Ruf nach Kontrolle für Arztpraxen

17. August 2003, 18:13
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Hauptverbandschef Josef Kandlhofer kritisiert im STANDARD-Gespräch einzementierte Kassenverträge - Mit Kommentar und Infografik

Wien - Bessere Qualitätsrichtlinien für Arztordinationen wünscht sich der Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Josef Kandlhofer, im STANDARD-Gespräch. Ein Kassenvertrag sei "stärker als ein pragmatisiertes Dienstverhältnis". Es müsse schon "sehr viel passieren", damit ein Arzt seinen Vertrag verliere. Von der Ärztekammer erwartet sich Kandlhofer hier Vorschläge. Gäbe es Mängel in einer Praxis, müssten diese in einer gewissen Frist behoben sein. Wenn nicht, wäre das ein Kündigungsgrund. Vor allem in Wien sollten die Öffnungszeiten der Ordinationen erweitert werden - darauf werde bei neuen Verträgen bereits Rücksicht genommen.

Für Patienten kann sich Kandlhofer eine "Quittung" für jeden Arzt- und Spitalsbesuch feststellen, damit das Kostenbewusstsein steige. Bei den Selbstbehalten hätte er am liebsten eine sozial gestaffelte Obergrenze pro Patient und Jahr. Dann wäre sogar die Wiedereinführung der Ambulanzgebühr denkbar, antwortete er auf eine diesbezügliche STANDARD-Frage.

Derzeit sei dies aber nicht aktuell, trat Kandlhofer allfälligen Spekulationen entgegen. Handlungsbedarf sieht er auch im Spitalsbereich: Österreich habe im Vergleich zu viele Betten.

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STANDARD: War es wirklich notwendig, alle roten Funktionäre im Hauptverband der Sozialversicherungsträger zu entmachten?

Kandlhofer: Ich habe dazu nichts beigetragen. Allerdings gibt es in der Sozialversicherung noch sehr viele rote Funktionäre - vom Obmann der Wiener Gebietskrankenkassen bis zu dem der Pensionsversicherungsanstalt.

STANDARD:  Die Optik, was die Spitze betrifft, ist aber wohl nicht unproblematisch.

Kandlhofer: Ich bin nicht Mitglied des Verwaltungsrates, der die Geschäftsführung bestellt hat.

STANDARD:  Der Hauptverband hat versprochen, die Chefarztpflicht für Medikamente 2003 abzuschaffen. Wie lange muss man noch darauf warten?

Kandlhofer: Das war ein typisches Beispiel für eine Indiskretion (des damaligen Hauptverbandspräsidenten Herwig Frad, Anm. Red.), mit der man gute Dinge umbringt. Ich denke, dass die Chefarztpflicht in höchstem Maße reformbedürftig ist. Aber man muss Prioritäten setzen. Was die Medikamente betrifft, verhandeln wir intensiv, Details nenne ich aber nicht.

STANDARD:  Das schwierigste gesundheitspolitische Vorhaben scheint die Harmonisierung der Tarife und Leistungen der verschiedenen Krankenversicherungsträger zu sein. Wird man sich auf einem ASVG-Niveau für alle einpendeln?

Kandlhofer: Das muss man sehr behutsam diskutieren, weil auch die Beitragssätze sehr weit auseinander gehen: So zahlen Bauern 6,4 Prozent und Gewerbetreibende 8,9 Prozent.

STANDARD:  Irgendwer wird weniger und jemand anderer mehr zahlen müssen, oder?

Kandlhofer: Das liegt auf der Hand.

STANDARD:  Wird es dann einheitliche Leistungen geben?

Kandlhofer: Unterschiedliche Leistungen können durchaus erhalten bleiben - trotzdem muss alles auf den Tisch.

STANDARD:  Soll diese Reform auch Sparen helfen?

Kandlhofer: Das hängt davon ab, was andere Maßnahmen bringen - zum Beispiel bei den Spitälern. Hier gibt’s Handlungsbedarf. Faktum ist: Österreich liegt mit 6,28 Betten auf 1000 Einwohner nach Deutschland an der Spitze. Die Finnen finden mit 2,5 Betten das Auslangen. Wir müssen umschichten: Im geriatrischen Bereich brauchen wir mehr - anderswo, etwa bei der Geburtshilfe, weniger Kapazitäten.

STANDARD:  Soll es eine Obergrenze für alle Selbstbehalte pro Patient geben?

Kandlhofer: Ja, und zwar sozial gestaffelt. Das hielte ich im Vergleich zu den bisherigen Regelungen für sozial sehr viel verträglicher. Jemand, der 1000 Euro Einkommen hat, würde eine niedrigere Grenze haben als jemand, der 2000 Euro verdient. Und Familien muss man berücksichtigen. Sämtliche existierenden Selbstbehalte wurden übrigens, nachdem die Ambulanzgebühr gestorben ist, von jenen eingeführt, die sie jetzt kritisieren.

