In den Sonnenuntergang hineingesungen

12. August 2003, 19:06
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"Samson et Dalila" konzertant in Salzburg

Salzburg - Nur zu logisch, dass der turnende Pinkelmann aus Salzburg verbannt wurde. In seiner allen moralisch-klimatischen Attacken trotzenden Standfestigkeit ist er auch eine Provokation für die schwankende Salzburger Festspieldramaturgie, die auf fünf Säulen ruhen will, von denen allerdings heuer zwei nur noch halb stehen - mühsam aufrecht gehalten von konzertanten Stützpfeilern.

Das betrifft heuer die Richard-Strauss-Säule (Die ägyptische Helena) und jene der Exilkomponisten, die demnächst mit Egon Wellesz' Die Bakchantinnen ohne szenische Irritation aufgestellt wird. Es ist das Konzertante allerdings auch zweckmäßig und praktisch, wenn es darum geht, Tenören, die dem Sonnenuntergang ihrer Möglichkeiten entgegensingen, Salzburger Halt zu bieten.

Da muss man zwar noch ungeplanterweise im Großen Festspielhaus eine zweite Pause einschieben, aber es zahlt sich aus. Plácido Domingo kommt zum Finale von Samson et Dalila gestärkt auf die Bühne, plötzlich klingt seine Stimme offen, und er verströmt jene dunkle Lyrik, die noch immer das besondere Etwas aufweist.

Vorher war's ein routiniertes Durchtauchen durch die oratorialen und dann exotikverliebten Klänge der französischen Opernopulenz Marke Camille Saint-Saëns. Hatte auch nichts Peinlich-Würdeloses. Die tiefen Töne mitunter unscheinbar oder nahe am Gesprochenen, aber zweifellos: Wenn man Domingo nicht am Domingo früherer Glanztage misst, eine höchst anständige Leistung, die allerdings nicht dazu verleiten sollte, für die nächsten Salzburger Jahre irgendwelche szenischen Fantasien zu hegen.

Haarkorb-Formendes

Olga Borodina - in Salzburg auch in Don Carlo zu erleben - hingegen sollte hier noch öfters vorbeikommen: Mit durchdringender Kraft meistert sie dramatische Passagen und legt im Melodieseligen sehr viel Wert auf kultivierte Linienführung - begleitet vom alle Effektmöglichkeiten auskostenden Valery Gergiev. Nach blassem Beginn trifft er mit dem nicht immer intonationssicheren Mariinsky-Kirov-Orchester wuchtige Aussagen und nutzt dann jede Chance zur poesieerzeugenden Tempodehnung.

Von der auch Sergej Leiferkus (als Oberpriester), Orlin Anastassov (als Abimélech) und Chester Patton (als Alter Hebräer) und der Staatsopernchor profitierten. Standing Ovations von Roberto Blanco und Haarkorbträger Mooshammer - mehr kann sich Domingo heute nicht wünschen. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD; Printausgabe, 13.08.2003)

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