Alte Feindbilder und neue Barbaren

19. August 2003, 00:50
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"WAT", der Titel des neuen Laibach-Albums, steht für "War Against Terrorism" ebenso wie für "We Are Time"

Nach sieben Jahren Schweigen melden sich die alten slowenischen Kunstprovokateure Laibach ("Geburt einer Nation") im geschichtsträchtigen 9/11-September zurück
Wien - "Wir tanzen mit Totalitarismus und mit Democrazy, wir tanzen mit Faschismus und roter Anarchie. Americano-Freunde und deutscher Kamerad, wir tanzen gut zusammen, wir tanzen nach Bagdad." Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich die Geschichte. Manchmal kommt allerdings auch die Geschichte zu spät - und sie bestraft sich selbst. Die Eselsbrücke nennt sich Farce. Falsch gedacht war immer schon schlecht gereimt.

Nach sieben Jahren Funkstille veröffentlicht das slowenische Künstlerkollektiv Laibach Ende August nicht nur eine oben zitierte neue Single, Tanz Mit Laibach. Auf der wird zu stumpfen und etwas antiquiert wirkenden Techno-Beats aus dem Mesozoikum der Clubkultur auch aufgrund etwas langer Vorlaufzeiten in der Musikindustrie der Weltgeschichte produktionstechnisch verzögert auf der falschen Fährte guttural im kantigen Deutsch nachgebrüllt.

Wer sich für aktuelleres Zeitgeschehen ein wenig interessiert: Die Deutschen sind dann eh nicht gemeinsam mit den Amis in den Irak gegangen. Und: Techno ist so tot wie General Tito und der gute alte gemäßigte kommunistische Totalitarismus. Der diente Laibach in den goldenen Jahren staatlicher Repression daheim in Slowenien/Jugoslawien einst als kreativer und ideologischer Reibebaum.

Deshalb wollen Laibach mit dem im September erscheinenden, Tanz Mit Laibach inkludierenden neuen Album WAT auch nicht unbedingt zukunftsweisend agieren. Dafür ist die Verbindung aus Blut-und-Boden-Symphonik, martialischen Chorälen, harter militärischer Marschrhythmik und der einstmals gewagten Verwendung der deutschen Sprache zu sehr in den 80ern verhaftet. Und selbst die alte Wechselwirkung von Furcht und Faszination, das Spiel mit Brutalität und emotionsaufgeladenem Pathos verweist hier trotz des heutigen Einsatzes von Computer-Beats statt Marschtrommeln darauf, dass die neuen Themen auch nur die alten sind.

Zuletzt hörte man von den großen alten Provokateuren aus den 80er-Jahren nur, wenn irgendwann ein tristes und nicht ganz zu Unrecht im rechten Licht stehendes "Gothic"- oder "Dark Wave"-Festival in den Niederungen der neuen deutschen Bundesländer auf dem Spielplan stand.

In der Gruftie-Szene gilt immerhin das eher weniger als mehr reflektierte, vor allem auch falsch als "deutsch" gelesene Gedankengut, mit dem sich Laibach zeit ihrer Karriere krass missverstanden, aber meist genüsslich auseinander setzten, als attraktiver als die Segnungen der dominanten angloamerikanischen Jugendkultur. Das führt bei Laibach immer wieder zum Einsatz der von den Künstlern durchaus erhofften Faschismuskeule. Denken müssen die Leute selber. Und wer predigt schon gern zu den Bekehrten?

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sich Laibach nach zehn Jahren auf der verzweifelten Suche nach neuen Feindbildern etwas zu verzetteln begonnen. Nicht nur, dass sich die immer mehr oder weniger anonym als retroavantgardistische Arbeitseinheit agierende Gruppe an der Schnittstelle von (post-)kommunistischer Gesellschaft, westlichem Turbokapitalismus und deren Auswirkungen auf die kollektive Masse nach dem Zerfall Jugoslawiens Anfang der 90er-Jahre mit einem gähnenden künstlerischen Vakuum konfrontiert sah.

Auf Alben wie Das Kapital (1992) oder Nato aus 1994 mussten Laibach immerhin damit fertig werden, dass die westliche Warengesellschaft politische Provokation immer auch zu akzeptieren bereit ist, solange man damit im Handel gutes Geld verdienen kann.

Das Musikkollektiv sorgte einst mit militaristischem Auftreten, mit der ironischen Adaptierung schwerer, faschistischer Zeichensysteme und dem bis heute exemplarischen Opus Dei aus 1987 und seiner Adaption des alten Stadionrock-Songs One Vision von Queen hin zur beklemmenden Masse-und-Macht-Studie Geburt einer Nation für erhebliche Aufregung. Im "freien Markt" begann man sich Mitte der 90er allerdings in seiner eigenen Geschichte etwas zu verzetteln.

Dabei war von Anfang an immer klar, um was es bei den 1980 in der slowenischen Industriestadt Trbovlje nahe Ljubljana gegründeten Laibach geht. Schon das 1983 veröffentlichte Manifest der Gruppe, nachzulesen auf der Homepage der multimedialen Künstlergruppe Neue Slowenische Kunst, als deren integraler Bestandteil sie nach wie vor agieren, spricht hier Klartext (www.nskstate.com).

Hier ist die Rede von einer "kollektiven, nach den Prinzipien der industriellen Produktion und des Totalitarismus geführten, strikt antiindividuellen Analyse der Beziehung von Ideologie und Kultur in ihrer späten Niedergangsphase."

"Du bist tot!"

Wo früher an der Konfrontation der Systeme West und Ost gearbeitet wurde und Europa als von Kapitalismus und der Nato besetzte Zone mit kreativer Guerrillataktik beizukommen versucht wurde, haben wir es demnächst auf WAT in Stücken wie The Great Divide, Das Spiel Ist Aus oder Hell: Symmetry zwar mit neumoderner "Kriegsphilosophie" und "Zeitökonomie" zu tun.

Der Widerspruch zwischen ökonomischem und gesellschaftlichem "Fortschritt" im vom "puren Kapitalismus grenzenloser finanzieller Macht" geprägten 21. Jahrhundert bei gleichzeitigem Wiedererstarken eines angesichts von 9/11 als "mittelalterlicher Barbarismus auf globaler Basis" gelesenen Islam ist allerdings auch nur die Wiederholung jener Geschichte, die schon auf Arbeiten wie Kapital oder Nato prognostiziert wurde. Wie heißt es im neuen Stück Das Spiel Ist Aus: "Wir sind zeitlos. Und du bist - tot!"

WAT steht für "War Against Terrorism" und für "We Are Time". Unser Disneyland ist nicht nur seit heute in Gefahr.

(Christian Schachinger/DER STANDARD; Printausgabe, 13.08.2003)

"Laibach - WAT" erscheint am
8. 9.;

Laibach live:

18. 9., Rock-
house/Salzburg,

19. 9., Flex/
Wien,

17. 10., Orpheum/Graz

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