Der Herr Sansenböcker

16. August 2003, 17:37
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Wie der Verkauf von rohem Fleisch auch irgendwie was Sinnliches haben kann. Eine Sentimentalität

Der Herr Sansenböcker war doch ziemlich groß, hatte ein Gesicht und eine Frisur (weiße Haare!) wie ein Nordseekapitän und zeichnete sich vor allem durch eine Stimme aus, die ganz Weidlingau Wurzbachtal zum erzittern bringen konnte. Das wusste er und hatte seinen Spaß daran. Uns Kindern machte das zwar eher Angst, weil die Fleischhauerei Sansenböcker mit ihren weißen Fliesen, der Vitrine mit den eigenartigen Dingen dahinter (vor allem die frischen Grammeln und die hausgemachten Blut- und Leberwürste in ihrer doch immer noch äußerst organischen Anmutung wirkten recht befremdlich), mit den oftmals mitten im Lokal aufgehängten halbierten Schweineleichen und mit dem geheimnisvollen Kühlkammerl im hinteren Bereich des Geschäfts (da war eine schwere Holztüre mit einem winzigen Fenster, was da dahinter war, blieb irgendwie ein Geheimnis, aber es war kalt, es hatte was mit toten Tieren zu tun und meine Mutter fand es nicht so gut, wenn ich da reinschaue) hatte ohnehin schon was ziemlich Unheimliches. Auch an den Geruch kann ich mich noch sehr genau erinnern: eine Mischung aus Selch-Aroma, kaltem Schweinefett und natürlich auch ein bisschen Blut. Der Herr Sansenböcker brüllte außerdem immer Witze, die ich weder akkustisch noch sinngemäß verstand, lachte immer sehr laut, und alle anwesenden Frauen verdrehten dabei immer ein bisschen die Augen. Und dann schnitzte er mit seinem unsagbar scharfen Messer, von dem sowohl eine äußerst starke Faszination als auch die verführerische Aura der Gefahr ausging, immer ein kleines Herzerl in die Speckschwarte des Schweinebratens. Ich fand das super, meine Mutter und alle anderen Frauen, die beim Herrn Sansenböcker einen Schweinsbraten einkauften, verdrehten dann wieder ein bisschen die Augen. Aber er wusste schon, wie man Punkte machte, der Herr Sansenböcker, zumindest bei uns Zwergen: Das Radel Extrawurst (wenngleich sagenhaft dünn geschnitten) war für jedes Kind obligatorisch. ­ Hedwig konnte da immer bis nach Hause daran herumknabbern, bei mir war der Genuss eher eine Frage von einem Augenblick ...

Solche Fleischhauer wie den Herrn Sansenböcker kenne ich heute nicht mehr. Ich bin mir auch sicher, dass ungefähr 740 EU-Verordnungen solch einen Laden heute unmöglich machen würden, Hygiene, Verletzungsgefahr, was weiß ich. Ich weiß aber auch noch, dass man beim Herrn Sansenböcker immer was bestellen konnte, und das hielt dann stets, was einem Versprochen wurde. Da war irgendwie weniger Anonymität zwischen Kunden und Erzeuger, schön war das.

Dario Cecchini in Panzano ist in ganz Italien bekannt, hat Kultstatus: Ein Fleischhauer von mächtiger Statur mit leicht irre wirkenden, eisblauen Augen, er hat keine Schneidemaschine ­ jedes Blatt Wurst wird mit dem großen Messer geschnitten, immer nur ein Schnitt, dann wird die immense Klinge am mit Rotwein befeuchteten Wetzstein neu abgezogen. Das braucht Zeit, schon klar, aber Dario zitiert einstweilen Gedichte oder singt Opernarien ­auch er hat eine sehr laute Stimme. Natürlich sind die Sachen, die er verkauft (das fetteste und köstlichste Sugo auf der Welt, "Grasso, si, Grasso ...!") wunderbar und hervorragend, aber das ist wohl nicht der Grund, warum die Menschen von weit her anreisen und warum Amerikanerinnen und Engländerinnen mit offenem Mund und paralysiert vor Begierde zu dem singenden Fleischermeister da in dem kleinen Laden stehen. Es dürfte wohl irgendwie ein "Kauf-Glück" sein, das einem da widerfährt, das Direkte, das Zwischenmenschliche, das Un-egale, das gute Gefühl, wenn einem jemand in die Augen schaut, während er einem etwas verkauft.

Produktqualität ist das eine. Kauferotik ist das andere. Ohne das eine ist das andere eine akademische Angelegenheit, ohne das andere ist das eine pure Löwingerbühne. Eine selten gewordene Kombination jedenfalls, ein Fall für den Artenschutz.

Von Florian Holzer
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