Tabuthema Selbstbehalt

19. August 2003, 22:53
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Die Debatte darüber verläuft absolut scheinheilig - Ein Kommentar von Martina Salomon

Gesundheit gilt als allerhöchstes Gut. Und der Begriff wird ständig erweitert: auf Wohlbefinden im weitesten Sinne. Das hat die Gesundheitssysteme der westlichen Welt so teuer gemacht, dass über Rationierung und/oder neue Selbstbehalte nachgedacht werden muss. Beides ist in Österreich ein Tabu, Letzteres zu Unrecht. Die Debatte darüber verläuft absolut scheinheilig. Es gibt hierzulande - auch für ASVG-Versicherte! - so viele Selbstbehalte, dass chronisch Kranke dafür tief in die Tasche greifen müssen. Gleichzeitig bekommt man Arzneien gegen jeden banalen Infekt gratis. Zumindest scheinbar: Viele Medikamente sind kaum mehr teurer als die Rezeptgebühr.

Es ist daher hoch an der Zeit für ein Umdenken: Selbstbehalte bei Arzt und Spital (samt Quittung, was auch Kontrollfunktion hätte) sind sinnvoll. Aber nur mit einer sozial gestaffelten Obergrenze für die Summe aller Selbstbehalte pro Patient und Jahr.

Dann müsste die Krankenversicherung für Schwerkranke wirklich alles zahlen (also auch Heilbehelfe) und die schikanöse Chefarztpflicht für teure Medikamente abschaffen. Arme sowie Kinder hätten null Selbstbehalt, während Gutverdiener pro Jahr in ihre Gesundheit maximal so viel investieren müssten, wie ein Wochenende in einem der beliebten Wellnesshotels kostet. Das würde ein noch größeres Chaos als die Ambulanzgebühr erzeugen, warnen Kassenfunktionäre. Warum eigentlich?

Wenn es den Massen zumutbar ist, Grundnahrungsmittel im Supermarkt gegen Bares zu besorgen, dann ist es auch zu schaffen, für Gesundheitsleistungen zu zahlen. Und im Zeitalter der Elektronik kann es ja wohl kein Problem sein, festzustellen, ob ein Patient sein Kostenlimit bereits erreicht hat: Dafür wäre die Chipkarte, die 2005 kommt, bestens geeignet. Die Frage ist daher nur: Wagt die Regierung eine ernsthafte Reform? (DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2003)

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