, die da im Hintergrund schlummern. Dass etwa die Zeit der absolutistischen Trainer mit dem Abgang Alex Fergusons praktisch vorbei ist. Oder dass Geld Erfolg tatsächlich kaufen kann.

Statistik ist wichtig, aber nicht alles

Bei so vielen Denkanstößen sollte man meinen, dass die Marketing-Übertreibung nicht nötig gewesen wären. Der stets durchschimmernde Humor der Autoren zeigt immer wieder, dass sie ihre oft sehr kompromisslos wirkenden Behauptungen und Erkenntnisse durchaus mit einiger Skepsis betrachten. Und an vielen Stellen beteuern sie das auch ausdrücklich. "Wir wissen, dass es keine Gewinnformel im Fußball gibt. [...] Die Zahlen beinhalten eine Wahrheit, keine Anleitung", schreiben sie etwa.

Falls das nicht intuitiv klingt, ist es recht einfach anhand des Ballbesitzes erklärt: Die Statistik zeigt, dass Mannschaften mit mehr Ballbesitz langfristig mehr Erfolg haben. Doch nicht nur muss erst jedes Team für sich rausfinden, wie es überhaupt zu Ballbesitz kommt, die Kausalität wird auch durch Ausnahmen in Frage gestellt. "Irgendwie hat Stoke City die Kunst gemeistert, nicht den Ball zu haben", heißt es im Buch, weil das Premier-League-Team unter Ex-Trainer Tony Pulis immer wieder deutlich besser platziert war, als sein Ballbesitzanteil es nahegelegt hätte. Und Anderson/Sally sind überzeugt: "Nicht jedes Team möchte wie Stoke sein, nicht jedes kann wie Barcelona sein. Aber jedes Team kann einen Weg finden zu gewinnen". 

Kulturlose Konstanten

Natürlich spielen einzelne Mannschaften mitunter sehr unterschiedlich etwa in Bezug auf Formation, Fähigkeiten oder Spielanlage. Aber das grundsätzliche Spiel bleibt im Profibereich überall sehr ähnlich und wird auch sehr ähnlich interpretiert. Trotzdem irgendwo kommen andere Einflüsse daher, die sich nicht auf eine Kreidetafel zeichnen oder in Diagrammen finden lassen. Die Psychologie, die Emotion, die Rivalität, das Glück. Uneindeutiges. So wie etwa der ominöse Heimvorteil. 48 Prozent aller Spiele gewinnt die Heimmannschaft. (Zu nur je 26 Prozent enden sie zugunsten der Gäste oder Remis.)

Das gilt bemerkenswerterweise so ziemlich quer über alle Fußballkulturen. Diese verschmelzen, das ist mit Zahlen belegbar, längst in ein globales Ganzes, gleichen sich an. Unterschiede zwischen den Top-Ligen sind in Wahrheit oft kleiner als behauptet. Der lange Ball stirbt überall rapide aus, der kurze Pass ist nirgendwo exklusiv zuhause. Innovationen, sinnvolle Adaptionen der Spielweise und Notwendigkeiten sprechen sich in Windeseile herum.

Fußball bietet auffällig weniger Erfolgserlebnisse als jeder andere Teamsport. Und lange bewahrheitete sich zudem ein historischer Trend: Die Tore wurden weniger. Regeländerungen konnten das Level kurzfristig verändern, nicht aber die stetig steigende Ineffizienz, die sich seit den 1970er-Jahren praktisch quer über alle Ligen und Leistungsklassen bei in Schnitt 2,5-2,8  Toren pro Spiel eingependelt hat. Der durchschnittliche Torabstand aber sinkt weiter. Ein einzelnes Tor garantiert (rein statistisch) deshalb heute beinahe die Mitnahme eines Punktes. Mit zwei Treffern ist ein Team dem Sieg schon ziemlich nahe.

Es sei die Seltenheit der Tore, die den Fußball so populär machen, behaupten Anderson/Sally. Beim Champions-League-Finale 2010 zwischen Bayern und Inter kam ein Treffer auf jede 1421. von Opta aufgezeichnete Aktion. Der Fußballfan, der gern so ungeduldig mit seinem Hintern über seinem Sitz schabt, die Aktionen am Feld mit unkontrolliertem Stöhnen und intuitivem Jauchzen verfolgt und zwischendurch den Schiedsrichter auch über den Bildschirm anbrüllt, ist in Wahrheit also ein Connaisseur der verzögerten Gratifikation?

Die wahren Stars spielen im Park

Stürmer sind in diesem entscheidenden Punkt die Ernährer ihre mannschaftlichen Familie. Deshalb seien sie auch die teuersten Spieler. Das aber werde sich mit der Explosion an Analysematerial aber ändern, behaupten die Autoren in ihrem abschließenden Prognosekapitel. Das Verhindern von Toren soll wichtiger werden, weil die Zahlen das nahelegen.

Sie erklären die dahinterstehende Logik plakativ: Beim Hobbykick gewinnt meist das Team, das die ein oder zwei besten Spieler in seinen Reihen hat. Das Gefälle innerhalb der Mannschaften sei nämlich so groß, dass diese "Stars" meistens den Ball haben und den Unterschied machen. Mit dem zunehmendem Leistungslevel der Professionalisierung gleichen sich die Niveau teamintern und -extern aber an und die Zeit der Stürmerstars am Ball sinkt auf 1-2 Prozent. So entscheiden nicht diese, sondern die schwächsten Spieler einer Mannschaft über Erfolg und Misserfolg. Man könnte dagegen einwenden, dass diese "Defensive zuerst!"-Denkweise nicht neu ist. Trotzdem klaffen die Gehälter seit Jahrzehnten vom Angreifer bis zum Torhüter absteigend auseinander.

Die Unterteilung eines Ganzen

Zudem verlockt die Statistik, so nützlich sie auch ist, hier zu etwas ihr Innewohnendem, das stete Skepsis verlangt. Denn sie teilt das Spiel künstlich auf, um es quantifizierbar zu machen. Aber sind Angriff und Verteidigung, erzielte und erhaltene Tore, nicht letztlich ein großes Ganzes? Und ist es nicht gerade diese komplexe Dynamik, die Fußball etwa von Baseball unterscheidet (das seit dem ähnlich angelegten Buch "Moneyball" das Statistiker-Vorzeigespiel schlechthin ist)?

An dieser unvollständigen Auswahl an Themen zeigt sich, dass "The Numbers Game" ein äußerst lohnenswerter Lesestoff ist, der Gedanken und Diskussion über vieles rund um das Fußballgeschäft anstößt. (Tom Schaffer, derStandard.at, 2.1.2013)

  • "The Numbers Game - Why Everything You Know About Football Is Wrong" von Chris Anderson und David Sally erschien 2013 in englischer Sprache (Penguin Books, 384 Seiten, 12,99 Britische Pfund). Es soll 2014 in deutscher Übersetzung auf den Markt kommen.
    foto: penguin books

    "The Numbers Game - Why Everything You Know About Football Is Wrong" von Chris Anderson und David Sally erschien 2013 in englischer Sprache (Penguin Books, 384 Seiten, 12,99 Britische Pfund). Es soll 2014 in deutscher Übersetzung auf den Markt kommen.

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