STANDARD:  Ist eine Ambulanzgebühr per se schrecklich? Oder wäre sie wieder denkbar, wenn es fixe Obergrenzen für Selbstbehalte gäbe?

Kandlhofer: Denkbar ist alles, derzeit aber nicht wirklich aktuell.

STANDARD:  Werden Ärzte künftig Selbstbehalte - etwa den Ersatz für die Krankenscheingebühr, wenn die Chipcard kommt - einheben müssen?

Kandlhofer: Dafür haben wir Zeit bis 2005. Aber eigentlich ist es üblich, dass ich die Leistung dort zahle, wo sie erbracht wird.

STANDARD:  Die Hausärzte werden angeblich aufgewertet. Soll der Praktiker Gatekeeper im Gesundheitswesen werden?

Kandlhofer: Ich muss nicht wegen jeder Kleinigkeit die Uniklinik besuchen. Insofern macht der Hausarzt als Lotse natürlich sehr viel Sinn.

STANDARD:  Gerade in Wien sind die Öffnungszeiten der Arztpraxen aber nicht so toll.

Kandlhofer: Laut Mikrozensus ist die Erreichbarkeit oberösterreichischer Ordinationen um zwei Minuten günstiger als in Wien - obwohl Wien eine weit stärkere Ärztedichte hat. Bei neuen Vertragsvergaben werden schon andere Öffnungszeiten verlangt. Das Problem ist: Ein Vertrag eines Kassenarztes ist stärker als ein pragmatisiertes Dienstverhältnis. Es gibt erste Ansätze in Richtung Qualitätsrichtlinien. Das wäre Aufgabe der Ärztekammer. Sprich: Werden festgestellte Mängel innerhalb einer Frist nicht behoben, wäre das ein Kündigungsgrund - was ein Riesenfortschritt wäre. Jetzt muss schon sehr viel passieren, damit ein Arzt seinen Vertrag verliert.

STANDARD:  Wird es irgendwann eine Arztrechnung für ASVG- Patienten geben?

Kandlhofer: Absolut vorstellbar! Eine Patientenquittung würde ungeheuer viel Transparenz ins System bringen. Möglicherweise wäre der Umgang mit so wertvollen Gütern wie Medikamenten oder Arztbesuch ein anderer, wenn man weiß, was das kostet.

STANDARD:  Kann man bei der Verwaltung der Sozialversicherung noch sparen?

Kandlhofer: Selbstverständlich. Zum Beispiel werden die Rechenzentren in der Sozialversicherung bis 2007 von 18 auf fünf zusammengelegt. Das wird 15 Prozent der Verwaltungskosten sparen helfen - pro Jahr 22 Millionen Euro.  (DER STANDARD, Printausgabe, 13.8.2003)

Kommentar

Tabuthema Selbstbehalt

Der ehemalige Chef der Bauernkrankenkasse, Josef Kandlhofer, ist seit Dezember 2001 "Sprecher der Geschäftsführung" im Hauptverband der Sozialversicherungs- träger. Die einstmals rote Bastion ist mittlerweile an der Spitze vorwiegend schwarz-blau besetzt. Der ÖVP-Bauernbündler gilt als geviefter Verhandler, ist Anhänger der Sozialpartnerschaft und hat mit den Sozialdemokraten eine gute Gesprächsbasis.

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    Josef Kandlhofer, Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungs- träger, ist im Gespräch mit Martina Salomon reformbereit.

  • Das prognostizierte Defizit der Krankenversicherung war stets höher als das tatsächliche, wie die Grafik zeigt. Laut Sozialversicherung sollen in Kraft getretene Reformen - etwa höhere Krankenversicherungs- beiträge für Pensionisten oder die "Freizeitversicherung", mit der alle Beiträge um 0,1 Prozent erhöht wurden - bereits heuer 200 Millionen Euro bringen. Können die Medikamentenkosten wie erhofft verringert werden, gäbe es 2003 keine roten Zahlen.
    grafik: standard

    Das prognostizierte Defizit der Krankenversicherung war stets höher als das tatsächliche, wie die Grafik zeigt. Laut Sozialversicherung sollen in Kraft getretene Reformen - etwa höhere Krankenversicherungs- beiträge für Pensionisten oder die "Freizeitversicherung", mit der alle Beiträge um 0,1 Prozent erhöht wurden - bereits heuer 200 Millionen Euro bringen. Können die Medikamentenkosten wie erhofft verringert werden, gäbe es 2003 keine roten Zahlen.

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