Wiener Polizist niedergestochen: Elf Jahre Haft wegen versuchten Mordes

13. August 2003, 11:26
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Beamter hatte zuvor Streit geschlichtet und mit Täter auch noch ein Bier getrunken - "Das war völlig unerwartet" - Urteil nicht rechtskräftig

Weil er laut Anklage einen jungen Polizisten umbringen wollte, musste sich am Dienstag, Gerald H. wegen versuchten Mordes vor einem Wiener Schwurgericht (Vorsitz: Friedrich Zeilinger, Staatsanwalt Christian Temsch) verantworten. Der 36-jährige Mann hatte dem Beamten in der Nacht zum 18. Jänner 2003 in Wien-Favoriten mehrmals ein Springmesser in den Hals und Nacken gestochen. Im Landesgericht rätselte man nun vor allem über das Motiv. Handfeste Beweggründe, welche die Tat erklären hätten können, fanden sich nämlich keine.

Gerald H. spielte am 18. Jänner mit einem Bekannten Karten. Er gewann innerhalb weniger Stunden 300 Euro und drängte auf rasche Auszahlung. Der Verlierer behauptete allerdings, "gelegt" worden zu sein. Er wollte nicht zahlen und rief schließlich die Polizei, als der Jüngere ihn nach der Sperrstunde sogar bis nach Hause verfolgte, um zu seinem Gewinn zu kommen.

Minuten später kam ein 24 Jahre alter Polizist vorbei, der in kürzester Zeit den Streit beilegen konnte. Gerald H. lud den Uniformierten darauf auf ein Getränk in einem nahe gelegenen Lokal ein, "weil er freundlich war und alles geschlichtet hat", wie er nun in seiner Verhandlung darlegte. Der Beamte ließ sich überreden, man trank ein Bier - nach Darstellung des Polizisten handelte es sich um Kaffee - , und wollte noch in ein anderes Wirtshaus schauen, als es an der Ecke Quellenstraße-Senefeldergasse zu dem Zwischenfall kam.

"Unerklärlich"

"Auf einmal hab' ich mein Messer rausg'nommen und auf ihn eing'stoch'n", so der Angeklagte. "Es ist mir unerklärlich warum. Vielleicht weiß es er. Vielleicht hat er was g'sagt, mich g'schimpft." 1,9 Promille Alkohol hatte Gerald H. damals im Blut, volltrunken fühlte sich der an Alkohol gewohnte Wiener nicht. "Ich hab einen Tilt g'habt. Ein Blackout", vermutete er.

"Er war die ganze Zeit in keinster Weise aggressiv. Das war völlig unerwartet", erzählte der Polizist, der nur mit viel Glück überlebte: Ein Stich verfehlte um Millimeter die Halsschlagader. Nachdem der Angreifer ihn drei Mal am Hals erwischt hatte, versuchte der 24-Jährige zu fliehen, worauf er noch einen Stich ins Genick abbekam. 60 Meter rannte er stark blutend weiter, ehe er zusammenbrach. Da ihn Gerald H. weiter verfolgte, zückte er seine Dienstwaffe und schoss diesem in den Oberschenkel. Anschließend verständigte er über sein Handy die Kollegen.

Der Beamte wurde unverzüglich ins Spital gebracht und operiert. Sechs Monate war er im Krankenstand.

Elf Jahre Haft

Gerald H. wurde im Sinn der Anklage schuldig erkannt und zu elf Jahren Haft verurteilt. Der schwer verletzte Polizist, der sich dem Verfahren als Privatbeteiligter angeschlossen hatte, bekam ein Schmerzensgeld von 5.000 Euro zugesprochen.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Verteidiger Werner Tomanek erbat sich Bedenkzeit, Staatsanwalt Christian Temsch gab vorerst keine Erklärung ab. (APA)

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